Lokalsport

Man schaut viel, man schaut wenig – oder man schaut gar nicht

Umfrage zum olympischen Fernsehkonsum: Wie viel Zeit verbringt der Sportinteressierte während der Sommerspiele vor dem Bildschirm?

Halten die 29. Sommerspiele in Peking, was sie bei der Eröffnungsfeier vor rund zwei Wochen versprochen hatten? Über neun Millionen Menschen verfolgten damals die Übertragung der Eröffnungsfeier allein in den deutschen Wohnzimmern – das Interesse war groß. Ist es das inzwischen immer noch?

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thomas pfeiffer

Kirchheim. Wie groß die Nachfrage nach Olympia-Sport per TV mittlerweile noch ist, was bislang die erlebten Highlights bei den zahlreichen TV-Übertragungen aus dem Reich der Mitte waren und welchen Stellenwert die sogenannten Randsportarten im persönlichen Einschalt-Ranking haben, wollten wir in einer Straßenumfrage wissen. Die Antworten in der Kirchheimer Fußgängerzone waren vielseitig.

„Bis zu drei Stunden täglich“ sitzt Rentner Rudolf Henn aus Wernau vor der Flimmerkiste und schaut sich gespannt die Olympia-Bilder an. „Leichtathletik und die deutschen Fußballerinnen interessieren mich besonders“, sagt der 78-Jährige. Mit Radprofi Stefan Schumacher und Sprinter Tobias Unger drückte Henn auch zwei Olympia-Startern aus der Region kräftig die Daumen – vergebene Liebesmüh: „Unger wird wohl auch mit der 4 x 100-Meter-Staffel keine Medaille holen“, prophezeit der Senior. Nach eigener Aussage wählt er aus der Übertragungsflut aus China gezielt aus („wo es für Deutsche um Gold und Silber geht, schaue ich zu“) – zum Nachteil von Randsportarten wie Fechten und Ringen: zu langweilig für ihn.

Weniger ausgiebig verfolgt Sylvia Müller aus Wendlingen die Olympischen Spiele: Familienleben und Kleinkind gehen bei der 27-Jährigen vor. So beschränkt sie ihr persönliches Olympia-Nachrichten-Input auf „täglich zehn Minuten“, umso mehr, „als die deutschen Athleten diesmal ja nicht so stark sind wie erhofft.“ Starke Affinität entwickelt die Ex-Schwimmerin zu den olympischen Schwimmwettkämpfen: Als die Deutsche Britta Steffen zur Doppelsiegerin über 50 Meter und 100 Meter Freistil geriet, kam die helle Freude auf. Sylvia Müllers Favorit unter den nicht-populären Sportarten ist Segeln.

„Bei den Deutschen müssten es inzwischen mehr Medaillen sein“, sagt Lisa-Marie Kron, die sich täglich rund eine halbe TV-Olympiastunde gönnt. Als frühere DLRG-Helferin hat die 12-jährige Schülerin aus Weilheim zwei Wassersportarten oben auf ihrer Sympathieliste: Schwimmen und Segeln. Auch Kunstturner („die sehen echt cool aus“) und Leichtathleten haben‘s ihr bei den Liveübertragungen angetan – Letztere besonders wegen eines 1 500-Meter-Laufes. „Wie da die dunkelhäutigen Läufer auf der Strecke dominiert haben, war beeindruckend.“

Kim Raichle (18) aus Brucken ist Auszubildender und will Bauzeichner werden. Weil er derzeit Urlaub hat, investiert er täglich fast 90 Minuten in den olympischen TV-Konsum, und Achtfach-Goldmedaillengewinner Michael Phelps (USA) war für ihn „der absolute Hit“ dieser Spiele. Weniger erfreulich ist für Kim Raichle der Blick in den aktuellen Medaillenspiegel: „Von den Deutschen bin ich bisher enttäuscht, am meisten vom Ausscheiden der Handballer und der DFB-Kickerinnen.“ Unter allen Randsportarten steht Judo überhaupt nicht auf seiner Wunschliste.

Auf ein Minimum reduziert hat Georgia Borchart das olympische Fernsehgucken: nicht mehr als zehn Minuten täglich. Als Gründe für ihre TV-Verweigerungshaltung („es ist ein persönlicher Boykott“) führt die 53-jährige Pädagogin aus Wendlingen die fortschreitende Kommerzialisierung sowie den Dopingbefall in Teilen des Hochleistungssports an. Auch die chinesische Haltung zur Tibet-Frage sowie vermeintlich inhumane Trainingsmethoden im Reich der Mitte veranlassen die Lehrerin, die Glotze meistens auszulassen. Wenn doch nicht, wird nach fliegenden Artisten geguckt: Frau Borchart liebt das olympische Trampolinturnen.

Kurz und knapp informiert sich Günther Schmidt über die Sommerspiele: meistens per Videotext oder in Form der Newsbreaks – der 71-jährige Kirchheimer bevorzugt Fakten und Zahlen. „Mir reichen fast immer die Ergebnisse“ sagt Schmidt, der früher Tennisspieler war, „bisher hab ich noch kaum einen Wettkampf in kompletter Länge angeschaut.“ Ursache dafür: persönlich aufgekommene Sport-Ressentiments. Obwohl früher sportbegeistert, geht dem Kirchheimer olympisches (Teil-)Geschehen inzwischen gegen den Strich. „Der Radsport ist ein typisches Beispiel für die allgemeine Negativentwicklung. Es gibt dort viel zu viele Dopingfälle.“

„Gut eine Stunde täglich“ konsumiert der Kirchheimer Felix Neth den TV-Sport aus Fernost. Leichtathletik hat bei dem 15 Jahre alten Mehrkämpfer der LG Teck naturgemäß allerhöchste Priorität, wenn er bis „zu einer Stunde“ pro Tag die Olympiade verfolgt. Klar, dass er die Königsdisziplin der Wettbewerbe nicht auslassen konnte – der 100-m-Sprint mit dem Fabelweltrekord des Jamaikaners Usain Bolt (9,96 Sekunden) geriet für den Teck-Realschüler zum Schmankerl der Spiele. „Unglaublich, wie schnell er die gesamte Strecke durchgelaufen ist.“ Wie viele Kirchheimer sieht auch der 15-Jährige die deutsche Medaillenbilanz bis zur Schlussfeier am kommenden Sonntag noch als ausbaufähig an: „Es könnten mehr Medaillen sein.“