Lokalsport

Kirchheim mit der zweiten Chance

Die Kunstturnerinnen des VfL Kirchheim klopfen an die Tür zur ersten Liga. Ein Jahr nach dem knappen Scheitern in der Aufstiegs-Relegation gegen den SSV Ulm nimmt die VfL-Riege zum zweiten Mal Anlauf auf den Thron. Ein dritter Platz am Samstag in Chemnitz würde dem Tabellenführer der zweiten Liga reichen, um am 5. November vor eigenem Publikum im Finale zu stehen.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Vorbei und vergessen. Die Enttäuschung über den in letzter Minute verpassten Aufstieg im vergangenen Jahr ist bei den Kunstturnerinnen des VfL Kirchheim längst neuer Angriffslust gewichen. Wenn es am 5. November in der Kirchheimer Sporthalle Stadtmitte erneut zum großen Showdown im Kampf um einen Aufstiegsplatz in die höchste deutsche Wettkampfklasse kommt, will man diesmal den Sack zumachen. Der Optimismus ist berechtigt, denn die Chancen, als eines der vier bestplatzierten Zweitligateams vor eigenem Publikum in die Relegationsrunde einzuziehen, stehen gut. Dass der derzeitige Tabellenführer das Minimalziel Platz drei am kommenden Samstag in Chemnitz noch verfehlen könnte, daran mag in VfL-Kreisen niemand glauben.

Am allerwenigsten Dr. Herbert Leikov, Sportwissenschaftler an der Uni Stuttgart und seit fast 20 Jahren Kunstturntrainer beim VfL. Er führte die Mannschaft Mitte der neunziger Jahre von der Verbands- in die Regionalliga und glaubt nun im dritten Zweitligajahr fest an den Erfolg. Auch wenn der wohl zunächst auf tönernen Füßen stünde. Der Sprung in die erste Liga ist groß, aber durchaus zu packen, glaubt Leikov. Denn hinter einer Handvoll arivierter Clubs wie Stuttgart oder Köln, die mit ihren Stützpunkt-Teams den Großteil des Nationalkaders stellen, beginnt ein breites Mittelfeld mit Mannschaften, die an guten Tagen zu schlagen wären. "Keiner kann erwarten, dass wir uns im Erfolgsfall vom Start weg in der Bundesliga etablieren", schränkt Leikov ein. Der Weg zum Klassenerhalt müsste vermutlich über neue, zugkräftige Namen führen so wie in anderen Sportarten eben auch. Eine zusätzliche starke Turnerin wäre dem Trainer zufolge vonnöten, um den achtköpfigen Kader auch mittelfristig auf Erstliga-Niveau zu trimmen. Auf der Suche nach Verstärkung hielte der VfL gleich zwei Trümpfe in der Hand: die traditionell guten Kontakte zum Stuttgarter Kunstturnforum und der Ruf, anerkannt gute Nachwuchsarbeit zu leisten.

Die Mannschaft hat zweifellos Perspektive, auch wenn die von der Entwicklung aussichtsreicher Talente abhängen wird, die sich um die etatmäßigen Vierkämpferinnen Daniela Flaig, Lisanne Lichner, Tatjana Würslin und Nina Leikov gruppieren. Zwischen der ersten Garde mit der 25-jährigen Daniela Flaig an der Spitze und dem nach oben drängenden Nachwuchs klafft eine Generationenlücke. Turnküken wie die erst 12-jährige Pia Pohl oder die exzellente Balkenturnerin Carolin Riethmüller werden lernen müssen, ihr akrobatisches Talent im Wettkampf umzusetzen. In diesem Punkt ist der Trainer gefordert. Den Jüngeren die nötige Stabilität zu verleihen, damit im entscheidenden Moment die Nerven keinen Streich spielen. Das heißt oft auch, im Training rechtzeitig die Bremse zu treten und überbordenden Ehrgeiz in die richtigen Bahnen zu lenken.

Fünf dreistündige Trainingseinheiten absolviert die Mannschaft pro Woche. Das ist ein enormes Pensum, das körperlich und mental hohe Anforderungen an alle Beteiligten stellt. Mehr wird in der Regel auch bei erstklassigen Teams kaum trainiert. "Nicht der Trainingsumfang ist entscheidend, sondern die Qualität", betont Herbert Leikov und kratzt damit an einem wunden Punkt im Kirchheimer Umfeld. Unstrittig ist: Der Sprung in die Bundesliga wäre für den VfL als Verein mittlerer Größe mit denkbar schlechten Rahmenbedingungen eine enorme Leistung. Dass die Talentschmiede der Kunstturnabteilung seit vielen Jahren satte Erträge einfährt, ist allein das Verdienst eines Häufleins unerschütterlicher Idealisten, die ihre Freizeit dem Sport widmen.

Von Trainingsvoraussetzungen wie sie gar manche Zweitligateams dank ihrer räumlichen Nähe zu Leistungszentren vorfinden, kann man in der Teckstadt indes nur träumen. Statt an fest stehenden Geräten trainieren zu können, muss in der altehrwürdigen Konrad-Widerholt-Halle ein beträchtlicher Teil der wertvollen Trainigszeit für Auf- und Abbauarbeiten geopfert werden. Besserung ist frühestens mit dem Bau der neuen Sporthalle bei der Raunerschule in Sicht. Dort könnte eines Tages der Geräteparcours der Kunstturner nebenbei als schulische Bewegungslandschaft genutzt werden. Dies alles ist derzeit noch Zukunftsmusik wie auch der VfL Kirchheim zur Stunde noch nicht erstklassig turnt. Für VfL-Trainer Herbert Leikov wäre der Aufstieg fraglos die Krönung jahrelanger Aufbauarbeit. Etliche seiner Schützlinge betreut er von Kindesbeinen an, hat mit ihnen die im Turnsport so kritischen Pubertätsjahre gemeistert. "Wenn du dann am Ende oben stehst, ist alle Mühe vergessen", sagt er. Am 5. November fällt die Entscheidung.