Lokalsport

Kein Platz für Herbstdepressionen

Pro A: Kirchheims Basketballer fühlen sich in ihrer neuen Rolle als Gejagte wohl

Dass seine Stimme brüchiger klingt als üblich, liegt an der beginnenden Erkältungssaison. Doch auch sonst gibt sich Frenkie Ignjatovic dieser Tage eher wortkarg. Während seine Mannschaft in der Liga für Furore sorgt, gehen dem Meister des Understatements die Argumente aus. Also macht der Trainer das einzig Richtige: Er schweigt und genießt.

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Bernd Köble

Kirchheim. „No complaints“ – kein Grund zur Klage, meint er, dreht sich um und verschwindet mit einem vielsagenden Lächeln. Nicht nur Knights-Spielmacher Scott Freymond trägt demonstrativ gute Laune zur Schau. An die Erfolgsstory aus dem Vorjahr scheint nahtlos ein neues Kapitel anzuknüpfen. Kirchheims Basketballer im Oktober 2009 – das vielleicht wirksamste Mittel gegen Herbstdepressionen. Da will selbst der Trainer nicht nach dem möglichen Haar in der Suppe fischen. Ob es überhaupt etwas gibt, das er an seiner Mannschaft zur Stunde bemängelt? „Es ist nicht die Zeit, um Schwachpunkte herauszustreichen“, meint Frenkie Ignjatovic.

Er, der vom Saisonziel Klassenerhalt nicht abrücken mag, muss derzeit vieles neu auf den Prüfstand stellen. Die Rolle des Überraschungsteams jedenfalls sind die Kirchheimer endgültig los. Grund dafür ist weniger die Tatsache, dass die Knights nach drei Spieltagen in der Tabelle ganz oben stehen. Es ist die Art und Weise, wie die Mannschaft zu Saisonbeginn in den Fokus der Liga drängt. Das erste Heimspiel gegen den BBL-Absteiger aus Nördlingen dürfte nicht nur aus Trainersicht das beste gewesen sein, was der Basketballsport in der Teckstadt bis dahin zu bieten hatte. Da gerät selbst der nicht gerade für euphorische Gefühlsausbrüche bekannte Trainer ins Schwärmen: „Ich wusste, dass wir einen schnellen Ball spielen können“, sagt Ignjatovic. „Doch das Spiel gegen Nördlingen und die zweite Hälfte gegen Jena übertraf alle meine Erwartungen.“

„Du musst das spielen, was die Mannschaft kann“, hatte der Coach vor Saisonbeginn tempogeladene Begegnungen und viel Offensivgeist versprochen. Da steckte einiges an Zweifeln drin. Schließlich scheut ein Defensivstratege wie Ignjatovic kaum etwas mehr, als ungezügelten Sturm und Drang. Jetzt erlebt der Trainer eine Mannschaft, die vorne das Tempo diktiert und den Gegner unterm Korb kaum zur Entfaltung kommen lässt. Am Samstag in Jena las sich das in Zahlen ausgedrückt so: 101:67 – der erste Sieg überhaupt, den Ignjatovic in seiner Trainerkarriere bei den Thüringern verbuchen konnte.

Das Räderwerk greift und es läuft wie am Schnürchen. Wenn Fehler passieren, dann sind sie meist dem hohen Tempo geschuldet. Ein Tempo, das möglich ist, weil es Alternativen gibt. Mit den beiden Ludwigsburgern Chennoufi und Heyden an Bord, die zunächst bis Ende November sämtliche Spiele im Kirchheimer Dress bestreiten sollen, spricht der Trainer von einer „großen Rotation“. Wen immer er zuletzt aufs Feld schickte, die Reservisten fügten sich nahtlos ins Schema. Allen voran David Michalczyk, der sich bei seinem ersten Auftritt vor heimischem Publikum gegen Nördlingen in die Herzen der Fans spielte.

Dass das Gefüge stimmt, spiegelt die Stimmung in der Mannschaft wider. „Die Atmosphäre war schon in der vergangenen Saison gut. In diesem Jahr ist sie besser“, meint Ignjatovic, dem es gelungen ist, aus der üblichen Söldnertruppe eine harmonierende Einheit zusammenzuschweißen. Seine Strategie, menschliche Qualitäten im Zweifel spielerischer Klasse vorzuziehen, scheint aufzugehen. Eine gehörige Portion Glück gehört freilich auch dazu, schließlich wurden sämtliche Schlüsselpositionen vor Saisonbeginn neu besetzt. Scott Freymond übernahm ohne Startschwierigkeiten das Kommando in der Schaltzentrale und Ryan De Michael steht in puncto Reboundstärke seinem Vorgänger Adam Baumann bisher in nichts nach. Hinzu kommen die beiden Routiniers Gordon Scott und Radi Tomasevic, die im Herbst ihrer Karriere vor Tatendrang strotzen. Vor allem der gebürtige Serbe, der sich im Vorjahr in die deutsche Starting Five der Pro A spielte, scheint nach turbulenten Jahren in der ersten Liga endlich Frieden mit sich und den Trainern geschlossen zu haben. „Radi und ich sprechen dieselbe Sprache“, sagt Frenkie Ignjatovic und meint damit nicht nur die gemeinsame Herkunft.

Am Samstag nun wartet mit dem Heimspiel gegen Karlsruhe die bisher schwerste Prüfung auf die Ritter. Die unverhohlene Freude darauf spricht für das Selbstvertrauen der Mannschaft. „Das wird ein Fest in eigener Halle“, meint Scott Freymond, der sich auf ein Wiedersehen mit dem Neu-Karlsruher Tobias Stoll freut, mit dem er in den USA vor Jahren gemeinsam im Collegeteam stand. Frenkie Ignjatovic schöpft seine ganz eigene Motivation aus der Vergangenheit: „Die Auswärtsniederlage in Karlsruhe vergangenes Jahr, als uns 200 mitgereiste Kirchheimer am Ende gefeiert haben, war für mich das emotionalste Spiel der ganzen Saison“, verrät der Trainer und verspricht: „Wir werden alles tun, um das den Fans am Samstag zurückzuzahlen.“