Lokalsport

Lebenslanger Sport als Überlebensstrategie

Auch mit 82 gibt es gute Gründe, aktiv zu sein

Fast 100 Jahre ist das Deutsche Sportabzeichen alt. Seit 1961 bietet es spezielle Kriterien für Menschen mit Behinderung. Die haben mitunter ganz eigene Gründe, sich zu motivieren. ­So wie der 82-jährige Gerd ­Gottwald aus Dettingen.

Bernd Köble

Dettingen. Seine Erinnerungen füllen ganze Ordner: Urkunden, Zeitungsausschnitte, Fotos. Das alles liest sich wie die Chronik des deutschen Versehrtensports – von den Fünfzigerjahren bis zur Gegenwart. Sport ist für Gerd Gottwald ein Lebensbegleiter. Obwohl er seit einem dramatischen Kriegserlebnis nur noch auf einem Bein im Leben steht. Als 17-Jähriger hat er sein Schicksal akzeptiert und sich auch sportlich nicht vom Weg abbringen lassen. Nicht als begeisterter Schwimmer, nicht als Kunstspringer und auch nicht als Geschicklichkeitsfahrer auf dem Motorrad.

Als heute 82-Jährigen zieht es ihn regelmäßig noch immer dort hin, wo er sich am wohlsten fühlt: ins Wasser. Wenn er deutlich jüngere Schwimmbadbesucher mit stilsicheren Sprüngen vom Drei-Meter-Brett verblüfft, ist das auch ein Stück Genugtuung. Er besitzt den Leistungsschein der DLRG und das Deutsche Schwimmabzeichen in Gold. Alles Prüfungen wohlgemerkt, die sich an gesunden Sportlern orientieren. Dass er als Ehrenmitglied im VfL Kirch­heim alljährlich das Sportabzeichen erwirbt, versteht sich da fast von selbst. Immerhin gibt es hier seit mehr als vier­zig Jahren eine eigene Kategorie für Menschen mit Behinderung. 36 Urkunden hat er im Laufe der Jahre gesammelt. Es wären deutlich mehr, hätte er nicht manchmal vergessen, den Prüfungsschein abzugeben.

Und wofür das alles? Um im Sportjargon zu bleiben, könnte man sagen: Um auf den Punkt hin fit zu sein. Bei ihm klingt das so: „Wenn sich ein Mensch in Lebensnot befindet, will ich in der Lage sein, zu helfen.“ So wie damals, als er mit 16 Jahren ein Mädchen vor dem Ertrinken rettete. Für ihn ein Schlüsselerlebnis, das bis heute Motivationshilfe ist.

„Andere sind übergewichtig – mir fehlt ein Bein“

Den Körper so weit fit zu halten, dass er in Notlagen reagieren kann, betrachtet er als Selbstverständlichkeit. „Andere sind übergewichtig – mir fehlt ein Bein“, sagt er. „Beides sollte keine Ausrede sein.“ Deshalb versucht der Witwer seit vielen Jahren, behinderten Mitmenschen etwas von jenem Sportsgeist einzuimpfen, von dem er glaubt, dass er ihm heute ein Leben ohne fremde Hilfe ermöglicht. Er war Gründungsmitglied der Versehrtensport-Abteilung im VfL Kirchheim, um die es inzwischen still geworden ist. In den Fünfzigerjahren waren es einmal mehr als 30 Mitglieder. Die meisten von damals sind inzwischen verstorben, den wöchentlichen Schwimmtermin im Hallenbad gibt es noch im­mer. Dort dreht er nun alleine seine Runden und hofft, dass er damit das Interesse anderer weckt. Er weiß, dass vor allem ältere Menschen in seiner Lage, Probleme mit der Öffentlichkeit haben. „Viele genieren sich“, sagt er. „Dabei kann der Sport dir so viel geben.“

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