Lokalsport

Leitwolf gesucht

VfL-Fußballer arbeiten Illertissen-Klatsche auf – Morgen kommt Nöttingen

Die Leistung stimmte, die Einstellung nicht – Rolf Baumanns Analyse des Kirchheimer 1:5 in Illertissen wirft Fragen auf. Die dringendste Antwort sucht der VfL-Trainer auch fünf Tage nach dem Debakel immer noch vergeblich: Warum keiner auf dem Platz die Zügel in die Hand nahm. Immerhin: Vor dem morgigen Heimspiel gegen Nöttingen (Anpfiff: 19 Uhr) zeigte die Mannschaft im Training eine Trotzreaktion.

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Peter Eidemüller

Kirchheim. Zuckerbrot statt Peitsche: Wo andere ihr Team nach desolaten Auftritten mit Straftrainings zur Räson bringen wollen, schickte Rolf Baumann seine Illertissen-Verlierer am Montag lieber ins Thermalbad. Nach dem 1:5 vom Samstag ein zweites Mal baden zu gehen, hatte seinen Grund. „Ich habe in Illertissen bei der Mannschaft keinen Leistungsmangel gesehen“, meint der Kirchheimer Trainer, „außerdem bringen Straftrainings in 50 Prozent der Fälle sowieso nichts.“

Statt ihnen Fehler und Versäumnisse um die Ohren zu hauen, setzt der 46-Jährige auf die Fähigkeit seiner Mannschaft zur Selbstreflexion – offenbar mit Erfolg. Vor dem Dienstagstraining rottete sich ein halbes Dutzend Spieler, darunter Ferdi Er, Antonio Tunjic und Michael Stowers, auf der Gegengeraden des Stadions zur Aussprache zusammen. Schließlich weckte nicht die Niederlage Redebedarf, sondern die Art und Weise, wie sie zustande kam. „Der Zusammenhalt fehlte, keiner war bereit, die anderen wieder anzutreiben“, moniert Baumann, der sich am Samstag in der zweiten Halbzeit plötzlich Spielern gegenüber sah, die sich gegenseitig Vorwürfe machten – absolutes Novum bei den bis dahin so harmoniebedachten VfL-Kickern, die Unzufriedenheit in dieser Saison bislang noch kaum artikulieren mussten. Immerhin war das 1:5 erst die zweite Saisonniederlage überhaupt.

Dass sie jedoch so deutlich ausfiel, lag auch an der Unfähigkeit der älteren Spieler, Verantwortung auf dem Platz zu übernehmen: Wo Eisenhardt, Er, Polat und Tunjic in dieser Hinsicht enttäuschten, stach in Illertissen Maximilian Laible hervor. „Wir brauchen mehr Typen wie ihn“, glaubt Rolf Baumann, der in seinem Stürmer einen Spieler sieht, der den Jüngeren in Sachen Einsatz und Wille als Vorbild dienen kann. Vor allem, wenn Routinier Oliver Otto wie zuletzt verletzungsbedingt ausfällt. Den Part des Leitwolfs dem 37-Jährigen aufgrund seiner Erfahrung automatisch zuzusprechen, hält Rolf Baumann allerdings für falsch. „Wir haben ohne Oli auch schon einige Spiele gewonnen. Außerdem gibt es vier, fünf an­dere, die das Heft ebenfalls in die Hand nehmen könnten.“

Wie das geht, bewiesen die Kirchheimer am Dienstagabend im Training. Statt sich in gegenseitigen Vorwürfen zu zerfleischen, zeigten die Spieler die von Baumann gewünschte Reaktion: „Sie haben ruhig und konzentriert gearbeitet und viel miteinander geredet.“

Ob das Prinzip Zuckerbrot auch zählbaren Erfolg bringt, kann freilich erst das morgige Spiel gegen den FC Nöttingen zeigen. Die Badener kommen mit breiter Brust an die Jesinger Allee. Am Dienstagabend zog der Tabellenzehnte nach einem wahren Elfmeterkrimi ins Halbfinale des badischen Verbandpokals ein. Beim 7:6 schlugen die Nöttinger dabei niemand Geringeren als Ligakonkurrent FC Walldorf, immerhin Tabellendritter. Durch diesen Coup sind die FCN-Kicker gegen Kirchheim zwar psychologisch im Vorteil, haben dafür aber auch 120 Minuten lang Kräfte gelassen. Diese könnten morgen gegen den VfL fehlen, zumal das Team mit drei Angeschlagenen (Neziraj, Schmidt, Zachmann) in das Pokalmatch gegangen war.

Stichwort Angeschlagene: Davon hat auch der VfL momentan mehr als dem Trainer lieb ist. Zwar haben die Sorgenkinder Otto (Knöchel), Er (Knie), Hofbauer (nach Bänderriss) und Altinsoy (Hüfte) unter der Woche fleißig mittrainiert, doch ist nicht sicher, ob sie morgen auflaufen können. Zu trügerisch sind Trainingseindrücke, wenn der Test unter Realbedingungen fehlt – die Mannschaft konnte in den vergangenen Wochen kaum Spielformen üben. Der Grund treibt Rolf Baumann nicht zum ersten Mal die Zornesröte ins Gesicht. „Wir konnten seit Beginn der Vorbereitung nie so trainieren, wie wir eigentlich müssten, um in der Liga oben mitspielen zu können“, prangert er zum wiederholten Male die Platzverhältnisse rund ums Stadion an. Vor allem der Kunstrasen hätte seiner Meinung nach während des schnee- und eisreichen Winters frei gehalten werden müssen. Dafür hätte die Fußballabteilung gerne eigene Schneefräsen angeschafft, deren Einsatz die Stadt als Eigentümerin jedoch nicht so gerne gesehen war. Kein Wunder, dass Baumann leicht resigniert feststellt: „Nur mit Schippen kannst du halt nichts ausrichten.“