Lokalsport

Normenjagd, Uni-Stress und Vertragspoker

Alle Wege führen nach Rom? Von wegen: Für Tobias Unger führen sie in der Hallensaison 2009 ausschließlich nach Turin. Ein Ticket für die 60-Meter-Wettbewerbe bei den Europameisterschaften im März ist das große Ziel des 29-jährigen Sprinters aus Kirchheim. „Die Norm habe ich auf jeden Fall in den Beinen“, glaubt er vor seinem ersten Indoor-Einsatz am übernächsten Wochenende beim Meeting in Leipzig.

Peter Eidemüller

Kirchheim. Auch wenn die bloßen Ziffern Teuflisches suggerieren: So heiß können die 6,66 Sekunden, die der Deutsche Leichtathletikverband als 60-Meter-Norm für die Hallen-EM fordert, gar nicht gekocht werden, als dass Tobias Unger sie nicht essen könnte – das Kirchheimer Sprint-Ass hat seinen Heißhunger auf Topleistungen noch nicht verloren. „So lange ich um Titel mitlaufen kann, gebe ich alles.“ Zwar ist er mit seinen 29 Jahren im Vergleich zur nationalen Konkurrenz schon im gesetzteren Sprinteralter, bange ist es ihm vor dem aufstrebenden Nachwuchs jedoch nicht – auch nicht vor dem 21-jährigen Christian Blum vom LAC Fürth/München, der vor zwei Wochen in Chemnitz mit 6,63 Sekunden für einen Paukenschlag sorgte, indem er gleich mal die Norm für die EM (6. bis 8. März) knackte. „Die 6,66 werden bis zu den deutschen Meisterschaften noch einige schaffen“, glaubt Tobias Unger – sich selbst eingeschlossen. „Die Norm habe ich auf jeden Fall in den Beinen“, sagt er, dessen persönliche Bestleistung bei 6,60 liegt, gelaufen im Jahr 2005. „Ich bin überzeugt, dass ich in diesem Jahr unter 6,60 laufen kann“, sagt er voller Selbstbewusstsein. Das braucht es auch, um neben einem Strauß voll Konkurrenten zu bestehen. Neben Unger und Blum gelten die Wattenscheider Julian Reus und Alexander Kosenkow sowie Stefan Schwab (TSV Schwar­zenbeck) und Marius Broening (LAV Tübingen) als potenzielle Kandidaten für ein EM-Ticket. Nachdem der DLV jedoch nur drei Sprinter mit nach Turin nehmen wird, rechnet Unger mit einem wahren Showdown bei den „Deutschen“ am 21. und 22. Februar in Leipzig. „Da wird‘s sich entscheiden.“

Bis dahin sieht sich Unger in der Rolle des Gejagten: „Die anderen schauen nach mir“, ist er sich zu Beginn der Hallensaison sicher. Kein Wunder: Der „Schwabenpfeil“ ist amtierender Deutscher Meister über 60 Meter, was ihn eher beflügelt als hemmt. „Ich spüre keinen Druck, im Gegenteil. Dass ich Titelverteidiger bin, zeigt ja, dass ich schon etwas erreicht habe.“ In der Tat ist Unger der erfolgreichste deutsche Hallen-Sprinter der vergangenen Jahre: Drei Mal holte er den DM-Titel über 60 Meter (2004, 2005, 2008), vier Mal war er über 200 Meter der Schnellste (2003, 2004, 2005, 2006), wurde auf dieser Strecke 2005 bekanntlich auch letzter Hallen-Europameister, bevor die Disziplin aus dem Programm bei internationalen Titelkämpfen genommen wurde. Nicht zuletzt deshalb wird Unger heuer unter dem Hallendach keinen 200-Meter-Start absolvieren. „In der Freiluftsaison sieht das dann aber wieder anders aus“, verspricht er die Rückkehr auf seine Paradestrecke, auf der er sowohl in der Halle als auch draußen deutscher Rekordhalter ist.

Normen hin, Rekorde her: In den vergangenen Wochen plagte Unger auch vermehrt der Uni-Stress: Vier Prüfungen muss der Sport- und Gesundheitsförderungsstudent in den nächsten Wochen ablegen, dazu noch eine 25-seitige Seminararbeit schreiben – „Ernährung im Alter“ lautet das Thema, das Unger jedoch keine schlaflosen Nächte bereitet. „Da gibt‘s genügend Literatur, das schreibt sich fast von selbst.“ Neben dem täglichen Training und Terminen bei seinen beiden Physiotherapeuten steht für Unger also auch Pendelverkehr zwischen Wohnort Kirchheim und Uni-Stätte Tübingen auf dem Programm – ein studienbedingter Umzug an den Neckar, wie ihn Trainingskollegin Anja Wackershauser im vergangenen Herbst vollzogen hat, kommt für ihn jedoch nicht in Frage. „Für den Sport verzichte ich auf nichts. Dafür gefällt‘s mir in Kirchheim viel zu gut.“

Von seinem Reihenhäuschen in der Osianderstraße aus, wo er mit Freunden und Verwandten übrigens auch Silvester feierte, macht er sich kommende Woche auf den Weg zu seinem ersten Halleneinsatz 2009: Beim internationalen Meeting in Leipzig am 1. Februar will er erste Wettkampfluft schnuppern, ehe eine Woche drauf das Heimspiel beim Stuttgarter Sparkassen-Cup ansteht. „Mir war es wichtig, vor dem Sparkassen-Cup noch ein Rennen zu bestreiten, um vor heimischem Publikum nicht zu nervös zu sein“, sagt er. Weitere Starts sind in Karlsruhe (14. Februar), in Leipzig bei den deutschen Meisterschaften (21./22. Februar), in Chemnitz (27. Februar) und – so die Norm stimmt und der DLV ihn mitnimmt – bei der EM in Turin.

Wer denkt, dass danach erstmal Urlaub angesagt sei, sieht sich getäuscht. „Ich habe drei Tage frei, bevor es ins Training für die Freiluftsaison geht“, stöhnt Unger – das zweite große Ziel des Jahres wirft seine Schatten bereits voraus: die WM in Berlin im August. „Auch wenn das noch weit weg ist, hat man das schon im Hinterkopf“, gibt er zu. Für Unger wären‘s nach Edmonton 2001, Paris 2003, Helsinki 2005 und Osaka 2007 die fünften Weltmeisterschaften – Ansporn genug, sich über 2009 hinaus zu motivieren, hat er ohnehin: „Bis zur Olympiade 2012 in London will ich auf jeden Fall weiter machen“, verspricht er.

Das Fleisch ist also willig, aber was ist mit dem Portemonnaie? Der Vertrag mit Ausrüster Nike läuft nach drei Jahren im Juni aus. Ungers Ansprechpartner beim US-Sportartikelhersteller ist ein alter Bekannter: Marc Kochan war jahrelang Ungers Trainingskollege, bevor er seine Karriere beendete und mittlerweile von Frankfurt aus Top-Athleten als Marketingmanager betreut. „Er ist quasi mein Boss“, witzelt Unger, der sich nach eigenen Worten im Vertragspoker erstmal zurücklehnen kann. „Nike muss mir zunächst ein Angebot machen, dann sehen wir weiter. Ich fühle mich aber sehr gut aufgehoben dort und hätte nichts gegen eine weitere Zusammenarbeit.“

Ob und wie diese mit seinem Vereinssponsor weitergeht, ist derweil noch völlig offen. Gerüchte über einen Verkauf der Schuhfirma Salamander, die Ungers Club (LAZ Kornwestheim/Ludwigsburg) zur Stunde sponsert, sorgen für Diskussionen. Der deutsche Schuhriese Ara will die Traditionsmarke übernehmen, was unter Umständen auch Auswirkungen auf die sportlichen Aushängeschilder des Leichtathletikvereins hätte. Dies sind neben Tobias Unger noch der Stabhochspringer Fabian Schulze und der Speerwerfer Peter Esenwein – vom zahlreichen hoffnungsvollen Nachwuchs in allen möglichen Disziplinen mal ganz zu schweigen. Vorläufige Entwarnung kommt jedoch vom Kornwestheimer Athletenmanager: „Ungers diesjährige Saison ist finanziell voll abgesichert“, betont Prof. Dr. Hanspeter Sturm, „was allerdings im nächsten Jahr passiert, kann ich nicht sagen. Ich vertraue aber darauf, dass die neuen Eigentümer ihr Engagement in der Leichtathletik fortsetzen“, hofft der 78-Jährige.

Eine Hoffnung, die auch Tobias Unger teilt. „Salamander hat einen guten Namen in der Leichtathletik. Ich glaube fest daran, dass das auch in Zukunft so bleibt.“

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