Lokalsport

Kanarenluft bläst Wintersportlern den Marsch

Grüne Hänge, frühlingshafte Temperaturen und weit und breit kein Schnee in Sicht. Für Liftbetreiber und Skiclubs bietet der Winter 2006/2007 einen bitteren Vorgeschmack auf das, was kommen könnte.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Wenn Roland Duckek seinen Kontrollgang macht, hat er kaum Grund zur Eile. Bleiern hängt der graue Himmel überm Römerstein, am Horizont dreht ein einsamer Wanderer seine Runde. Auf der Alb herrscht winterliche Stille. Der Weg zum Arbeitsplatz ist für den 43-Jährigen dieser Tage etwas kürzer als gewohnt. Wo die Blechlawine des Skivolks ansonsten zu Ausweichmanövern zwingt, herrscht gähnende Leere auf dem riesigen Parkplatz. Seit drei Jahren ist Roland Duckek Pächter der Donnstetter Skiliftbetriebe. Seit diesem Jahr weiß er, was es heißt, sein Geld als Spielball der Wettergötter auf der Alb verdienen zu müssen.

Dabei hatte alles so gut begonnen. Zwei rekordverdächtige Winter in Folge hatten willkommene Zweifel am beginnenden Klimawandel genährt. Die Umsatzzahlen stimmten, mit einem berührungslosen Ticketsystem und neuen Livekameras hat er den Betrieb auf zukunftsfähig getrimmt. Dieser Tage jedoch eröffnen die Webcams schneehungrigen Talbewohnern via Internet Einblicke in grünbraune Hänge und triste Schotterwüsten. Das Weihnachtsgeschäft ein Totalausfall, jetzt gilt die Hoffnung den Faschingsferien, um zu retten, was zu retten ist. Immerhin: Seit 2002 lassen sich in Donnstetten Wintersportfreuden auch ohne Schnee genießen. Die Sommer-Bobbahn eigentlich als Besuchermagnet in der warmen Jahreszeit gedacht läuft jetzt auch an lauen Winter-Wochenenden.

Noch hält sich die Existenzangst auf der Alb in Grenzen; selbst dann, wenn der Schnee in diesem Winter völlig ausbliebe. "Dank der guten Jahre zuvor, ließe sich eine Saison schon überbrücken", meint Roland Duckek. Kosten für die inzwischen jährlich vorgeschriebene TÜV-Prüfung, Reparatur- und Wartungsarbeiten oder der Zwang zu Neuanschaffungen drücken auch dann aufs Portemonnaie, wenn alle Räder still stehen. Deshalb ist vorerst auch kein Ersatz für die beiden in die Jahre gekommenen Schneekanonen in Sicht, obwohl diese an kalten Tagen den Vorsprung vor der Konkurrenz sichern.

Ohne eine gehörige Portion Idealismus gingen in etlichen Liftbetrieben auf der Alb längst die Lichter aus. Ein gutes Dutzend Helfer schart Marianne Allgaier in den Wintermonaten um sich, um Gästen an der Schopflocher Pfulb Ski- und Rodelspaß zu bieten. Die meisten davon stammen aus der eigenen Familie. Berufstätig sind sie alle und nehmen für ein bescheidenens Salär eine Sieben-Tage-Woche in Kauf. Das Geschäft mit dem Winter ist auf der Alb längst keine Goldgrube mehr. Würden nicht sämtliche Wartungsarbeiten selbst in die Hand genommen, der Betrieb wäre wirtschaftlich kaum zu führen. Die 54-Jährige, die den Skilift in zweiter Generation betreibt, muss sich weit zurück erinnern, um auf ein ähnlich schlechtes Jahr wie dieses zu stoßen. Der Winter 88/89 war es, "da ist der Lift keinen einzigen Tag gelaufen", erzählt Marianne Allgaier. Doch auch in Schopfloch macht man aus der Not inzwischen eine Tugend. In der urigen "Pfulb-Hütte" am Fuß des Skihangs herrscht über Tage und am Wochenende unerwarteter Betrieb. Statt durchgefrorener Skiläufer, die sich an Jagertee und Saitenwürstchen wärmen, sind es nun Wanderer und Radfahrer, die an der Jausenstation eine willkommene Rast einlegen.

Ist der Wintersport auf der Alb ein Auslaufmodell? "Auf lange Sicht ja", meint Wolfgang Butz. Der Leiter der Skischule im VfL Kirchheim ist Wintersportler aus Passion und gibt sich dennoch keinen Illusionen hin. Sollten sich schneefreie Winter wie diese häufen, wird es für die Skiabteilungen der Vereine schwer werden, zu überleben, ist er sich sicher. "Wir geraten noch nicht in Panik", sagt Butz, "aber das Interesse am Skisport schwindet." Es sind die altbekannten Gesichter, die sich in den Vereinen tummeln. Neue Mitglieder? Fehlanzeige. Ging es früher allwöchentlich mit dem Vereinsbus auf die Alb, müssen heute oft weite Wege in Kauf genommen werden. "Vielen ist der finanzielle und zeitliche Aufwand dafür zu groß", sagt Wolfgang Butz. Der Skisport sei inzwischen leider zu dem geworden, was anfangs der Tennissport war: ein Freizeitvergnügen für Besserverdienende.

Was für den Freizeitsport gilt, wirft auch dort lange Schatten, wo sportliche Höchstleistung zählt. Im Bezirk Mittlere Alb des Schwäbischen Skiverbands stehen dieser Tage knapp 30 Renntermine auf der Kippe. Zwar kam es bisher nur vereinzelt zu Absagen, doch das könnte sich rasch ändern, hielte das milde Wetter an. Für Martin Moll, seit Mai vergangenen Jahres Vorsitzender des Skibezirks, ein ernsthaftes Problem: "Wir müssen nicht nur rechtzeitig Hänge reservieren, sondern auch geeignete Unterkünfte für die Rennläufer finden", beschreibt er das Dilemma. Schlimmstenfalls muss dies innerhalb weniger Tage geschehen. So wurden die baden-württembergischen Schülermeisterschaften am kommenden Wochenende vom frühlingshaften Todtnau notgedrungen ins schneesichere Davos verlegt. Für die ausrichtenden Vereine im Südschwarzwald ist die nahegelegene Schweiz häufigster Zufluchtsort. Mit bekannten Folgen für alle Beteiligten: "Ein Rennwochenende in der Schweiz kostet glatt das Doppelte", nennt Martin Moll einen gewichtigen Grund, weshalb im SSV der Nachwuchs ausbleibt, denn der Aufwand bleibt letztlich an den Eltern hängen.

Da bekommt ein historisches Datum ungewollt Symbolkraft: Am letzten Wochenende im Januar feiert der Schwäbische Skiverband sein 100-jähriges Bestehen. Als sportlicher Höhepunkt neben den Feierlichkeiten sind die Jubiläums-Meisterschaften in Albstadt-Ebingen vorgesehen. Soll das Wiegenfest nicht zur Trauerfeier werden, braucht es bis dahin vor allem eines: Schnee.