Lokalsport

Mit breiter Brust nach Crailsheim

Nach Pokal-Coup gegen Reutlingen geht für den VfL der Abstiegskampf in die nächste Runde

So schnelllebig kann Fußball sein: Kaum ist der Jubel nach dem erfolgreich überstandenen Elfmeter-Krimi im WFV-Pokal-Viertelfinale gegen Reutlingen verhallt, geht es für die Kicker des VfL wieder zurück zum Tagesgeschäft: Oberliga-Abstiegskampf. Immerhin sorgt der vorgestrige Coup gegen den SSV für eine gehörige Portion Selbstbewusstsein: Für das Liga-Match morgen beim TSV Crailsheim (15.30 Uhr) hat der VfL drei Punkte anvisiert.

Peter Eidemüller

Kirchheim. Wer in der Mathematik einen logischen Beweis abschließt, verwendet üblicherweise die Worte quod erat demonstrandum – was zu beweisen war. Den Beweis ihrer Oberligatauglichkeit haben die Fußballer des VfL Kirchheim vorgestern Abend eindrucksvoll erbracht: Die leidenschaftliche Spielweise der „Blauen“ beim 5:3-Pokalsieg gegen den Regionalligisten SSV Reutlingen dürfte selbst größten Zweiflern im weiten Stadionrund klargemacht haben: Die Teckstädter verfügen allemal über das Zeug, die Klasse zu halten – q.e.d.

Auch wenn der eine oder andereZaungast des Pokal-Viertelfinales diese Erkenntnis erst vorgestern erlangte, VfL-Trainer Christian Hofberger weiß um die Stärken der von ihm und Michael Rentschler trainierten Mannschaft schon lange. „Wenn wir unser Spiel aufziehen, können wir mit jedem Gegner mithalten und mit diesem Wissen auch jeden Gegner schlagen“, so der 34-Jährige. Einziges Problem daran: „Um unser Spiel aufzuziehen, müssen wir mehr investieren als der Gegner“, sagt Hofberger. Sprich: Die Kirchheimer können in der mit zum Großteil spielerisch stärkeren Teams besetzten Oberliga nur über den Kampf bestehen, was wiederum eine gute Physis voraussetzt. Die Partie gegen Reutlingen war in dieser Hinsicht exemplarisch: Auch wenn der Sieg erst im Elfmeterschießen zustande kam, war es in erster Linie dem laufintensiven, kräftezehrenden Spiel des VfL zu verdanken, dass man den vermeintlich stärkeren Regionalligisten überhaupt in die Verlängerung zwingen konnte.

Entsprechend besorgt ist Christian Hofberger im Hinblick auf die VfL-Partie morgen in Crailsheim. „120 Minuten Pokalkampf gehen nicht spurlos an einer Mannschaft vorbei“, sagt er, „da steckt noch viel in den Knochen.“ Das Hauptaugenmerk in der kurzen Vorbereitung auf das Spiel beim wiedererstarkten TSVC (nach 3:0 am Mittwoch gegen Ulm wieder mit Tuchfühlung an die Ligaspitze) ist die Regeneration: „Wir müssen versuchen, mit einer fitten Mannschaft in Crailsheim zu bestehen“, so Hofberger, der ob des Sieges gegen Reutlingen keck genug ist, einen Sieg zu fordern. „Es geht um drei Punkte und warum sollten wir die nicht holen?“

Beim Gegner glaubt man die Pokalhelden aus Kirchheim richtig einzuschätzen: „Der VfL ist durch die Siege gegen Freiberg und Reutlingen im Aufwind“, weiß TSV-Coach Peter Kosturkov, „für uns wird es schwerer als im Hinspiel.“ Im vergangenen September hatten die Hohenloher beim 2:0-Sieg in Kirchheim nur eine Halbzeit lang Mühe mit dem VfL, bei dem morgen auf jeden Fall Mittelfeldspieler Kagan Söylemezgiller fehlen wird. Der 19-jährige Rechtsaußen musste gegen Reutlingen nach einem Foul mit einer Innenbandverletzung ausgewechselt werden.

Nicola Spina hingegen, der bei seiner Auswechslung in der Verlängerung leicht humpelte, wird wohl auflaufen können. „Er hat einen Schlag auf die Wade bekommen, wird aber im Aufgebot stehen“, sagt Christian Hofberger, der den Beweis der Kirchheimer Oberligatauglichkeit noch an einem anderen Punkt festmachen kann: Der Ausgeglichenheit des Kaders. „Gegenüber dem Sieg gegen Freiberg haben wir gegen Reutlingen auf fünf Positionen ohne Qualitätsverlust gewechselt.“ In der Breite scheint es beim VfL nach Jahren der Abhängigkeit von der ersten Elf wieder zu stimmen, die vermeintlichen Bankdrücker können das Niveau der etatmäßigen Anfangsaufläufer prob-lemlos halten. „Die Mannschaft macht derzeit einfach einen in allen Bereichen gefestigten Eindruck“ bestätigt Hofberger.

Wie gefestigt, werden allerdings erst die kommenden Wochen zeigen. Schließlich wäre es bei aller Euphorie nicht das erste Mal in dieser Saison, dass einem fulminanten Kirchheimer Pokal-Auftritt die Ernüchterung in der Liga folgt. Zur Erinnerung: Nach dem 3:0 über die Stuttgarter Kickers im Achtelfinale vergangenen Oktober, folgte im nächsten Oberligaspiel eine 1:5-Schlappe in Walldorf – auf ein Deja-Vu der unangenehmen Art können die VfL-Verantwortlichen getrost verzichten. „Wir müssen bei aller Freude über den Reutlingen-Sieg jetzt schnell wieder auf den ­Ligabtrieb umschalten“, fordert Christian Hofberger, der im Hinblick auf drohende Überheblichkeit ob des Pokal-Coups keine Bedenken hat. „Jeder Spieler weiß, dass der Klassenerhalt kein Selbstläufer wird. Wir müssen Woche für Woche an unsere Grenzen gehen um zu bestehen.“

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