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„Kirchheim hätte genügend Potenzial für die erste Liga“

Knights-Coach Frenkie Ignjatovic im Interview: Über die Gründe des derzeitigen Erfolgs und ein Tabuthema

Viele halten ihn für den besten Trainer der Liga, weil er die Gabe hat, aus wenig viel zu machen. Von Cuxhaven bis Karlsruhe wächst der Verdacht, dass das Kirchheimer Basketball-Märchen kein Zufall ist. Warum man für Erfolg keine Millionen braucht, und weshalb die erste Liga noch immer ein Tabuthema ist, wollten wir von Frenkie Ignjatovic wissen.

„Kirchheim hätte genügend Potenzial für die erste Liga“
„Kirchheim hätte genügend Potenzial für die erste Liga“

Zehn Siege nach 13 Spielen, der Abstand zu Platz drei inzwischen schon vier Punkte. Sind die Knights so stark oder ist die Liga so schwach?
Ignjatovic: Die Liga ist ganz sicher nicht schwach. Sicher fehlt dieses Jahr eine Mannschaft wie der FC Bay­ern. Ich schätze den MBC aber fast genauso stark ein, und Düsseldorf ist für mich ein schlafender Riese. Nein, wir sind gut drauf. Die Jungs glauben an sich, das ist eine einfache Erklärung. Das hat man zuletzt in Cuxhaven gesehen, als wir trotz eines 17-0-Laufs des Gegners die Ruhe bewahrt haben, und das sehe ich jeden Tag im Training. Die Charaktere haben sich gefunden, die Mannschaft harmoniert einfach. Trotzdem ist es für mich eine Momentaufnahme. Auch wenn wir über Weihnachten Zweiter bleiben, heißt das für mich nicht, dass wir um den Aufstieg spielen. Die Phase wird kommen, in der auch wir Probleme bekommen werden. Die Saison ist lang, der Verschleiß groß und unsere Rotation nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Wenn sich ein Leistungsträger verletzt, sind wir nicht in der Lage, so schnell zu reagieren wie vielleicht andere Mannschaften mit mehr Geld.
Deshalb soll spätestens im Januar noch einmal eingekauft werden. Was muss der neue Mann mitbringen?
Ignjatovic: Es muss jemand sein, der die Liga kennt, der zumindest schon einmal in Europa gespielt hat und der unterm Korb Entlastung bringt. Doug Thomas wäre genau der Richtige gewesen. Das zeigt sich jetzt. Ich habe erfahren, dass er inzwischen mit den San Antonio Spurs die Vorbereitung bestreitet und auf einen Vertrag in der NBA hofft.
Was war mit Marcus Smallwood? Der hat jetzt in Vechta unterschrieben.
Ignjatovic: Das Thema ist für mich erledigt. Ich schätze Marcus sehr, er ist ein harter Arbeiter und ein kompromissloser Fighter, aber das Risiko war uns zu groß. Ich brauche einen Spieler, der auch mal akzeptiert, dass er von der Bank kommt. Das hat Marcus Smallwood zuletzt nicht einmal beim MBC geschafft. Die Gefahr, dass mit ihm Unruhe in die Mannschaft gekommen wäre, war einfach zu groß.
Wann gibt es eine Entscheidung?
Ignjatovic: Wir haben einen heißen Kandidaten, dessen Namen ich noch nicht nennen möchte, bevor der Vertrag unterschrieben ist. Da bitte ich einfach um Verständnis. Ich hoffe, dass die Sache rasch geklärt werden kann und er schon nach Weihnachten auf Probe mittrainiert.
Was sind die Gründe für den momentanen Erfolg und was ist anders als im letzten Jahr?
Ignjatovic: Ich glaube einfach, dass die Erwartungen von allen Seiten in diesem Jahr nicht so groß waren. Wir hatten große Namen wie Ryan DeMichael, Marcus Smallwood oder auch Gordon Scott nicht mehr dabei. Stattdessen kamen  mit Dominik Schneider, Devin Uskoski und Ahmad Smith drei Spieler aus der Pro B dazu. Radi und Cedric werden zudem nicht jünger. Da haben sich anfangs viele gefragt, kann das funktionieren?
Waren Sie sich Ihrer Sache immer sicher oder war dabei einfach auch das nötige Glück im Spiel?
Ignjatovic: Ich rede ungern von Glück, wenn man auf diesem Level arbeitet. Man muss Glück auch erzwingen. Mir war klar, dass viel davon abhängen wird, wie wir in die Saison starten würden. Da hatte ich ehrlich gesagt Sorgen. Mir hat damals in der Vorbereitung gegen Tübingen eine Halbzeit gereicht, um zu wissen, dass Ahmad Smith für uns genau der Richtige ist. Dann kam seine Verletzung und keiner wusste genau, wann er zurückkommt. Jetzt haben wir zum ersten Mal einen echten Playmaker und ich meine, einen der Besten. Ich traue mich zu sagen, mit ihm hätten wir auch das Auftaktspiel in Düsseldorf nicht verloren.  Devin Uskoski ist eine Bereicherung in jeder Hinsicht, auch das stand für mich schon vor der Saison fest. Er hat so viel positive Energie und ist ein richtiger Fighter. Das kommt in Kirchheim immer gut an. Als er dann allerdings zum Spieler des Jahres in der Pro B gewählt wurde, sah ich unsere Felle schon davonschwimmen. Ich war in Ehingen beim Play-off-Finale dabei und wollte nach dem Spiel eigentlich mit ihm reden. Dann erlebte ich den ganzen Tumult mit den Fans, seine Auszeichnung für den besten Spieler. Da wusste ich, das macht keinen Sinn, und bin nach Hause gefahren. Im August hat er sich dann bei mir gemeldet.
Wenn die ganze Liga über Kirchheim redet, geht es nicht nur um die Mannschaft, sondern auch um Frenkie Ignjatovic. MBC-Coach Silvano Poropat hat vor Wochen gesagt, für ihn wären Sie der beste Trainer der Liga. Wie sehr ehrt  einen das?
Ignjatovic: Das habe ich nicht gehört.
Fragt man sich nach vier so erfolgreichen Jahren in Kirchheim nicht, ob es das gewesen sein soll?
Ignjatovic: Zum Glück kann ich sagen, dass ich in den sieben Jahren, die ich in der Bundesliga arbeite, noch keine schlechte Saison hatte. Ich muss mir also nichts beweisen. Natürlich wäre die erste Liga eine reizvolle Aufgabe. Ich fühle mich in Kirchheim aber nach wie vor sehr wohl und möchte meinen Vertrag auch erfüllen. Ich fürchte zudem, ich habe einen zu schlechten Ruf. Ich mache mit wenig Geld Erfolg. Das spricht sich herum. Deshalb habe ich noch kein Angebot bekommen von einem Verein, der Geld hat (lacht).
Da bleibt nur eines: mit den Knights in die erste Liga.
Ignjatovic: Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt schon in der Pro A über unsere Verhältnisse leben. Es gibt in der Pro B mindestens fünf Vereine, die einen größeren Etat haben als wir. Außer uns gibt es mit der BG Leitershofen/Stadtbergen und Essen zudem nur noch zwei Mannschaften in der Liga, die keinen reinen Profistatus haben. Wenn Sebastian Adeberg im Januar seinen Job antritt, haben wir mit Nils Menck und Radi Tomasevic drei Stammspieler, die neben dem Sport voll im Berufsleben stehen. Vor allem Radi leidet derzeit darunter, weil es für ihn nach 16 Profijahren eine völlig neue Situation ist. Er ist ein Spieler, der in vier Jahren kein einziges Training verpasst hat. Für ihn tut es mir deshalb besonders leid, dass er momentan seinen Rhythmus nicht findet.
Professionelle Strukturen fehlen aber nicht nur in der Mannschaft.
Ignjatovic: Das stimmt. Nach vier Jahren wird immer deutlicher, dass man mit den bestehenden Strukturen in Kirchheim an Grenzen stößt. Der Trend in der Pro A geht in eine klare Richtung. Ohne eine Vollzeitkraft, die sich neben dem Trainer um alles Organisatorische kümmert, geht es heute nicht mehr. Das merken die Gesellschafter jeden Tag. Ich meine, man muss jetzt diese Erfolgsphase nutzen, um die Strukturen für die Zukunft zu festigen. Es werden auch wieder unruhigere Zeiten kommen. Da fällt das dann viel schwerer.
Kirchheim kann sich die erste Liga nicht leisten, das ist breiter Konsens. Andere Frage: Wie lange kann es sich Kichheim noch leisten, nicht über die erste Liga zu reden?
Ignjatovic: Diese Frage würde ich direkt weiterleiten ins Rathaus. Ich will mich jetzt einmal ein Stück aus dem Fenster lehnen und behaupte: Wenn wir hier eine erstligataugliche Halle hätten, gibt es in Kirchheim mit seinem ganzen sportlichen Umfeld genügend Potenzial, um in der ers­ten Liga bestehen zu können. Mein Angebot gilt: Baut eine Halle und ich garantiere euch, dass wir nicht absteigen.
Sie sagen also, man muss über den Aufstieg reden?
Ignjatovic: Ich sage nicht, wir sind ein Aufstiegskandidat. Das will ich betonen. Wenn man aber das dritte Jahr in Folge unter den ersten fünf in der Pro A steht, muss man irgendwann den Anspruch haben, zumindest offen und konstruktiv darüber zu reden. Ich werde immer wieder konfrontiert mit dieser Frage, und es gibt tausend Gründe zu sagen, das wäre Schwachsinn. Ich finde aber, man muss sachlich auch die Chancen prüfen. Cuxhaven beispielsweise hat zweimal auf den Aufstieg verzichtet und jedes Mal im Folgejahr gegen den Abstieg gekämpft. In diesen Jahren hat der Club mehr zur Rettung in die Mannschaft gesteckt, als wenn sie aufgestiegen wären. Ich bleibe dabei, das Hauptproblem ist die Halle, denn das Ganze kann nur funktionieren, wenn man in Kirchheim bleibt.
Es gibt aber auch einen vorgeschrieben Mindestetat, der bei 1,1 Millionen Euro liegt.
Ignjatovic: Dabei geht es immer um eine rechnerische Summe, die man nachweisen muss. Kein Mensch schreibt vor, dass man dieses Geld auch auszugeben hat. Das ist etwas, worüber keiner redet. Ich weiß, was Mannschaften wie Tübingen, Göttingen oder Gießen kosten. Dass es an der Spitze Klubs gibt, die drei Millionen und mehr investieren, steht außer Zweifel. Die Frage ist aber immer, wieviel Geld willst du ausgeben. Meine Devise lautet immer: Mit ganz viel Geld lassen sich auch ganz viele dumme Sachen machen.
Was also wäre Ihr größter Wunsch zum Saisonende?
Ignjatovic: Dass wir in die Play-offs kommen und dort Heimvorteil hätten. Das wäre die größte Belohnung für die Mannschaft und für die Fans in einer tollen Saison.

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