Lokalsport

Mit Gnocchi auf die Überholspur

Die 19-jährige Hannah Niemeyer vom VfL Kirchheim gilt als großes Mittelstrecken-Talent

Laufen ist ein Lebensgefühl: Mit diesem Credo hat es Hannah Niemeyer an die deutsche Spitze im Nachwuchsbereich auf der Langstrecke gebracht. Neben ihrer Unbekümmertheit zählt nicht zuletzt das Fachwissen von Mutter und Trainerin Susanne zu den Erfolgsrezepten der 19-jährigen Owenerin – von dem für Gnocchi mit Tomatensoße ganz abgesehen.

„Je länger ich laufe, desto leichter fällt es mir“: Hannah Niemeyer kann sich bei den Deutschen U20-Meisterschaften im August be
„Je länger ich laufe, desto leichter fällt es mir“: Hannah Niemeyer kann sich bei den Deutschen U20-Meisterschaften im August berechtigte Hoffnungen auf eine Medaille machen. Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Wer regelmäßig am Kirchheimer Stadion vorbeikommt, dem ist er sicherlich schon aufgefallen: Der knallorangene VW Caddy steht meist genauso einsam auf dem Parkplatz an der Jesinger Allee, wie dessen Besitzerin ein paar Meter weiter auf der Tartanbahn ihre Runden dreht. Wenn sie nicht gerade durch die Wälder rund um ihren Wohnort Owen läuft, spult Hannah Niemeyer hier beinahe täglich ihre Trainingskilometer ab.

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Dass die sich pro Woche auf durchschnittlich 90 und mehr summieren, zeugt gleichermaßen von großen Ambitionen und großer Ausdauer. „Laufen ist ein Lebensgefühl. Je länger ich laufe, desto leichter fällt es mir“, sagt die 19-Jährige, die dieses Jahr als One-Woman-Show des VfL Kirchheim im Langstreckenbereich aufhorchen lässt. Mit ihren in den vergangenen Wochen aufgestellten Kreisrekorden über 3 000 (9.52,38 Minuten) und 5 000 Meter (16.57,59) sowie im 10-Kilometer-Straßenlauf (35,58) hat es die zierliche junge Frau an die deutsche Spitze ihrer Altersklasse U20 gebracht und lässt auch so manch ältere Konkurrentin Fersengeld zahlen: Bei der U23-DM über zehn Kilometer auf der Straße im September vergangenen Jahres war Niemeyer als zweitjüngste Starterin unter 28 Teilnehmern auf Platz drei gelaufen. „Das war bislang eines der Highlights, gerade, weil es so unerwartet kam“, sagt sie.

Unerwartet war Bronze auch deshalb, weil sie zuvor eine regelrechte Talsohle hatte durchlaufen müssen. Während der Hallensaison gab ein schleichender Leistungsabfall nicht nur Rätsel auf, sondern nagte auch am sonst guten Gefühl der jungen Sportlerin für ihren Körper. „Nicht zu wissen, wa­rum nichts mehr ging, war schlimm“, erinnert sie sich an Tage, an denen selbst Treppen steigen zur Qual wurde. Erst ein Besuch beim Arzt, der einen im Ausdauerbereich häufig vorkommenden Eisenmangel feststellte, brachte die Wende.

Seitdem purzeln nicht nur die Bestzeiten, sondern werden auch die Strecken länger. Zuvor hauptsächlich auf der Mittelstrecke zu Hause, hat Hannah Niemeyer mittlerweile auch ihre Liebe für die längeren Distanzen entdeckt, der Fokus liegt auf den 3 000 und 5 000 Metern. „Ich laufe gerne eine große Bandbreite“, sagt sie, „die Abwechslung macht‘s eben aus.“

Für die nötigen Trainingsimpulse sorgt dabei niemand Geringeres als die eigene Mutter: Susanne Niemeyer kennt sich nicht nur Kraft ihres Sportstudiums bestens im Ausdauerbereich aus. Die 48-Jährige war in den Neunzigerjahren zwei Mal Deutsche Meisterin und Mannschaftsweltmeisterin im Duathlon, deutsche Vizemeisterin im Triathlon und mehrfach erfolgreiche Finisherin beim Ironman auf Hawaii. „Unsere Körper ticken schon irgendwie gleich, darum funktionieren ihre alten Trainingspläne bei mir wahrscheinlich auch so gut“, lacht Hannah Niemeyer, die ihre – im wahrsten Sinne des Wortes – Heimtrainerin nicht als Nachteil empfindet. „Ich bin besser in die Trainingsplanung eingebunden.“

Der Erfolg gibt dem Mutter-Tochter-Gespann aus Owen recht, Hannah kann sich berechtigte Hoffnungen auf eine DM-Medaille in ihrer Altersklasse U20 Anfang August in Bochum machen – ob sie dort nur über 5 000 oder aber auch 3 000 Meter startet, entscheidet sich kurzfristig. Beide Strecken an einem Wettkampfwochenende zu absolvieren, ist für das Ausdauertalent kein Problem, zumal Edelmetall beides Mal möglich ist. Vorausgesetzt, es gibt jeweils schnelle Rennen. „Das Tempo muss von Anfang an hoch sein, dann kann ich die Konkurrenz kaputtlaufen. Bei einem Sprint auf der Zielgeraden ziehe ich eher den Kürzeren“, weiß Niemeyer um ihre Stärke und Schwäche.

Ausdauernd auf ein Ziel hinzuarbeiten, macht Niemeyer auch abseits der Tartanbahn aus. Mit der ihr eigenen Mischung aus Disziplin und Unbekümmertheit hat sie vergangenes Jahr ein glattes Einser-Abi hingelegt, dass ihr sämtliche Tore weit aufgestoßen hat. Obwohl noch zwischen Jura und Medizin schwankend, ist eines bereits vor Studienbeginn im Wintersemester klar: „Ich werde mit dem Sport auf jeden Fall weitermachen, dafür ist Laufen einfach viel zu sehr Herzenssache.“

An die Grenzen gehen, die Geschwindigkeit spüren, lange schnell laufen – wer hinter Niemeyers Triebfedern eine Art von Abhängigkeit vermutet, liegt nicht unbedingt falsch. „Klar, das hat ein gewisses Suchtpotenzial“, gibt sie zu, „aber Wettkämpfe sind nicht das Wichtigste in meinem Leben.“ Dafür geht sie auch viel zu gerne mit Freunden aus, liest in aller Ruhe ein gutes Buch oder kocht ausgiebig. Bevorzugt Gnocchi mit Tomatensoße, die es an jedem Abend vor Wettkämpfen gibt. „Das ist inzwischen ein Ritual“, lacht sie.