Lokalsport

Mit Fußball gegen den ärgsten Feind

Fußball als Botschafter – für 15 000 Kinder aus südafrikanischen Townships erfüllt sich während der WM im eigenen Land ein Lebenstraum. Mit Gratis-Tickets Aids-Aufklärung betreiben, will ein Projekt des Hilfswerks „Grassroot Soccer.“ Ein Kirchheimer sorgt dafür, dass die Kids pünktlich zum Anpfiff im Stadion sind.

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Bernd Köble

Kirchheim. Tanzen verscheucht Langeweile, auch wenn nur der monotone Klang der Vuvuzelas den Takt bestimmt. Am staubigen Straßenrand wird gelacht, gesungen und gute Laune demons­triert, von denen, die im Leben wenig zu lachen haben. Die Kinder kommen aus den Townships Johannesburgs, wo die Ärmsten der Armen im WM-Gastgeberland Südafrika zu Hause sind. Sie warten auf den Bus, der sie dorthin bringt, wo ein einziger Sitzplatz mehr Geld kostet als ihre Familien im ganzen Jahr zum Leben zur Verfügung haben.

15 000 Eintrittskarten aus dem Sony Ticket Fund verteilt die Organisation Grassroot Soccer (GRS) während der vierwöchigen WM an benachteiligte Kinder aus den Townships der WM-Zentren. GRS wurde 2002 von ehemaligen Fußball-Profis in den am meisten vom HIV-Virus betroffenen Ländern auf dem Schwarzen Kontinent gegründet. Die Organisation betreibt Aufklärungsarbeit an Schulen und in Dörfern und folgt dem Grundsatz, wonach Kinder am ehesten von denen lernen, die sie respektieren. Die Euphorie während der WM ist dabei das beste Mittel, um dem fußballbegeisterten Nachwuchs des Landes Augen und Ohren zu öffnen.

„Wer ein Ticket in Händen hält, der hütet es wie einen Schatz“, sagt Marius Nistler. Der Kirchheimer absolviert während seines Betriebswirtschaftsstudiums seit Februar in Südafrika ein Praxis-Semester. Als Angestellter einer Event-Agentur, die das Projekt von Grassroot Soccer in Johannesburg begleitet, ist er der Leiter eines neunköpfigen Praktikanten-Teams, das für die Organisation der Bustransfers zu den Stadien zuständig ist. Eine Herausforderung, bei der deutsche Gründlichkeit und penibles Zeit-Management als Erfolgsrezept ins Leere laufen. Die unberechenbaren Verkehrsverhältnisse auf den Straßen, das Chaos rund um die Stadien und „African time“, wie Nistler das südafrikanische Zeitgefühl nennt, erschweren die Arbeit der Projekt-Mitarbeiter. Eine Stunde vor der eigentlichen Abfahrt werden die Jungen und Mädchen zu den vereinbarten Sammelpunkten beordert. Viele kommen dennoch zu spät.

650 Kinder aus entlegensten Gegenden rund um Johannesburg haben Marius Nistler und seine Mannschaft allein zum Spiel der Argentinier gegen Südkorea nach Soccer City verfrachtet. Oft sind es mehrere Hundert Kilometer Fahrt bis zum Zielort. Über staubige Landstraßen und mit Polizei-Eskorte auf dem nächtlichen Rückweg in die Townships. Sorge um die eigene Sicherheit hat der Kirchheimer bisher nicht. Der Lohn für den ganzen Aufwand steht in den Gesichtern seiner jungen Gäste geschrieben. „Wenn man die Hütten sieht, in denen die meisten hier leben“, sagt Marius Nistler, „dann ist die Freude und Begeisterung, die uns täglich begegnet, nur schwer zu begreifen.“