Lokalsport

"Mein einziges Verbrechen ist mein Alter"

KIRCHHEIM Es sind jene Glücksmomente, in denen selbst die Gelassenheit des Alters zu bröckeln beginnt. Die Anfeuerungsrufe im Stadionrund, der Junge, der den Stift zum

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BERND KÖBLE

Autogramm reicht. Unter der brennenden Sonne Puerto Ricos sprudelt ein Jungbrunnen. Auch wenn an diesem Sommertag 2003 vermutlich keiner der Athleten Eingang in die Ruhmeshalle des internationalen Sports finden wird und die Leichtathletik-WM der Senioren anderntags nur als Randnotiz in den Gazetten erscheint, auf der Gewinnerseite des Lebens stehen sie alle, die an diesem Tag gegen Uhr und Messlatte kämpfen. Der Kirchheimer Dr. Dieter Maisch ist einer von ihnen und der Vizetitel über die 5 000-Meter-Distanz sein bisher größter Erfolg.

Wer mit 60 Jahren seine sportliche Karriere beginnt und im achten Lebensjahrzehnt den vorläufigen Gipfel erklimmt, der liegt fraglos im Soll. Doch Ruhm und Anerkennung sind nicht der Motor eines 83-Jährigen, der das Laufen zum Lebensmotto erhoben hat. Dr. Dieter Maisch will Vorbild sein. Nicht unbedingt für die Jugend, doch wenigstens für diejenigen, die mit der Lethargie des Alters an einer schweren Bürde tragen. "Laufen ist Therapie", sagt Maisch, der als Mediziner weiß wovon er spricht, wenn er die Wirkung des Ausdauersports auf Hirnstoffwechsel und Herz-Kreislauf-System beschreibt. Ein Überzeugungstäter reinster Sorte, dem Gedanken an einen einsamen Waldweg und ein Paar Laufschuhe mit 83 Jahren noch immer einen seltsamen Glanz in die Augen zaubern. Als Galionsfigur des Seniorensports, wenn man so will, ist "Doktor eins, zwei", wie ihn manche Zeitgenossen despektierlich nennen, das Laufen ans Herz gewachsen im wörtlichen Sinne. Er, der seit Jahren unter Herz-Rhythmusstörungen leidet, hält dem unabwendbaren Raubbau des Alters ein einfaches Mittel entgegen: Bewegung. Sein Appell klingt umso eindringlicher, als der vitale Senior nur schwer zum Tugendwächter taugt. "Ich bin Individualist", bekennt er und lässt sich sein tägliches Gläschen Wein so wenig ausreden wie den gelegentlichen Zug an einer guten Zigarre.

Nach einem Achillessehnenabriss 1958 fand der Rekonvaleszent erstmals den Weg zum Ausdauertraining und über die Teilnahme an Volksläufen letztlich zum Wettkampfsport. Als einer, der Disziplin und Askese zeitlebens zu unterscheiden wusste, vollzog Dieter Maisch vor gut 30 Jahren dann endgültig den Wandel vom leidenschaftlichen Raucher zum nicht minder passionierten Dauerläufer. Der zehnte Platz in seiner Altersklasse bei einem Straßenlauf in Paris markierte 1974 den Beginn einer ungewöhnlichen Sportlerkarriere im Alter von 60 Jahren. Inzwischen türmen sich Urkunden und Pokale im Arbeitszimmer des Mediziners, dort, wo er jahrelang als einziger niedergelassener Nervenarzt im Altkreis Nürtingen seine Patienten empfing. Jüngste Trophäen: Gold-, Silber- und Bronzemedaille, mit denen der 83-Jährige im August dieses Jahres von der Senioren-Europameisterschaft in Dänemark heim kehrte.

Weder sein Fachwissen noch seine sportlichen Ziele ist er gewillt, den Lebensjahren zu opfern. Warum auch? "Mein einziges Verbrechen ist mein Alter", sagt Maisch, der noch heute einen kleinen Stamm "Patienten" um sich schart, für die er ein wohl geschätzter Ratgeber ist. Dass er dabei inzwischen mehr als Sportpsychologe denn als Mediziner gefordert ist, kommt ihm gelegen, denn Bewegung als Prophylaxe vor den Fährnissen des Alters sind ihm ein Anliegen, wofür zu werben er keine Gelegenheit auslässt. "Wohin soll man sich noch wenden, wenn schon der Nervenarzt spinnt?" Mit dem ihm eigenen Humor macht der Senior, der vier mal wöchentliche seine Traininseinheiten absolviert, keinen Hehl daraus, dass neben aller Bewunderung mitunter auch Kritik und Häme auf ihn einprasseln. Dass Sport im Alter als Risikofaktor gelten soll, ist ihm als Formel zu einfach: "90 Prozent aller Todesfälle beim Ausdauersport sind auf nicht erkannte Herzkreislauf-Erkrankungen zurück zu führen", hält er im Kampf gegen Trägheit und Fernsehsessel-Mentalität dagegen. Kontrolle und Körpergefühl gepaart mit Vernunft sind für ihn der Schlüssel zu einem vitalen Lebensabend, weshalb er in der Vergangenheit schon so manchem Patienten kurzerhand die Teilnahme an einem Lauftreff ärztlich verordnete.

Doch Maisch wäre ein schlechter Neurologe, käme ihm beim Thema Sport nur die Physis in den Sinn. Rivalität unter Mitstreitern ist jenseits der Achtzig kein Thema mehr und so erwuchsen den zahlreichen Kontakten, die er bei Wettkämpfen knüpfte, enge und dauerhafte Freundschaften. "Wir sind alle froh, dass wir noch da sind", sagt er. Sport als Patentrezept gegen soziale Isolation.

Grund genug also, auch mit 83 Lebensjahren sportliche Träume zu hegen: Im Sommer kommenden Jahres steht im baskischen San Sebastian die Senioren-WM im Programm. "Vielleicht lege ich danach eine schöpferische Pause ein", sinniert er kurz. "Denn schließlich", schickt der Sportsmann schnell mit einem Schmunzeln hinterher, "steigen in der Alterklasse M 90 die Erfolgschancen enorm."