Lokalsport

Kein Panik-Deal im Schlussverkauf

Gäbe es einen Pokal für unglücklich terminierte Trainerwechsel, die SG Lenningen könnte derzeit schon mal den Sekt kalt stellen. Mit dem dritten Spieltag der neuen Verbandsligasaison steht die Mannschaft ohne Übungsleiter da. Nach dem überraschenden Rücktritt von Bruno Rieke will man im Täle nun einen Schnellschuss vermeiden.

BERND KÖBLE

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LENNINGEN Nerven behalten, Ruhe bewahren, aufs Wesentliche konzentrieren. Letzteres hat die Mannschaft um Spielführer Steffen Kazmaier am Dienstag zumindest beherzigt und gegen das als Abstiegskonkurrent gehandelte Team Esslingen zuhause zwei Punkte eingefahren. Am Tag der Deutschen Einheit wollte niemand im Täle Zwietracht säen am allerwenigsten die Spieler selbst. So hefteten sie den unverhofften Sieg kurzerhand ihrem Trainer ans Revers, der zwei Tage zuvor entnervt das Handtuch geworfen hatte.

Bruno Rieke erlebte den ersten Heimsieg seiner einstigen Schützlinge auf der Zuschauertribüne mit und spielte den Querpass galant zurück: Das Verhältnis zur Mannschaft sei intakt, ließ dieser wissen. Dass sie sich nach dem Offenbarungseid gegen den HC Lustenau so demonstrativ hinter ihren Trainer stellte, war zudem Balsam auf dessen wunde Seele, die in der Vergangenheit einiges wegzustecken hatte. Von Autoritätsverlust war die Rede, von Fehlern während der Saisonvorbereitung und von Stagnation in der spielerischen Entwicklung. Kritik, mit der einer wie Rieke ganz gut leben könnte: "Vieles in der Vergangenheit zielte jedoch deutlich unter die Gürtellinie", sagt der Trainer, der weiß, dass das Lenninger Publikum nicht gerade zu den gnädigsten im Lande zählt.

Entscheidend am Ende aber war das Gefühl, die Mannschaft nicht mehr zu erreichen. Rieke, der Kumpel auf der Bank, als Opfer seines Selbstverständnisses im Umgang mit den Spielern. Beim ernüchternden 14:3-Halbzeitstand am vergangenen Sonntag gegen die physisch starken Lustenauer ist der Groschen dann endgültig gefallen: "Da war mir klar, es geht so nicht mehr weiter." In jeder anderen Saison, betont der 43-Jährige, hätte er die Entscheidung noch einmal überschlafen. Doch im Schicksalsjahr der württembergischen Verbandsliga, in dem die anstehende Liga-Reform bereits den Sechstplatzierten in die Abstiegs-Relegation zwingt, kann jeder fahrlässig preisgegebene Punkt in der Endabrechnung entscheidend sein. War es eine Trotzreaktion, die die Mannschaft am Dienstag in zwei Punkte ummünzte, so hat der Trainer ihr zum Abschied zumindest nochmals einen Dienst erwiesen.

"Wenn man das Ergebnis gegen Esslingen sieht, kann nicht alles falsch gewesen sein", meint auch Hans Hahn, der die SG vor zwei Jahren in die Verbandsliga führte und noch immer freundschaftliche Bande zum Verein knüpft. Er, der dank weitreichender Kontakte in der Not ein gern gehörter Ratgeber ist, warnt vor Panikreaktionen und der Gefahr, das langfristige Ziel aus den Augen zu verlieren. "Was die Mannschaft braucht, ist ein Trainer, der die Arbeit der vergangenen Jahre fortführt", meint Hahn, der dem behutsamen Reifeprozess sogar das kurzfristige Ziel Klassenerhalt unterordnen würde. "Der Nichtabstieg sollte sicher ein Ziel sein", sagt er, "aber nicht auf Teufel komm raus." Soll heißen: das lange Zeit erfolgversprechende Tempospiel aus einer offensiven Abwehr heraus, ist das Modell der Zukunft. Auch dann, wenn der Schnellzug aus dem Täle derzeit öfters aus den Gleisen springt und von routinierten Rückraum-Recken wie zuletzt gegen Lustenau an schlechten Tagen überrollt wird.

Noch fehlt den beiden Neuzugängen Daniel Brugger und Christoph Baumann, die als frisch dekorierte württembergische A-Jugend-Meister vom Ermstal nach Lenningen kamen, die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Mit Marc Segeritz muss die SG zudem vermutlich noch weitere lange Wochen auf ihren letztjährigen Torschützenkönig verzichten. Und dennoch: Die Richtung stimmt, ist Hahn überzeugt. "Die Mannschaft hat das Potenzial, in dieser Klasse zu bestehen." Dass Hahn als Retter in der Not an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren könnte, schließt er kategorisch aus. "Vielleicht wäre es anders, wenn ich in Lenningen wohnen würde", meint er, der soeben erst den Wohnsitz berufsbedingt nach Tübingen verlegt hat.

Gestern Abend nun trafen sich in Lenningen Mannschaftsrat und Abteilungsspitze zur gemeinsamen Standortbestimmung. Abteilungschefin Silvia Klein weiß um die Ungunst der Stunde, zu Beginn der Saison den Wunschtrainer finden zu müssen. Dennoch gebe es den einen oder anderen Kandidaten, der auf jeden Fall von außen kommen soll. "Eine Respektsperson mit dem nötigen Abstand zur Mannschaft." Bis dahin werden weiterhin der Ex-Aktive Sebastian Baumann und Torwarttrainer Ralf Eberhard die Mannschaft betreuen.