Lokalsport

Nur in Frickenhausen ist die Tischtenniswelt noch in Ordnung

Der 27-jährige Profi Bastian Steger hadert darüber, dass er in den Planspielen des DTTB fürs Olympiateam keine Rolle spielte

Ein bisschen grantelt er – mehr in sich hinein als nach außen: Frickenhausens Tischtennis-Profi Bastian Steger wäre gerne zur Olympiade mitgeflogen, bekam aber keine Qualifikationschance. Im Täle fühlt sich der Bayer inzwischen pudelwohl.

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THOMAS PFEIFFER

Frickenhausen. Vom Schafstall, wo die Frickenhausener Bundesliga-Mannschaft zwei Mal am Tag in improvisierter Runde trainieren muss, zur feinen Waldhornstube ist‘s nur ein Steinwurf. Also ist Bastian Steger (27) öfters dort. Der TTC-Profi, ein Bayer aus dem oberpfälzischen Oberviechtach mit Fanleidenschaft für Borussia Dortmund („zurzeit leiden wir“), liebt Latte Macchiato und Apfelschorle, und in dieser Lokalität bekommt er das auf dem Silberteller präsentiert, heute auch. Soeben hat der Mann, der laut Trainer Jian Xin Qiu gewissermaßen der TTC-Trainingsweltmeister ist („von den bis zu 12 wöchentlichen Übungseinheiten macht er meistens alle mit“), zweieinhalb Stunden im Schafstall an der Platte verbracht – jetzt, zur Abendessenzeit, gönnt er sich den italienisch-schwäbischen Getränkemix. Das harte Training ist nicht alles.

Bastian Steger fühlt sich wohl beim TTC. „Ich habe meinen Wechsel von Düsseldorf nach Frickenhausen nie bereut“, sagt er, „und mich unter Trainer Qiu sportlich weiterentwickelt.“ Vor anderthalb Jahren hatte ihn der rührige TTC-Präsident Rolf Wohlhaupter-Hermann mit lukrativen Tantiemen und noch mehr verbaler Überzeugungskraft ins Täle gelotst – Düsseldorfer Widerständen zum Trotz. Ein Angebot zu einem weiteren Saison-Engagement beim deutschen Rekordmeister lag ihm bereits vor.

Inzwischen wurde der 18-fache Nationalspieler deutscher Meister mit dem TTC (2006/07), peilt die Titelverteidigung an („gegen Düsseldorf im Finale hätten wir allerdings kaum eine Chance“), hat einen Vertrag bis 2010 und neben Ex-Weltmeister Werner Schlager (Österreich) auch Deutschlands Vorzeige-Schmetterer Timo Boll auf seiner langen Abschussliste. „Auf den Einzelsieg gegen Boll im DTTB-Pokal bei unserer 1:3-Niederlage im November bin ich sehr stolz“, sagt Steger. Zum Vergleich: Boll ist Weltranglisten-Fünfter, Steger 37. Dazwischen liegt als 16. nur Dimitrij Ovtcharov (Düsseldorf).

Und so könnte Frickenhausens Crack mit der ausgeprägten Rückhandstärke mit seiner sportlichen Weiterentwicklung in der schwäbischen Provinz eigentlich hochzufrieden sein. Ist er auch. Nur: der Schuh drückt an anderer (Naht-)Stelle – an jener, die seine „Internationalität“ tangiert. Ganz konkret: Als drittbester Deutscher im weltweiten Ranking fühlt er sich in der Nationalmannschaft unterrepräsentiert. „Ich fühle mich benachteiligt“, bekennt er ganz offen – eine Kritik an die Bundestrainer Istvan Korpa (bis 2004) und Richard Prause (danach).

Immer wieder frische Vorsätze gefasst, Hoffnung gehabt, danach die Desillusionierung per Nichtnominierung und Absage erfahren – wie ein roter Faden ziehen sich jene Wechselbäder der Gefühle durch Stegers Erinnerung, die ihn in jüngerer Vergangenheit immer wieder bei großen Tischtennis-Events überkamen. Ob vor vier Jahren bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Katar, wo ihm das Düsseldorfer Nachwuchstalent Christian Süß vorgezogen wurde, ob 2005 bei der EM (dito) oder im Januar 2008, als er trotz widersprechender Weltrangliste für das derzeit laufende Olympia-Qualifikationsturnier in Nantes vom Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) nicht gemeldet und Konkurrent Süß erneut vorgezogen wurde – jedes Mal war‘s eine Enttäuschung mehr. „Ich will Gerechtigkeit und nur nach meiner Leistung beurteilt werden“, sagt Steger. Einen Konflikt mit dem Verband will er nicht.

Macht den Unterschied vielleicht, dass der Düsseldorfer Süß gegenüber dem Frickenhausener Steger auf DTTB-Ebene die größere Lobby hat? Steger sagt nichts dazu – der Verband dementiert: Er begründete die Süß-Anmeldung für die (derzeit laufende) Olympia-Ausscheidung ursprünglich mit dem in China bevorstehenden neuen Team-Modus. Auszüge aus dem DTTB-Pressedienst: „Nach dem neuen Spielsystem kann ein Spieler höchstens zwei Partien bestreiten, zwei Einzel oder ein Einzel plus ein Doppel. Der Spieler, der möglicherweise mehr Doppel- als Einzeleinsätze im Teamwettbewerb haben wird, sollte mit jedem seiner Teamkollegen ein starkes Duo bilden können. Diese Fähigkeit sehen wir zurzeit eher bei Christian Süß.“ Als Argumentationshilfe listet der Verband danach einzelne Doppel-Erfolge des Düsseldorfers an der Seite seiner Nationalmannschaftskameraden auf. „Süß wurde 2005 an der Seite von Timo Boll WM-Zweiter. Mit Ovtcharov holte er beim Doppel-Debüt der beiden im vergangenen Jahr auf Anhieb den Turniersieg bei den Chinese Taipeh Open.“

Christian Süß als der bessere Doppelspieler?

Eine Aussage, die Bastian Steger zwar nicht auf die Palme bringt, aber nachdenklich stimmt. „Ich hab‘ auf Turnieren oder Meisterschaften vom Verband nie die Chance bekommen, einmal an der Seite eines Timo Boll oder Dimitrij Ovtcharov zu spielen.“ Steger ist deswegen nicht beleidigt, nur: Es wurmt ihn kolossal, dass „ich meine Doppelstärke an der Seite meiner Nationalspielerkollegen nie zeigen konnte.“ Deshalb sei die DTTB-Einschätzung ungerecht.

Weil die Welt für ihn derzeit nur in Frickenhausen heil ist, will Steger jetzt dort Gas geben. „Wir brauchen aus den restlichen zwei Bundesliga-Spielen gegen TTF Ochsenhausen und in Düsseldorf noch einen Punkt, dann reicht‘s für Platz zwei“, rechnet er vor.

Ein bisschen wird das Bundesliga-Geschäft für Steger jetzt zum Verdrängungswettbewerb.