Lokalsport

Mit der Queen-Enkelin beim gleichen Turnier

Das Umsatteln hat Nicolai Aldinger mit Bravour geschafft. Weil er für die Ponyklasse zu alt geworden war, hieß es für den 17-jährigen Nachwuchsreiter aus Notzingen ab der Saison 2005 auf Großpferde umzusteigen.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN "Ich bin absolut zufrieden, wie es gelaufen ist", kommentiert der Reiter. Siege waren dabei, aber auch einige unfreiwillige Ausstiege die hatten jedoch weniger mit der "Fallquote" des Reiters zu tun als mit der Antipathie des Pferdes vor dem Wasser. In einigen Prüfungen hatte sich der neunjährige Silvano schlichtweg geweigert, sich nasse Füße zu holen. "Er ist noch ein junges Pferd und hat dementsprechend wenig Erfahrung. Wenn er am Absprung nicht sieht, wo er im Wasser landet, verweigert er. Auch das Vertrauen zum Reiter muss bei ihm noch ein bisschen aufgebaut werden", erklärt Nicolai.

Dies ist eine neue Erfahrung für den Schüler. Sein Power-Pony Little Lion, das er zwei Jahre lang in internationalen Prüfungen und als Mitglied des Landeskaders auf Meisterschaften ritt, hatte getreu seines Namens Löwenmut und nahm jedes Hindernis. Zum Ende der Saison klappte die Verständigung zwischen Nicolai und Silvano im Gelände jedoch immer besser. Das beweist das Durchkommen bei der schweren Prüfung in Kreuth, bei der durch unglückliche Umstände zwei Pferde ums Leben kamen. Beide Todesfälle hätten auch bei Ausritten oder auf der Koppel passieren können, so die Aussage der Turniertierärztin. Zum einen war es das für die WM 2006 in Aachen vorgesehene Pferd von Bettina Hoy, die vielen Nichtreitern durch das unglückliche Ausscheiden bei den Olympischen Spielen in Athen bekannt ist. Woodsides Ashby erlitt vor einem Hindernis einen Aortenabriss. Das andere Pferd der Engländerin Erica Watson erlitt bei einer Wendung eine Spiralfraktur des linken Beines und wurde auf Wunsch der Reiterin eingeschläfert.

Trotz dieser Hiobsbotschaften ging Nicolai die Sache professionell an. Tagelang hatte es geregnet, weshalb das Gelände rutschig war. "Wir waren gerade auf dem Weg zur Strecke, als das mit Bettina und ihrem Pferd passiert ist. Die Frage war, gehen wir in die Prüfung oder nicht", erinnert sich der Nachwuchsreiter. Wegen des schlechten Geläufs hatten im Vorfeld schon namhafte Reiter auf einen Start verzichtet, der Stallbox-Nachbar war sogar gestürzt und riet dem Notzinger, "auf keinen Fall zu starten".

Anderer Meinung dagegen war Dirk Schrade, Ranglistenerster der Vielseitigkeitsreiter in Baden-Württemberg 2005 und einer der Anwärter für die Weltreiterspiele in Aachen 2006 und so etwas wie Gelegenheitstrainer von Nicolai. Er riet ihm zum Start. Der aus Gomadingen auf der Alb stammende Vielseitigkeitsreiter Dirk Schrade ist Mitglied der "Perspektivgruppe" in Warendorf und somit Profi. Das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DKOR) kümmert sich dort um Spitzenreit- und -fahrsport. Um optimale Voraussetzungen für Spitzensportler und den talentierten Nachwuchs zur Vorbereitung auf Championate zu bieten, entstand mit dem Bundesleistungszentrum eine beispielhafte Trainingsstätte.

Im August war Nicolai mit seinen Pferden Dark Surprise und Silvano für vier Tage zum Training bei Dirk Schrade. Dort begann für den 17-Jährigen der Tag recht früh. Neben der Stallarbeit und dem Beritt seiner eigenen beiden Pferde übernahm er die Aufwärmarbeit oder das Abreiten der Pferde in Schrades Stall. Rund vier Stunden saß er täglich im Sattel und hatte danach "ordentlich Muskelkater", wie er unumwunden zugibt.

Aus den beiden Schwaben ist ein Team geworden. In Kreuth bekam der Jüngere Tipps vom erfahrenen Schrade, beispielsweise, wie er die Hindernisse am besten anreiten oder wo er vorsichtig sein sollte. "Warum nicht, ich bin auch geritten", war die lapidare Antwort von Dirk Schrade auf die Frage von Nicolai, ob er reiten soll. Nach all den Aufregungen im Vorfeld war es nur verständlich, dass die Eltern dem Start mit gemischten Gefühlen entgegensahen. Am Ende ging aber alles gut. "Nach den zwei toten Pferden und dem schwierigen Geläuf bin ich vorsichtig geritten. Zwar kamen wir deshalb mit Zeitüberschreitung ins Ziel, hatten aber sonst keinen Fehler und Silvano hat alles gut gemacht", freut sich Nicolai noch nachträglich über sein Ergebnis. Nach der Dressur seiner einst wenig geliebten Disziplin lag er an 19. Stelle, allerdings nur neun Punkte hinter dem Erstplatzierten. "Das war alles ganz eng", erzählt der Reiter. Am Ende gab es einen achtbaren 22. Platz und der Notzinger war der fünftbeste Deutsche in seiner Altersklasse. "Ich bin froh, dass wir durchgekommen sind es waren zwei schwere Wasser drin", erzählt Nicolai lachend. Das Gelände ging ständig bergab und bergauf. "Das ist sehr anstrengend für die Pferde", erklärt er.

Weit mehr als die solide Platzierung dürften die Erfahrungen wiegen, die der junge Reiter in Kreuth gesammelt hat: Unter schwierigsten Bedingungen kam er durch die Geländeprüfung und traf gleichzeitig auf internationale Konkurrenz. "Alles was Rang und Namen hat, war da. Grund dafür war Rüdiger Schwarz, der bei den Weltreiterspielen 2006 in Aachen den Parcours baut. Die Vielseitigkeitsreiter wollten seine Handschrift kennen lernen", sagt Nicolai. Mit von der Partie war beispielsweise auch die Queen-Enkelin und Tochter von Prinzessin Anne, Zara Phillips. Die junge Amazone wurde im September auf dem Gelände von Blenheim Palace bei Oxford Doppel-Europameisterin der Vielseitigkeitsreiter.

Das Jahr in der neuen Altersklasse unterschied sich für Nicolai nicht nur in der Pferdegröße. "Mit dem Pony war ich viel mehr unterwegs, hatte auch Auslandsturniere. 2005 konnte ich jedoch einige Siege verbuchen und das macht schon Laune", freut er sich über zahlreiche Erfolge und gute Platzierungen in Dressur- und Springprüfungen, die er neben der Vielseitigkeit sozusagen als Trainingseinheit besucht. Die Anforderungen sind höher geworden, doch seinem Sport möchte er treu bleiben, wenngleich er es sich im Moment nach seinen Erfahrungen in Warendorf nicht vorstellen kann, Profi zu werden. Die Ausbildungsarbeit im vergangenen Jahr hat sich für den Nachwuchsreiter ausgezahlt. "Es ist schon angenehmer, wenn man in der Dressur schon weit vorne liegt und nicht erst im Gelände alles rausholen muss, so wie es mit Little Lion der Fall war", so der 17-Jährige.

Auch wenn für Nicolai 2005 keine Turniere in Frankreich anstanden, so führten die Wege doch teilweise weit über die Landesgrenzen hinaus. Eines der Ziele im Ländle war der Stockfelderhof am Bodensee. Familie Aldinger staunte nicht schlecht, als auf jedem Plakat und Wegweiser Nicolai über einem Sprung mit Little Lion zu sehen war. "Das Bild stammte vom Turnier 2004 und es ist genau der Sprung über das Hindernis, bevor ich gestürzt bin", gibt der junge Reiter selbstbewusst zu.