Lokalsport

Muster ohne Wert?

Sprinter Alex Schaf fehlt bei den süddeutschen Meisterschaften ein Gegner auf Augenhöhe

Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen oder ernst zu nehmender Titelfight – nicht nur für Kirchheims 60-Meter-Sprinter Alex Schaf stellt sich vor den süddeutschen Meisterschaften am Wochenende in Karlsruhe die Sinnfrage. Auch auf Verbandsebene sieht man den Stellenwert des Regionalvergleichs eher gering an.

Lieber Letzter mit einer guten Zeit, als Erster mit einer schlechten: Für Alex Schaf ist der Titel am Wochenende Nebensache. Fot
Lieber Letzter mit einer guten Zeit, als Erster mit einer schlechten: Für Alex Schaf ist der Titel am Wochenende Nebensache. Foto: Ralf Görlitz

Kirchheim. 853 076 Menschen waren im vergangenen Jahr in einem Verein des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV) gemeldet. Mit 360 332 Sportlern ist mehr als ein Drittel davon unter dem Dach des Süddeutschen Verbands (SLV) organisiert, der sich wiederum aus den Verbänden aus Baden, Bayern, Hessen, Pfalz, Rheinhessen, dem Saarland und Württemberg zusammensetzt – wer bei Meisterschaften dieser sieben Verbände die Nase vorn hat, kann sich angesichts der Mitgliederstärke des SLV also etwas darauf einbilden, sollte man meinen.

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Die Realität sieht jedoch anders aus. Vor allem im prestigeträchtigen Sprintbereich ist die Aussagekraft des süddeutschen Meistertitels eher gering. Warum? Deutschlands schnellste Männer und Frauen kommen aus den Hochburgen Wattenscheid, Leverkusen oder Leipzig – wenn nicht gerade ein von Trainerfuchs Micky Corucle betreuter Schwabe wie jahrelang Tobias Unger oder aktuell Alex Schaf die Szene aufmischen.

Letzterer ist mit seinen bei den baden-württembergischen Meisterschaften erzielten 6,67 Sekunden momentan schnellster Mann Deutschlands. Am Wochenende bei den „Süddeutschen“ in der Karlsruher Europahalle, wird Schaf jedoch weitestgehend ohne Konkurrenz sein, nachdem die neun nach ihm im DLV-Ranking gelisteten Sprinter allesamt nicht für einen SLV-Verein starten. Die ersten ernst zu nehmenden Gegner dürften Felix Göltl und Michael Pohl von der LG Friedberg-Fauerbach sein, beide mit 6,82 Sekunden bislang jedoch Sprint-Welten vom Kirchheimer Kraftpaket entfernt. Schaf orientiert sich ohnehin weniger an der Platzierung: „Der Titel ist mir egal. Ich werde lieber Letzter mit einer guten Zeit, als Erster mit einer schlechten“, sagt der 26-Jährige, der in Karlsruhe erneut unter 6,70 Sekunden bleiben will.

Gleichzeitig machen führende DLV-Funktionäre keinen Hehl aus dem eher geringen Stellenwert, den regionale Titelkämpfe wie die Süddeutschen für Topathleten haben. „Damit will man in erster Linie Sportlern eine Chance geben, die sonst in der zweiten Reihe stehen“, erklärt Hans Krieg, Vertreter der Landesverband-Sportwarte im Bundesausschuss Leistungssport, „ohne solche Meisterschaften wäre für diese Athleten die Wettkampfsaison sonst bereits nach den Landesmeisterschaften zu Ende und die Pause danach zu lang.“ Nachdem die Austragung regionaler Titelkämpfe auf DLV-Verbände in der Vergangenheit durchaus auch kritisch diskutiert worden war, bekennt man sich mittlerweile jedoch wieder dazu. „Eine Zeit lang stand diese Wettkampfform auf der Kippe, aber mittlerweile sind wir auf dem Standpunkt, dass es eine feste Größe im Kalender bleiben soll. Die Vereine gehen schließlich auch gerne dorthin“, betont Hans Krieg.

Im Fall der Nachwuchsathleten aus Reihen des VfL Kirchheim und der LG Teck trifft dies auf jeden Fall zu. So fiebern Hannah Niemeyer (3 000 Meter) und Stefanie Godel (60  Meter), als U20-Athletinnen am Wochenende im VfL-Dress bei den Aktiven am Start, den „Süddeutschen“ genauso entgegen wie die B‑Jugendlichen Philipp Corucle (VfL/60 Meter), Mario Scheufele und Fritz Zanker (beide LG Teck/Kugelstoßen), die bei den U18-Titelkämpfen antreten.

Was die Youngsters erreichen können? Während Niemeyer ihre persönliche Bestleistung verbessern will, träumt Godel mit einer guten Leistung von einer Teilnahme am Finale der U20-DM Mitte Februar in Sindelfingen. Dort könnte auch der 16-jährige Philipp Corucle starten, nachdem es in seiner Altersklasse U18 keine deutschen Meisterschaften gibt. Dass er mit den Älteren nicht nur mithalten, sondern sie auch beherrschen kann, bewies Corucle vergangenes Wochenende bei den „BaWüs“, als er mit 6,92 Sekunden an die Spitze der DLV-Rangliste bei den U18 und den U20 stürmte. Noch steht ein DM-Start eine Altersklasse höher allerdings noch nicht fest, zumal Corucle eventuell schon dieses Wochenende aussetzen muss: Unter der Woche hatte sich eine Erkältung angebahnt.

Die Leistung vom vergangenen Wochenende bestätigen wollen die Weilheimer Kugelstoßtalente Mario Scheufele (16) und Fritz Zanker (15), die bei den „BaWüs“ regelrecht über sich hinauswuchsen. Scheufele war sensationell Zweiter geworden, nachdem er seine persönliche Bestweite um 95 Zentimeter auf 16,50 Meter verbessert hatte, während Zanker sich um 47 Zentimeter auf 14,73 Meter steigern konnte. „Mario könnte mit dieser Leistung am Wochenende in Medaillennähe kommen, Fritz in den Endkampf“, ordnet Trainer Ralf Mutschler die Leistungen vor den „Süddeutschen“ ein.