Lokalsport

Minimalist mit Erfolgserlebnis in sternenklarer Nacht



HELGE WAIDER

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HIRSCHAU 36 Jahre ist Müller, den sie in der Szene alle nur kurz "Tom" rufen, mittlerweile alt. Aufhören? Daran verschwendet der 105-Kilo-Mann mit den betonsäulengleichen, respekteinflößenden Oberschenkeln noch keinen Gedanken: "Ich fahre, so lange es mir Spaß macht und ich es mir gesundheitlich erlauben kann." Dies funktioniert seit Jahren prächtig: 1992, als die Sportart noch in den Kinderschuhen steckte, wurde er vor gerade mal 200 Schaulustigen mit 24 Jahren zum ersten Mal Weltmeister. 2001 und 2002 die Veranstaltung hatte mittlerweile Eventcharakter angenommen bejubelten 13 000 Fans Müllers WM-Titel Nummer zwei und drei. Das Fernsehen wurde aufmerksam, und folgerichtig hatte der Kirchheimer im vergangenen Jahr seinen Auftritt bei "Sport im Dritten" im SWR-Fernsehen.



Sportlich lief es bei der WM 2003 freilich nicht so, wie Müller es erhofft hatte. Trotz rund 1 500 Kilometern Konditions- und Kraft-Vorbereitung auf Inline-Skates war er am Ende nur Vierter und enttäuscht. Dieses Jahr machte er es wieder besser und belegte hinter dem jungen bulgarischen Nationalfahrer Boyan Grebencharsky den zweiten Platz obwohl die Vorbereitung mit 600 Kilometern auf den Inlines eher dürftig ausgefallen war.



Am "Monte Kaolino", jenem 110 Meter hohen Berg aus Quarzsand (Kaolin), einem Abfallprodukt aus der Porzellanproduktion im oberpfälzischen Hirschau, schrieb der Modus ein Nachtfinale vor. Dazu mussten sich die besten vier der 32 Endrunden-Teilnehmer tagsüber auf der Parallelstrecke im direkten K.-o.-Verfahren qualifizieren. Bereits an den Tagen zuvor hatte sich das Hauptfeld in der Vorqualifikation aus 250 Boardern in jeweils zwei Läufen rekrutieren müssen. Müller gelang am "Monte", der weltweit einzigen Sandboarding-Anlage mit fest installiertem Lift und Flutlicht-Beleuchtung, locker der Einzug ins Hauptfeld. Jeweils mit Laufbestzeiten qualifizierte sich der Kirchheimer souverän fürs Finale, das abends um 22.30 Uhr gestartet wurde. 15 000 Fans säumten die Pisten.



Müller startete im Finale gegen Grebencharsky auf dem vermeintlich langsameren der beiden Kurse, riskierte aber zu viel und stürzte kurz vor dem Ziel. Die Folge: drei Sekunden Strafzeit für Lauf zwei ein uneinholbarer Rückstand. Dennoch kämpfte sich Müller, dessen Trans-Team mit insgesamt sieben Startern, darunter auch Snowboard-Weltcupfahrer Markus Ebner, angetreten war, bis auf 1,5 Sekunden heran, um dann jedoch erneut zu stürzen. Am Ende war's ein hochverdienter zweiter Platz für Müller, der sich darüber diebisch freute: "Wenn ich mir vorstelle, wie lange die jungen Fahrer hier trainieren, dann ist das Verhältnis meines Trainingsaufwands von einem Tag hier am Monte in der Relation zu meiner Platzierung geradezu genial."



Klar, dass Fahrer und Fans danach bis in die frühen Morgenstunden bei Hip-Hop, House und Rockmusik openair oder im Zelt feierten. Topact war dabei Sabrina Setlur, die den Fans mächtig einheizte. Müller hingegen zog es relativ schnell in ruhigere Gefilde. Er hängte gleich im Anschluss noch einen Familienurlaub im beschaulichen Bayrischen Wald dran und überließ die weitaus trendigeren, aber auch gefährlicheren Sandboarding-Wettbewerbe wie den Boardercross, den "BigAirContest" genannten Sprungwettbewerb, das Tandem-Sandrace und den Waterslide den "jungen Wilden".



Das Sandboard hat Thomas Müller für diese Saison längst schon wieder in die Ecke gestellt, obwohl die Anlage am Monte Kaolino noch bis zum Oktober in Betrieb ist. Der Vize-Weltmeister findet dafür jetzt Zeit, auf Inlineskates Langstreckenvergleiche gegen Freunde auf dem Mountainbike auszutragen und freut sich schon auf die Wintersaison, wenn er das Board unterschnallen kann und auf dem Racebrett, dem Freerider oder einer neuen Trendsportart folgend per Snowscooter in Richtung Tal rauscht. Müllers Devise bleibt auch 2004 unverändert: "... so lange es Spaß macht ..."

Ein alter Hase auf dem Brett: Mit 36 Jahren schlägt Thomas Müller den "jungen Wilden" noch ein Schnippchen.