Lokalsport

Mittendrin statt nur dabei: Gemeinsame Fahrt ins Pistenglück

LENNINGEN Geschafft! Zufrieden klopft sich die kleine Eva den Schnee vom Anorak. Nach eineinhalb Stunden schweißtreibendem Skifahren auf der Pfulb ist die Neunjährige kaputt, aber glücklich.

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PETER EIDEMÜLLER

Schließlich war der zweite Skikurs ihres Lebens ein voller Erfolg. Die verschneiten Hänge hinunterzusausen ist für sie im Gegensatz zu gleichaltrigen Kindern keine Selbstverständlichkeit: Eva leidet seit ihrer Geburt an Zerebralparese. Darunter versteht man Bewegungsstörungen, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegen. Evas Beine sind so gut wie gelähmt, ihre Feinmotorik ist eingeschränkt, das Mädchen ist entwicklungsverzögert.

Dass sie dennoch freudestrahlend und jauchzend die Pfulb auf Skiern meistern kann, ist Gabi Kazmaier zu verdanken. Die 32-jährige Sonderschullehrerin und Diplompädagogin bietet innerhalb des Skiclubs Lenninger Alb (SLA) Skikurse für Menschen mit Behinderung an. "Ich will einfach nur den Spaß und die Euphorie vermitteln, die ich selbst empfinde", fasst die seit 1996 als Skilehrerin im Behindertensport tätige Lenningerin ihre Motivation zusammen. Ihre Zielgruppe sind dabei nicht nur Menschen, die querschnittsgelähmt oder beinamputiert sind, an Kinderlähmung leiden oder in irgendeiner anderen Form Körperbeeinträchtigungen aufweisen. Auch Blinden und geistig Behinderten will sie die Begeisterung am Skifahren nahe bringen. Das dafür notwendige Fachwissen eignete sie sich dabei während ihres Studiums an. Während eines USA-Aufenthalts machte sie ihren "Adaptive Ski Instructor", der sie befähigt, Menschen mit Behinderungen gemäß des amerikanischen Skilehrwesens zu unterrichten. "Behindertensport hat dort einen ganz anderen Stellenwert", weiß Kazmaier, "deshalb ist auch die Ausbildung viel fundierter als hier." Abgesehen vom Wissen um die verschiedenen Arten von Behinderungen sind technische Hilfsmittel unabdingbar, wenn man mit Menschen wie der kleinen Eva Skifahren will. Unterschieden wird in Spezialgeräte, bei denen eine Art Sitz entweder auf einen (Mono-Ski) oder zwei (Bi-Ski) Skier montiert ist. Je nachdem, wie geübt der Skischüler ist, kommen noch sogenannte Krückenski zum Einsatz. Diese unterstützen das Gleichgewicht, kompensieren fehlende Kraft und unterstützen die Fortbewegung im flachen Gelände.

Eva macht nur eine Abfahrt mit den Krückenski ihre Hände sind wegen des eisigen Windes, der über die Pfulb pfeift, schon ganz kalt. Das Greifen der Krückenski bereitet ihr Schmerzen. "Sitzend wird einem natürlich viel schneller kalt", erklärt Gabi Kazmaier. Kein Wunder, dass Eva dick eingemummelt und mit Wärmflasche auf den Beinen im Bi-Ski sitzt. Unter den neugierigen Blicken der übrigen Schirgler machen die beiden eine Fahrt nach der anderen. Der vermeintlich schwerste Part, das Liften, geht relativ problemlos vonstatten. Nachdem der Liftbügel an einer Art Leine eingehängt wird und sich Gabi Kazmaier am Bi-Ski festhält, geht es flugs bergauf. Zur Sicherheit ist Kazmaier noch über einen Karabinerhaken mit dem Spezialgerät verbunden, sodass Eva beim Liften auch wirklich nichts passieren kann. Oben angekommen, wird die "Leine" ausgelöst, beide machen sich fertig für die nächste Abfahrt. "Bereit, Eva?" fragt Gabi Kazmaier. Das Mädchen antwortet mit einem fröhlichen "Jaaaa" schon schwingen die beiden den Hang hinunter.

Dass Gabi Kazmaier solche Skikurse überhaupt anbieten kann, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Ein moderner Bi-Ski kostet mit 3600 Euro mehr, als jeder Verein heutzutage auf der hohen Kante liegen hat. Die ehemalige Leichtathletin Kazmaier schrieb unzählige Firmen und Stiftungen auf der Suche nach Sponsoren an mit Erfolg: Erst vor wenigen Wochen übernahm die Franz-Beckenbauer-Stiftung die Kosten für einen neuen Bi-Ski. Ein Umstand, der sie bestärkt, weiter für ihren großen Traum zu kämpfen. "Ich würde hier in der Gegend gerne ein Zentrum für Behindertensport aufbauen", erzählt sie. Neben dem dafür unentbehrlichen Kleingeld ist vor allem eines nötig: willige Mitstreiter. Diese sind, wie so oft, wenn es um unentgeltliches Engagement geht, rar gesäht. "Genug Menschen zu finden, die sich freiwillig und ehrenamtlich im Behindertensport engagieren wollen, ist sehr schwer", weiß Gabi Kazmaier, die darum bemüht ist, Gleichgesinnte zu schulen: Interessierte können sich bei ihr auch zur Begleitperson in Sachen Behindertenskikurs ausbilden lassen.

Ein Gedanke, mit dem auch die Mutter der kleinen Eva spielt. Sabine Lochner ist froh, dass ihre Tochter die Chance bekommen hat, sich sportlich zu betätigen. "Es macht ihr so viel Spaß", berichtet sie. "Eva war richtig traurig, dass es bisher noch nicht geschneit hat. Als die ersten Flocken fielen, konnte sie es kaum erwarten, auf die Alb zu kommen." Worte, aus denen Gabi Kazmaier ihre Motivation zieht: Es Menschen mit Behinderung zu ermöglichen, Sport zu machen, ist ihr Credo. Doch als Einzelkämpferin, die zudem erst vor wenigen Wochen Mutter einer Tochter geworden ist, stößt selbst eine engagierte Frau wie Gabi Kazmaier schnell an ihre Grenzen. Ohne Unterstützung werden Angebote wie ihres weiterhin einmalig bleiben.

INFOGabi Kazmaier bietet nach Vereinbarung am Skilift Pfulb in Schopfloch bei ausreichender Schneelage und Liftbetrieb Kurse für Menschen mit Behinderungen an. Anmeldungen sind unbedingt erforderlich und unter 0 70 26/37 15 76 (Telefon) oder 0 70 26/3 71 09 90 (Fax) möglich. Weitere Informationen unter www.sla-net.de