Lokalsport

Mambo-Fieber oder: Wer ist Patrick Swayze?

"Kinder wollen Action", sagt Britta Nothdurft. "Und Kinder sind auf der Suche nach persönlichen Ausdrucksformen." Mit ihrer eigenen Leidenschaft fürs Tanzen hat die 39-Jährige in Oberlenningen eine Lawine ins Rollen gebracht. Schautanzen im TSV ist der Renner bei den Kids im Täle.

BERND KÖBLE

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LENNINGEN Shakira tut gut. Mindestens so gut wie eine trockene Windel. Ein Kinderlachen sagt manchmal mehr als tausend Worte. Vergnügt quietscht Noah vom Wickeltisch herüber, als hätte die Pop-Queen persönlich ihm gerade den Allerwertesten gepudert. Der acht Monate alte Spross genießt es sichtlich, wenn Mama neue Stücke ausspäht. "Wenn die Musik beginnt", sagt Britta Nothdurft, "dann flippt er völlig aus."

Ausflippen ist durchaus erlaubt in der jüngsten Abteilung des TSV Oberlenningen, solange es choreografisch ins Schema passt. Show und Tanz publikumswirksam auf einen Nenner zu bringen darum geht es. Schautanzen ist Sport. Das weiß in Lenningen niemand besser als Britta Nothdurft. Fast 20 Jahre lang hat sie Wettkampferfahrung gesammelt, es dabei bis in die Bundesliga geschafft. Mit 18 unternahm die ehemalige Handballerin die ersten zaghaften Versuche, in ihrer Heimatgemeinde eine Schautanzgruppe zu gründen. Seit sie vor sechs Jahren ihre Prüfung zum "Dance Instructor" abgelegt hat, nimmt das Unternehmen mächtig Fahrt auf. 120 Mitglieder aus allen Lenninger Teilgemeinden und darüber hinaus zählt die Abteilung Schautanzen derzeit. 90 davon sind jünger als 18 Jahre Tendenz rapide steigend. Was als Angebot für Erwachsene begann, ist inzwischen fest in Kinderhand. Die enorme Nachfrage stellt die Fantasie auf die Probe, wenn neue Gruppen nach neuen Namen verlangen: Tanzschnecken, Tanzkids, Tanz-Minis. Im März kommenden Jahres wird sich auf vielfachen Wunsch die letzte Lücke schließen: Dann gehen mit den Tanzzwergen die Dreieinhalbjährigen an den Start. Schautanzen im Lenninger Tal, das ist noch immer eine Frauen- beziehungsweise Mädchendomäne. 95 Prozent der Mitglieder sind weiblich.

Alle gemeinsam fiebern auf ein zentrales Ereignis hin. Die Jahresfeier des TSV ist traditionell Premiere für das jährlich wechselnde Programm. Doch längst sind die einzelnen Gruppen auch auf anderen Bühnen in der Umgebung zu Hause: bei Vereinsfesten, Sportveranstaltungen, Firmenfeiern oder wie vor drei Jahren beim Presseball des Teckboten. Im Rampenlicht zu bestehen setzt neben Mut auch ein gewisses Talent voraus. "Ohne Bewegungs- und Taktgefühl geht es nunmal nicht", sagt Britta Nothdurft, die zu ihrem Leidwesen auch schon mal allzu ehrgeizige Eltern von dieser Notwendigkeit überzeugen muss. Dazu gehört auch Disziplin, denn jedes einstudierte Stück ist nur so gut wie das schwächste Glied in der Gruppe. Spaß macht das Ganze allenthalben und die Frontfrau weiß auch warum: "Wir nehmen die Kinder ernst", sagt sie. "Bei uns dürfen sie ausleben, was in ihnen steckt."

Jedes Thema, jede Musikart ist altersgerecht gewählt. Die Tanztrainerin, der inzwischen sechs Betreuer zur Seite stehen, leitet jeden Kurs selbst, erarbeitet die Choreografien und legt Musikstücke fest. Wünsche sind zwar willkommen, das letzte Wort jedoch hat die Chefin. Je näher die Pubertät rückt, weiß sie aus Erfahrung, desto mehr Überzeugungsarbeit ist gefordert. "Die Show muss publikumswirksam sein, die Musik in erster Linie ins Ohr gehen." Wenn "I've had the time of my life" aus den Lautsprechern schallt, ist dies kein Problem.

Im Übungsraum des Lenninger Feuerwehrmagazins schwingt ein Dutzend Halbwüchsiger die Hüften zu den heißen Mambo-Rhythmen des Titelsongs aus "Dirty Dancing." Maurice ist mit Feuereifer bei der Sache. Seit zwei Jahren ist der Zehnjährige dabei, weil er "Spaß am Tanzen hat", wie er betont. Dass er der einzige Junge in der Gruppe ist, stört ihn so wenig wie die Tatsache, dass er noch gar nicht geboren war, als "Dirty Dancing" Teenager auf der ganzen Welt in Hysterie versetzte. Davon ahnt auch die achtjährige Luisa nichts, die schon mit fünf Ballettunterricht nahm, dann aber schnell die Seiten wechselte. "Weil mir das immer zu langsam war", sagt sie. Patrick Swayze hätte dereinst wohl die helle Freude gehabt.

INFOSchautanzen im TSV OberlenningenZahl der Mitglieder unter 18 Jahren: 90Jährlicher Mitgliedsbeitrag: 27 Euro (Mitglieder unter 18 Jahren).Trainingsstätte: Übungsraum im Feuerwehrmagazin neben der Sporthalle.Ansprechpartner: Britta Nothdurft, Telefon 01 72/1 68 82 29, Geschäftsstelle des TSV Oberlenningen, Telefon 0 70 26/79 39.Internet: www.tsv-oberlenningen.de