Lokalsport

Keine Lust auf 08/15-Sport

Stockschießen am Albtrauf: Rot-Weiss-Austria kennt keine Nachwuchssorgen

Was hat Erkenbrechtsweiler mit Köln, Berlin, Dortmund und Stuttgart gemeinsam? Neben den Fußballbundesligavereinen verbindet alle noch etwas anderes: Stockschießbahnen. Die dem Curling ähnliche Sportart wird auch bei Rot-Weiss-Austria in Erkenbrechtsweiler gespielt. Vor allem von Jugendlichen.

Noëlle Reiter nimmt Maß: Die 16-Jährige ist eines von fünf Mitgliedern der RWA-Jugendmannschaft, die regelmäßig auf der vereinse
Noëlle Reiter nimmt Maß: Die 16-Jährige ist eines von fünf Mitgliedern der RWA-Jugendmannschaft, die regelmäßig auf der vereinseigenen Bahn an der Beurener Steige trainieren. Fotos: Carsten Riedl

Erkenbrechtsweiler/Beuren. Donnerstagabend kurz vor 19 Uhr in der Nähe des Beurener Freilichtmuseums. Oberhalb der Erkenbrechtsweiler Steige liegt am Waldrand zwischen hohen Bäumen idyllisch das Vereinsgelände von Rot-Weiss-Austria. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen den großen Fußballplatz und die beiden Stockbahnen in weiches oranges Licht.

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Langsam kehrt Leben ein auf dem Vereinsgelände neben dem Wanderparkplatz an der Steige. Josef Wan­daller, Vereinsvorstand und – wie man am Dialekt hört – waschechter Österreicher, schließt das braun gestrichene Vereinsheim der Stockschützen auf und öffnet die Holzläden. Drinnen sieht es aus wie in einem gemütlichen Pub mit Tresen, Tischen und Stühlen. Während Wandaller auf die anderen Vereinsmitglieder wartet, holt er aus einer größeren Gartenhütte nebenan schon einmal ein paar bunte Stöcke heraus. Die Sportgeräte der Stockschützen bestehen aus einem langen Griff, einem flachen runden Körper und unterschiedlich schnellen Laufscheiben. Sie sind jeweils 3,8 Kilo schwer, haben einen Durchmesser von 27 Zentimetern und sind gut 30 Zentimeter hoch.

„Hei Pepi, wie geht’s?“ – Eine junge Frau mit lila-rosa-blond gefärbten Haaren kommt um die Ecke und begrüßt den Vorstand freundschaftlich. Noëlle Reiter ist 16 Jahre alt und kommt aus Beuren. Obwohl ihr Aussehen eher vermuten lässt, dass sie einer Hip-Hop-Gruppe angehört, ist sie Mitglied der fünfköpfigen Stockschützen-Jugendmannschaft von Rot-Weiss-Austria, die einmal pro Woche trainiert.

Eine Jugendmannschaft in einem Stockschützenverein ist eher außergewöhnlich. Darum ist Vereinschef Josef Wandaller auch besonders stolz auf „seine Jungen“. „Wir haben 94 Vereinsmitglieder. Die Frage ist nicht, wann wir das 100. ehren“, witzelt der 75-Jährige. „Bei uns ist es eher so, dass uns jedes Jahr zwei Mitglieder wegsterben.“

Nach und nach trudeln die anderen Mitglieder der Jugendmannschaft ein. Andy, der 23 Jahre alte Trainer aus Beuren, sein künftiger Schwager Dennis aus Hengen sowie Tobias und Kay aus Schlattstall. „Ich hatte keine Lust auf eine 08/15-Sportart“, erzählt Noëlle, die früher Karate gemacht hat. Ähnlich sehen das die anderen auch. Stockschießen sei keinesfalls eine „Langweilersportart“, darüber sind sich alle einig. „Für uns stehen die Kameradschaft und Bewegung an der frischen Luft im Vordergrund“, sagt Trainer Andy.

Dann geht das Training los. Noëlle geht in die Knie, holt mit dem Stock aus, schwingt ihn ein paar Mal hin und her, zielt und lässt ihn los. Mit einem schabenden Geräusch schlittert der Stock über die Pflastersteine und bleibt am Ende der 38 Meter langen Bahn stehen. Ganz in der Nähe eines schwarzen Pucks aus Plastik, der sich Daube nennt – Ziel erreicht. Die Regeln sind ähnlich wie beim Boccia oder Boule. Es gilt, so nah wie möglich ans Ziel zu kommen.

Bei einem Turnier spielen immer zwei Mannschaften mit je vier Spielern gegeneinander. Jeder Spieler hat einen Schuss. Die erste Mannschaft legt vor und platziert einen Stock so nah wie möglich an die Daube. Die andere Mannschaft versucht, die gegnerischen Stöcke wegzuschießen und selbst näher an die Daube zu kommen. Gewonnen hat, wer nach sechs Durchgängen, die Kehren genannt werden, die meisten Punkte hat.

Ein Erfolgserlebnis hat die Jugendmannschaft von Rot-Weiss-Austria auch schon. Bei ihrem allerersten Turnier zum zehnten Geburtstag der Stockbahn in Erkenbrechtsweiler belegte der Nachwuchs gleich den zweiten Platz von insgesamt 16 Mannschaften. „Das war eine Meisterleistung“, lobt Altmeister Josef Wandaller, der für alle fünf Jugendspieler ein sportliches Vorbild ist.

Trotzdem suchen die Youngsters weiter nach neuen Mitspielern, damit sie innerhalb des nächsten Jahres am Stockbahn-Ligabetrieb teilnehmen können. Deshalb machen sie kräftig Werbung für ihren Sport. Sie planen eine Plakataktion, werben in ihrem Facebook-Auftritt und laden am 23. Juli alle interessierten Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren zu einem Tag der offenen Tür auf ihr Vereinsgelände ein.