Lokalsport

Kindersport: Wirkt besser hält länger

Experten sind sich einig: Je früher Kinder ihre Freude an der Bewegung entdecken, desto besser für die weitere Entwicklung. Doch wer seinem Nachwuchs bereits im Vorschulalter entsprechende Grundlagen vermitteln will, sucht meist vergeblich nach passenden Angeboten im Verein. Im TSV Weilheim ist man seit drei Jahren bemüht, diese Lücke zu schließen. Der Weilheimer Kindersport ein Erfolgsmodell.

BERND KÖBLE

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WEILHEIM Rope-Skipping klingt cooler als Seilhüpfen. Einfacher wird es dadurch nicht. Wären da nicht Schienbein oder Fußknöchel, die dem Nylonstrick im Wege stehen. Der richtige Schwung will gelernt sein. Deshalb erklärt die Kursleiterin geduldig Grundtechniken und korrigiert Fehler. Aller Anfang ist schwer, doch ist der erst einmal gemacht, lässt der Spaß nicht lange auf sich warten. Um Spaß geht es hauptsächlich im Rope-Skipping-Kurs in der Weilheimer Wühlehalle. Seilhüpfen ist zwar nicht der einzige, aber ein guter Weg, um Kindern auf spielerische Weise Freude an Bewegung zu vermitteln. Allein daran war den Initiatoren gelegen, als sie im Sommer 2005 das Projekt Weilheimer Kindersport ins Leben riefen.

"Früh beginnen, aber nicht früh spezialisieren", lautet der Leitsatz. Kinder zu lebenslangem Sport motivieren ist das ehrgeizige Ziel. "Ein hoher Anspruch", wie Christina Schwarz gesteht. Die 28-jährige Diplom-Sportlehrerin aus Tübingen begleitet seit drei Jahren als Honorarkraft das Projekt. Anfangs noch gegen den Widerstand von Vereinsvertretern, die bezahlte Konkurrenz im eigenen Revier witterten. Inzwischen allseits anerkannt. Rund 400 Kinder und Jugendliche finden im Weilheimer Kindersport das passende Angebot. Vom Eltern-Kind-Turnen für Kinder ab zweieinhalb Jahren bis zum Jugendsport für über 13-Jährige. Damit erreicht das Angebot vor allem diejenigen, die sich nicht schon früh auf eine Sportart festlegen wollen. Andere wiederum sehen im Kindersport die perfekte Ergänzung zu Fußball, Handball oder Tischtennis. "Die Eltern haben den sportwissenschaftlichen Ansatz sehr schnell verstanden", stellt Christina Schwarz fest. Deshalb ließ auch der Erfolg nicht lange auf sich warten. "In den ersten beiden Jahren wurden uns fast die Türen eingerannt." Inzwischen habe sich die Nachfrage auf einem soliden Niveau eingependelt.

"Es geht um eine möglichst vielseitige, sportartenübergreifende Grundlagenausbildung", beschreibt die Projektleiterin die Ziele. Dafür arbeiten sämtliche Trainer nach einem einheitlichen Lehrplan, der in unterschiedlichsten Sport- und Spielformen Ausdruck findet. Mal geht es um die Schulung von Ausdauer und Beweglichkeit, mal stehen koordinative Fähigkeiten im Vordergrund oder werden Grundlagen für die wichtigsten Ballsportarten gelegt. Auch das Gruppenerlebnis zählt: etwa beim gemeinsamen Besuch in der Kletterhalle oder bei Ereignissen wie dem ersten Weilheimer Kinderbiathlon im vergangenen Jahr. Die Art und Weise wie Kinder Sport und Bewegung wahrnehmen, ist Christina Schwarz überzeugt, entscheidet darüber, ob sie ein Leben lang dabei bleiben.

Die Grundidee ist einfach: Spaß statt Leistungsdruck, Experimentierfreude statt Schubladendenken. Jeder soll nach seiner individuellen Fähigkeit sein Glück finden können. Das setzt eine Vielfalt voraus, wie sie einzelne Abteilungen im Verein nicht bieten können. Die Nachfrage zeigt, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist. Kurse wie "Rope-Skipping" oder "Dancing Kids" für tanzbegeisterte Mädchen und Jungen bis Klasse fünf sind inzwischen derart gefragt, dass die Gruppen geteilt werden mussten. Das Besondere daran: Wer Mitglied im TSV Weilheim ist, bezahlt für das umfangreiche Kursangebot keinen Cent zusätzlich. Fortbildung und Aufwandsentschädigungen für die insgesamt acht Übungsleiter, bei denen es sich fast ausschließlich um ausgebildete Sportlehrer handelt, werden zu zwei Dritteln aus Beiträgen bestritten. Der Rest wird über Spenden finanziert.

Ein kleiner aber entscheidender Unterschied zur Kindersportschule (KISS) des Schwäbischen Turnerbunds, auf die sich das Weilheimer Angebot inhaltlich bezieht. KISS entstand Anfang der Neunziger als Reaktion auf die katastrophalen Bedingungen an den Grundschulen, wo noch immer 80 Prozent der Sportstunden fachfremd unterrichtet werden. "Wir wollten ein Angebot für alle schaffen, ohne dass horrende Kursbeiträge dafür bezahlt werden müssen", sagt Rainer Braun. Der hauptamtliche Landestrainer ist nicht nur geistiger Urheber des Projekts, sondern seit sieben Jahren auch Vorsitzender des TSV Weilheim. Die Zahl der Mitglieder ist seitdem deutlich angestiegen der Vereinsbeitrag nicht. Dass sich die Weilheimer im landesweiten Vergleich der Mitgliederbeiträge noch immer im hinteren Drittel bewegen, ist ebenfalls eine Weilheimer Besonderheit und dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass sich lokale Unternehmen spontan als Geldgeber für die Idee gewinnen ließen.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten ist eine weitere tragende Säule des Projekts. Sie stellen nicht nur Räume zur Verfügung, im Rahmen des Konzepts "bewegte Schule" werden Angebote des Kindersports auch in den Schulalltag integriert und an Stundenplänen ausgerichtet. Anregungen und Wünsche nach neuen Angeboten gibt es zuhauf. Etwa nach einer Rückenschule für Kinder oder einem Lauftreff für Jugendliche. "Entscheidend ist, was personell machbar ist", meint Christina Schwarz.

Der Kindersport in Weilheim hat indes gute Aussichten, erwachsen zu werden: Der Ausbau des Schulzentrums Wühle zur Ganztagesschule nimmt ebenso konkrete Formen an wie die Pläne für eine neue Ballsporthalle. Beides wäre ein wichtiger Schritt, um die ernüchternden Statistiken zur Fitness von Kindern- und Jugendlichen eines Tages Lügen zu strafen.

INFOKindersport im TSV WeilheimZahl der Mitglieder unter 18 Jahren: 1 121Jährlicher Mitgliedsbeitrag: 50 EuroTrainingsstätten: Sporthalle Wühle, Limburg-Grundschule, Kindergarten BahnhofstraßeAnsprechpartner: Christina Schwarz, Telefon 0 70 23/90 87 13 (TSV-Geschäftsstelle) Internet: www.tsv-weilheim.de