Lokalsport

Noch ein leises Fünkchen Hoffnung

"Oh je": Thomasz Dec, Trainer der KG Kirchheim/Köngen, entfährt ein Stoßseufzer. Konfrontiert mit der Redaktions-Idee, die lokale Ringerszene zu beleuchten, schnauft der Pole am Telefon hörbar erst einmal durch. Der Mann hat's nicht leicht: Seit dem Bezirksliga-Rundenstart befindet sich das KG-Team in der sportlichen Dauerkrise.

THOMAS PFEIFFER

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KIRCHHEIM/KÖNGEN 0:12 Punk-te, Tabellenplatz acht, höchste Abstiegsgefahr: Bei der KG Kirchheim/Köngen schrillen derzeit die Alarmglocken. Was Hoffnung macht: Der Stilartwechsel, der ab der Rückrunde greift. "Der jetzige griechisch-römische Stil kommt meinen Ringern nicht so entgegen, der Freistil vermutlich eher", glaubt Decs. Weniger Hoffnung macht indes die Tatsache, dass es bei der KG seit dem Rundenstart personell permanent klemmt, Punkte deshalb regelmäßig abgeschenkt werden müssen, weil beispielsweise die 55er-Gewichtsklasse nicht besetzt werden kann. Und dass sich erprobte Ringkämpfer wie Andreas Olmosi (nur noch KG-Jugendtrainer), Dominik Schlegel und Jörg Schmidberger mittlerweile eine Auszeit von der Matte gönnen, kommt Decs ("ich laufe keinem hinterher") auch nicht gerade entgegen.

Gestatten, Thomas Decs: Der frühere polnische U21-Meister gibt gerade sein KG-Comeback. 1994 erstmals zur Kampfgemeinschaft gestoßen, erlebte er damals einen sportlichen Aufschwung. Verbandsliga, Oberliga der Mann war an allen (Aufstiegs-)Highlights des Fusions-clubs als "58-er" aktiv beteiligt. Damals zelebrierte bei Heimkämpfen ein eingeschworener Haufen Ringerfans lautstark die sportliche Glanzzeit in der inzwischen rund zwölf Jahre alten KG-Historie mit Decs ("unsere Truppe war stark"), der später nach Nattheim, Kornwestheim und wieder zurück nach Kirchheim (2005) wechselte, als einem der gefeierten Protagonisten.

Vorbei die Zeiten, als ein KG-Manager namens Roland Droll in mancher Nacht- und Nebelaktion nach Polen fuhr, dort kurzerhand improvisierte Verhandlungen führte und Ringer-Kirchheim wenige Tage später einen neuen Star bescherte, einmal war mit dem heutigen polnischen Freistiltrainer Darius Grzywinsky sogar ein Olympiateilnehmer darunter. Droll, Anfang der Neunziger-Jahre zur VfL-Ringerabteilung gestoßen, heute KG-Pressewart und 59, erinnert sich nur zu gerne an seine Zeit als Erfolgsgarant der KG. Um die 20 ausländische Ringer hatte er während seiner Managerzeit zur KG gelotst die meisten waren Spitzenringer. Droll: "Sie zu bekommen, war gar nicht so schwer." Denn die Masche des Ex-Bissingers war immer dieselbe: Welcher polnische Ringer ihm schließlich das Jawort gab, durfte als "Saisonarbeiter" in einem Schwäbische-Alb-Steinbruch oder in der Fabrik "nebenbei" schließlich noch gutes Geld verdienen. Droll, der gute Beziehungen hatte, vermittelte die Jobs selbst. "Manche Ringer kamen auf ein Salär bis zu 3000 Mark, ein Vielfaches dessen, was sie zur selben Zeit in Polen verdient hätten."

Schnee von gestern. Inzwischen ist Droll nach Stuttgart gezogen und in der KG-internen Funktionärshierarchie nur mehr zweite Wahl. Das Sagen haben jetzt andere und große sportliche Sorgen: Nur noch ein Wunder, so scheint's, kann die einst auf Württemberg-Ebene so ruhmreiche KG vor dem Niedergang in die unterste Liga bewahren. Was, wenn dieser sportliche Super-Gau eintritt? "Dann", spekuliert Droll drastisch, "ist der Ringersport in Kirchheim endgültig tot."

So weit soll's nicht kommen. Decs, der den Klassenerhalt weiter auf der Rechnung hat ("es gibt wohl nur einen einzigen Absteiger"), verlangt von seinem ausgedünnten Kämpferkader neben vollem Trainingsengagement in naher Zukunft vor allem das noch engere Zusammenrücken. Kameradschaft und Harmonie im Team sind für ihn als Trainer wichtig. Wie auch "der eigene Nachwuchs. Im kommenden Jahr rücken einige 14-Jährige nach, was mir etwas Hoffnung gibt." Decs, der KG-Held von einst, will so schnell nicht aufgeben, wenngleich er offen einräumt, eine Erfolgsformel für den Verbleib in der Bezirksliga auch nicht zu kennen.

Schließlich fehlen der KG in diversen Gewichtsklassen schlagstarke Kämpfer und namhafte "Fremdenlegionäre" hat sie schon längst keine mehr. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine bessere Rückrunde oder dass einer der Abteilung nochmal zuarbeitet wie Roland Droll. Als der anheuerte, kämpften die Ringer auch auf Bezirksebene.