Lokalsport

"Man darf einiges von mir erwarten"

Wenn am kommenden Sonntag in Salzburg der neue Straßen-Weltmeister der Radfahrer gesucht wird, zählt er zu den großen Favoriten auf den Titel: Stefan Schumacher. Im Interview verrät der 25-jährige Radprofi aus Großbettlingen, was er sich von den Titelkämpfen erhofft, wie sein bisheriges Saisonfazit ausfällt, und warum er sich nicht als Nachfolger von Jan Ullrich einordnen lassen will.

PETER EIDEMÜLLER

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GROSSBETTLINGEN Die Rad-Saison 2006 seine Saison: Mit neun Siegen (darunter zwei Pro-Tour-Rundfahrten), zwei Tagen im Rosa Trikot des Gesamtführenden beim Giro d'Italia und weiteren 30 Top-15-Platzierungen hat sich Stefan Schumacher in der Radsport-Weltelite etabliert. Auch abseits der Radpisten hat der 25-Jährige Gerolsteiner-Profi, dessen Elternhaus in Großbettlingen steht, für Schlagzeilen gesorgt: Sein TV-Auftritt bei Harald Schmidt Ende Mai brachte ihm viele zusätzliche Sympathien ein. Am kommenden Sonntag greift der "Schwaben-Schumi", der in Salzburg einer der Kapitäne der deutschen Mannschaft sein wird, nun nach der WM-Krone.

Seit Rudi Altig 1966 gab es keinen deutschen Rad-Weltmeister auf der Straße mehr. Viele meinen, Sie könnten diesen Bann am ehesten brechen mit welcher Erwartung fahren Sie zur WM?

Eine Medaille zu holen, ist schon mein Ziel. Ich bin seit sechs, sieben Wochen in Top-Form, fahre auf sehr hohem Niveau. Wenn ich meine ,guten Beine' bis zum Sonntag konservieren kann, ist der Sprung aufs Treppchen durchaus realistisch. Allerdings wäre es vermessen zu sagen: Ich fahre nach Salzburg um Weltmeister zu werden. Sollte ich Siebter werden, wäre das auch ok.

Mit zwei zu Buche stehenden Etappensiegen beim Giro d'Italia sowie weiteren Top-Ergebnissen waren Sie in dieser Saison äußerst erfolgreich. Welchen Stellenwert nimmt da die Weltmeisterschaft für Sie ein?

Eine WM ist eine WM und Weltmeister will ja schließlich jeder werden. Man kann das auch nur schwer mit den großen Rundfahrten wie dem Giro oder der Tour de France vergleichen. Jeder Radprofi will einmal in seiner Karriere an der Tour teilnehmen, aber im Regenbogen-Trikot des Weltmeisters zu fahren, ist natürlich auch eine Riesen-Sache.

Laut Homepage des Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ist Ihnen im Hinblick auf die WM "alles zuzutrauen". Gefällt Ihnen die Rolle des Favoriten?

Als Top-Favorit würde ich mich nicht bezeichnen. In der Rolle sehe ich eher Alejandro Valverde, Paolo Bettini oder Tom Boonen. Ich will den Mund lieber nicht zu voll nehmen, aber aufgrund der bisherigen Saison darf man einiges von mir erwarten das tue ich ja auch selbst. Vieles wird aber vom Verlauf des Rennens abhängen.

Sie fahren zusammen mit acht weiteren Deutschen nach Salzburg. Gibt's eine Mannschaftstaktik oder fährt jeder auf eigene Rechnung?

Man hat zwar schon seine Freiheiten in der Gruppe, aber wenn es zu einer Sprintankunft kommen sollte, werden wir, wenn möglich, alle für Erik Zabel fahren. Schließlich ist er immer noch der beste deutsche Sprinter. Wenn er dann gewinnt, freuen wir uns natürlich alle, da missgönnt keiner dem anderen irgendwas. Radsport ist schließlich ein Mannschaftssport.

Die Strecke in Salzburg führt über zwölf Runden a 22 Kilometer und geht über 2796 Höhenmeter kommt Ihnen dieses Profil entgegen?

Ich kenne Teile der Strecke noch von der Österreich-Rundfahrt, da bin ich eigentlich ganz gut zurechtgekommen. Ich weiß nicht, ob sie selektiv genug ist, um eine große Ankunft zu verhindern. Aber bei einer Weltmeisterschaft ist alles möglich. Als Ein-Tages-Rennen liegt darin natürlich auch der Reiz.

Unabhängig vom Abschneiden bei der WM wie fällt Ihr bisheriges Saisonfazit aus?

Ich bin hoch zufrieden mit meinem ersten Jahr in einem Pro-Tour-Team. Es gab zwar auch Tiefpunkte in Form von kleineren Verletzungen, aber Grund zu jammern gibt es für mich nicht. Ich habe mich auf jeden Fall weiterentwickelt, wobei ich mich auf dem bisher Erreichten nicht ausruhen will. Man kann immer noch weiter dazulernen.

In der Fachwelt werden Sie bereits als legitimer Nachfolger von Jan Ullrich gehandelt. Stört Sie das?

Ich will mich nicht vergleichen lassen, dazu bin auch ein ganz anderer Typ Radfahrer. In meinem Alter hat Jan ja bereits die Tour gewonnen. Momentan bin ich eher noch der Etappen-Jäger, bei großen Rundfahrten muss ich mich erst noch beweisen. Ich gucke einfach, dass ich weiter an mir arbeite.

Die Saison als Profi-Radfahrer ist lang und stressig. Kommt man da oft nach Hause zurück?

Klar ist man viel unterwegs. Allein dieses Jahr hatte ich schon 95 Wettkampftage. Ich schaue aber, dass ich so oft wie möglich heim komme.

Erkennen die Leute auf der Straße Sie eigentlich und sprechen Sie an?

In Großbettlingen kennt mich, glaube ich, jeder. In Nürtingen viele. In Stuttgart und anderen Großstädten sieht das schon anders aus. Natürlich freue ich mich, wenn ich jemandem ein Autogramm geben kann. Das macht schon Spaß.

Im kommenden Jahr findet die Rad-WM bekanntlich in Stuttgart statt ein schönes Heimspiel, oder?

Bei der Heim-WM den Titel zu holen, das wäre schon was, ja. Das ist übrigens auch eines von drei großen Zielen, die ich für die kommende Saison anvisiert habe: Die Frühjahrsklassiker, die Tour de France und die WM in Stuttgart. Als Lokalmatador gibt es eigentlich nichts Schöneres.

TV-INFODas WM-Straßenrennen der Herren am kommenden Sonntag wird live auf Eurosport übertragen. Der Sportsender meldet sich um 10.30 Uhr, um 15 Uhr und um 16 Uhr aus Salzburg.