Lokalsport

Mit jeder Pulle Bier dem Ziel ein Stück näher

KIRCHHEIM Schauplatz Cordoba, Argentinien, am 21. Juni 1978: Der österreichische Rundfunkreporter Edi Finger schreibt mit folgenden Worten Radiogeschichte: ". . . da

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PETER EIDEMÜLLER

kommt Krankl in den Strafraum, Schuss, Tor, Tor, Tor, Tor, Tor, Tor. I werd' narrisch Krankl schießt ein,

O:902F603.EP_3:2 für Österreich. Wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl. Er hat alles überspielt, meine Damen und Herren, und warten's noch ein bisserl. Warten's noch ein bisserl, dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen . . .". Es ist der bis dahin schmachvollste Tag in der deutschen Fußballhistorie: Die BRD als amtierender Weltmeister verliert gegen Fußballzwerg Österreich und verpasst dadurch den Sprung in die zweite Finalrunde Titelverteidigung ade.

Während sich Radiomann Fingers nach dem Spiel diverse Viertele gegönnt haben wird, floss in der tausende Kilometer entfernten Teckboten-Setzerei in Kirchheim goldener Gerstensaft der Marke Dinkelacker. An diesem Tag der nationalen Kicker-Schande wohl vornehmlich aus Frustbewältigungsgründen, in den WM-Tagen zuvor jedoch aus anderem Grund: Der Stuttgarter Brauereiriese verteilte im Vorfeld der elften Weltmeisterschaft Spielpläne der besonderen Art. Jede Partie des mit 16 Mannschaften besetzten Turniers konnte auf dem Plan mit Kronkorken versehen werden, die die jeweilige Nationalfahne der konkurrierenden Teams zierten. Trinkfeste Sammler waren also gefragt: Schließlich galt es, sich mindestens 76 Flaschen Bier a 0,5 Liter einzuverleiben im günstigsten Fall. Denn wie wahrscheinlich war es schon, den kompletten Satz der teilnehmenden Mannschaften mit der ersten Kiste zu erstehen.

Die Werbe-Aktion weckte auch den süffig-sportlichen Ehrgeiz der Teckboten-Setzerei. Zu acht setzten sich die teileweise heute noch tätigen Kollegen das hehre Ziel, den Kronkorken-Plan zu komplettieren. Der Sammelleidenschaft konnte zu Zeiten, als im betriebseigenen Getränkeautomaten noch Gerstensaft feil geboten wurde, auch am Arbeitsplatz gefrönt werden. Ein vorgezogenes Feierabendbierchen war in den WM-Tagen von '78 keine Seltenheit. Für überlieferte und heute kaum glaubliche 70 Pfennige war die "Halbe" aus dem Automaten damals zu haben. Dem täglichen Auffüllen des selben wurde mitunter mehr entgegengefiebert, als den WM-Spielen mit deutscher Beteiligung. Was aber auch daran gelegen hat, dass die Auftritte von Heinz Flohe, Klaus Fischer, Karl-Heinz Rummenigge und Co. wenig begeisternd waren. Die Schmach von Cordoba gegen Österreich war aus deutscher Sicht nur der Höhepunkt einer verkorksten WM: Von sechs Spielen in Vor- und Zwischenrunde konnte die Elf von Helmut Schön lediglich eines (6:0 gegen Mexiko) gewinnen, vier Mal gab's ein Unentschieden.

So mussten die eifrigen Kronkorkensammler in der Teckboten-Setzerei mit ihren Bierflaschen eben auf andere anstoßen: Wer erinnert sich nicht an den Helden der gastgebenden Argentinier, Mario Kempes, der die Gauchos mit seinen sechs Treffern zum WM-Titel schoss. Oder eben der österreichische Volksheld Hans Krankl, der sich mit seinem Treffer zum 3:2 gegen Deutschland seinen Platz in den Fußballgeschichtsbüchern sicherte. Das Zwischenrunden-Aus der Deutschen tat der Sammelwut der damaligen Kollegen übrigens keinen Abbruch. Die Leber hielt, der Spielplan konnte kurz nach Ende der WM komplettiert werden um 28 Jahre später seinen Weg an die Öffentlichkeit zu finden.