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Nationalsprinter Tobias Unger spricht im Interview über die verkorkste Hallensaison

Nationalsprinter Tobias Unger spricht im Interview über die verkorkste Hallensaison

Als Deutscher 60-Meter-Meister wollte er eigentlich kommende Woche bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin antreten. Nach dem verletzungsbedingt schlechten Auftritt bei den deutschen Meisterschaften vor sieben Tagen ist dieser Traum von Tobias Unger jäh geplatzt. Im Interview verrät der 29-jährige Kirchheimer, warum es in dieser Hallensaison nicht so lief, wie er es sich vorgestellt hatte.

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Peter Eidemüller

Herr Unger, die wichtigste Frage vorab: Wie geht‘s dem lädierten Knie?

TOBIAS UNGER: Nicht so gut. Die Ärzte haben eine Entzündung der Patellasehne diagnostiziert. Das ist richtig schmerzhaft.

Wie sieht die weitere Behandlung aus?

UNGER: Ich habe mir vom ehemaligen Verbandsarzt Dr. Schreiber in Freiburg Spritzen geben lassen. Er will sich das am kommenden Dienstag noch mal anschauen. Außerdem bekomme ich eine Tiefenröntgenbestrahlung, die ich aber im Kirchheimer Krankenhaus machen lasse.

An Trainieren ist also momentan eher nicht zu denken?

UNGER: Nein, aber ich glaube, dass ich nächste Woche schon wieder mit leichten Übungen anfangen und dann in zwei Wochen wieder richtig loslegen kann.

War ausschließlich diese Verletzung Schuld daran, dass Sie Ihren 60-Meter-Titel bei den deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in Leipzig verloren haben und nur Fünfter wurden?

UNGER: Das allein war‘s sicher nicht, da kamen viele Faktoren zusammen. Ich habe schon bei den Meetings in Karlsruhe und Düsseldorf gemerkt, dass es diesen Winter einfach nicht gut läuft. Vor den deutschen Meisterschaften konnte ich wegen der Knieentzündung gar nicht mehr voll belasten im Training. Aber nachdem Christian Blum seinen DM-Start abgesagt hatte, dachte ich, dass ich meinen Titel vielleicht doch verteidigen könnte. Ich wollte Leipzig eigentlich schon absagen. Hätte es sich um ein Meeting gehandelt, wäre ich wohl auch nicht hin, aber bei Meisterschaften will man sich halt auch beweisen.

Wann war Ihnen klar, dass es mit der Titelverteidigung wohl nicht klappen würde?

UNGER: Eigentlich schon nach den Zwischenläufen. Man läuft da ja nicht mit Absicht eine Zehntelsekunde langsamer als die anderen. Beim Laufen selbst habe ich die Knieentzündung auch gar nicht gemerkt, das war eher bei den Steigerungssprints während des Warmmachens.

Dass Sie mit Stefan Schwab ein 21-Jähriger als Titelträger beerbt hat, ist nicht allzu überraschend. Dass mit Alexander Kosenkow ein 31-jähriger Sprint-Oldie Silber holt, allerdings schon. Was sagt das über die Situation des deutschen Sprints aus?

UNGER: Also zunächst mal freut es mich unheimlich für Alex, dass er Zweiter geworden ist. Er ist sowohl über 60 als auch über 200 Meter in Leipzig neue persönliche Bestzeit gelaufen. Sicherlich hat er dabei jeweils von zahlreichen Ausfällen profitiert. Marius Broening, Ronny Ostwald, Martin Keller und Christian Blum haben alle gefehlt und das sind ja Topleute. In Deutschland haben wir schon eine recht gute Leistungsdichte, die sich in Leipzig wegen Verletzungen leider nicht widergespiegelt hat. Deswegen mache ich mir auch keine Sorgen, wenn jemand sagt, es habe einen Generationenwechsel im Sprint stattgefunden. Dass ein im Vergleich so alter Läufer wie Alex Silber gewinnt, ist der beste Beweis.

Trotzdem: Wie schmerzhaft war diese Niederlage für Sie persönlich, zumal Sie danach gleich Ihren Start bei der Hallen-EM abgesagt haben?

UNGER: Dass es mit der Titelverteidigung nicht geklappt hat, ist schon ärgerlich, da ich ja lange darauf hingearbeitet hatte. Auch wenn andere sagen, „der Unger hat doch schon so viele Titel, da kommt‘s auf den einen doch auch nicht mehr an“ – mir ist jeder Titel wichtig, da er bestätigt, dass man etwas erreicht hat. Sicherlich hätte ich mich bis zur EM noch irgendwie durchquälen können, aber dort dann sang- und klanglos auszuscheiden, hätte ja auch nichts gebracht.

Die Ziele für die Hallensaison waren die EM-Teilnahme und unter 6,60 Sekunden zu laufen. Beides hat nicht geklappt. Warum?

UNGER: Ich glaube nicht, dass ich mich überschätzt habe, was die Zeit unter 6,60 angeht. Das hätte ich durchaus in den Beinen gehabt. Es lief einfach nie richtig flüssig, ich war auch lange Zeit immer mal wieder kränkelnd. Außerdem hätte ich einfach mal auf meinen Trainer hören und auch öfter meine Klappe halten sollen (lacht). Ich habe ihn oft überstimmt, wollte in dieser Hallensaison entgegen seiner Vorstellungen unbedingt mehr über die Kraft als über die Technik laufen. Also habe ich mir fast vier Kilo mehr Muskeln als vergangenes Jahr antrainiert. Ich konnte diese Kraft aber zu keinem Zeitpunkt auf die Bahn bringen. Ich habe wirklich feststellen müssen, dass die kurzen Sprintdistanzen mit ihren Kraftanforderungen nichts für mich sind. Mein Trainingskollege Marius Broening ist mit seinen 88 Kilo dafür prädestiniert – ich mit meinen 72 Kilo bin doch eher auf der 200-Meter-Strecke zu Hause.

Ist im Sommer also wieder mit einer Rückkehr auf Ihre Paradestrecke zu rechnen?

UNGER: Ja, und da bin ich auch richtig froh drüber. Die so lange lädierte Achillesferse macht wieder alles mit, also auch die langen Tempoläufe. Die 200 Meter nicht laufen zu können, war vergangenes Jahr auch so etwas wie eine Motivationsbremse. Wenn du von vornherein weißt, dass du über 100 Meter mit deiner Bestzeit froh sein musst, auf internationalem Parkett mal in ein Halbfinale zu kommen, ist das schon nervig. Bei mir müssen die 200 Meter passen, dann läuft‘s auch über 100 Meter besser. Bei vielen ist das aber umgekehrt.

Nochmal zurück zur Analyse der verkorksten Hallensaison. Zwischenzeitlich war zu hören, dass Sie wegen Uni-Stresses den Kopf nicht frei für den Sport gehabt hätten. Kann Topleistungen nur der bringen, der sich abseits der Bahn nicht um sein Auskommen kümmern muss?

UNGER: Es ist schon besser, wenn du bei einem Wettkampf am Samstag weißt, dass du montags nicht eine Prüfung hast. Ich finde die Abwechslung zwischen Sport und Uni aber gut, so ist man nicht zu sehr nur auf eine Sache fixiert. Das Problem ist nur, dass die Prüfungen an der Uni immer so geballt in die Phasen fallen, in denen auch die Saisonhöhepunkte stattfinden.

In diesem Zusammenhang hatte Ihr Trainer unlängst die fehlende finanzielle Unterstützung seitens des Verbandes moniert. Zu Recht?

UNGER: Das liegt ja nicht nur am Verband, sondern daran, welchen Stellenwert Sport generell in einem Land hat. In Deutschland wird an Dingen wie Sport und Kultur halt am ehesten gekürzt. Wenn ich mir anschaue, wie Athleten woanders gefördert werden, finde ich das im Vergleich zu Deutschland schon komisch. In Frankreich bekommen Kaderathleten beispielsweise 1 000 Euro im Monat und hier musst du schon aus eigener Tasche draufzahlen, wenn du mal drei Tage länger im Trainingslager bleiben willst. Neidisch bin ich deswegen aber nicht, dafür bin auch zu froh darüber, dass ich neben dem Sport ein zweites Standbein habe, das mir nach meiner Karriere nützt.

Stichwort Karriere: Das nächste Ziel ist die Weltmeisterschaft in Berlin im August. Gibt‘s dafür schon konkrete Zielvorstellungen?

UNGER: Nein, erstmal will ich jetzt in Ruhe meine Verletzung auskurieren. Wenn ich im Training jetzt schon an die WM denke, macht mich das auch nicht schneller, zumal davor ja auch noch einige andere wichtige Wettkämpfe stattfinden.