Lokalsport

"Oft fragt man sich, warum man sich das jeden Sonntag antut"

KIRCHHEIM Frisch geduscht, die Sporttasche geschultert, hört sich die zierliche, junge Frau mit den roten Haaren die Meinungen über ihren

Anzeige

PETER EIDEMÜLLER

eben zu Ende gegangenen Arbeitstag an was sie besser hätte machen können, wo sie härter hätte durchgreifen müssen oder wann sie hätte Verwarnungen aussprechen sollen. Im Vorbeigehen klopfen ihr Spieler auf die Schulter, Funktionäre gratulieren zu ihrer Leistung. Mit verschränkten Armen hört sie sich geduldig alles an, nickt oder schüttelt den Kopf und schildert ihre Sicht der Dinge zu brenzligen Spielszenen als Schiedsrichterin weiß Evelyn Holder, dass nach einer Fußballpartie mitunter hoher Diskussionsbedarf besteht.

Auch das Kreisliga-B-Match zwischen dem SV Nabern und dem TSV Ohmden (Endstand 2:2), das unter ihrer Leitung steht, sorgt auf und neben dem Platz für Gesprächsstoff. Nicht zuletzt deswegen, weil Holder eine Frau ist, die mit der Pfeife im Mund seit acht Jahren ihren Mann auf den Sportplätzen der Region steht. "Das ist eine Aufgabe, die mich schon immer gereizt hat", gibt die 34-jährige Einzelhandeskauffrau aus Römerstein Einblick in ihre Beweggründe.

An dumme Sprüche von Zuschauerseite habe sie sich inzwischen gewöhnt. Zu Beginn ihrer Karriere fand sie es sogar richtig amüsant, wenn vor allem die Männern Bauklötze staunten, sobald sie den Platz betrat wobei es auch weibliche Zuschauer in sich haben können. "Frauen sind die Schlimmsten", kennt sie wenig Gnade fürs eigene Geschlecht, "was da manchmal reingeschrien wird, ist unglaublich."

Diesbezüglich verlaufen die 90 Minuten am Oberen Wasen in Nabern alles in allem manierlich. Nur Mitte der zweiten Halbzeit muss sie ermahnende Worte an Naberner Zuschauer richten, die ihrem Empfinden nach zu lautstark ihre Entscheidungen anzweifeln. "So etwas will ich immer unterbinden", sagt sie nach dem Abpfiff, "das bringt nur unnötig Unruhe auf dem Platz." Dass sie damit nicht immer auf Gegenliebe stößt, beweist die Reaktion einzelner Zugucker. "Schau' du lieber, was du pfeifst und diskutier' nicht so viel herum", lautet sinngemäß der Tenor von den Rängen.

Solche impulsiven Äußerungen werden ihr allsonntäglich auch nach Spielende noch angetragen natürlich im moderaten Stil, verpackt als konstruktive Kritik. "Was Vereinsleute zu bestimmten Situationen sagen, höre ich mir nach dem Spiel gerne an", sagt sie, "aber letzten Endes sind die parteiisch." Weswegen sie auch selbst ihr größter Kritiker sei, wie sie betont. "Schließlich bin ich auf dem Platz auf mich allein gestellt."

Ein Schicksal, das ihr und ihren Kollegen in den unteren Ligen vor allem bei vermeintlichen Abseitssituationen häufig zum Nachteil gereicht. "Wir versuchen uns immer an der Strafraumgrenze zu orientieren und auf Ballhöhe zu sein", erklärt sie. Dass dies nicht immer gelingt, beweist das 1:0 für den TSV Ohmden: Marc-Ulf Walz erzielt den Treffer aus stark abseitsverdächtiger Position, was auch Ohmdener Zuschauer bestätigen. "Ich konnte es sehr schwer erkennen", gibt sie nach dem Spiel zu, "aber ich entscheide im Zweifel immer für den Stürmer." Eine Aussage, die den schweren Stand unterstreicht, den Kreisliga-Referees jeden Sonntag haben.

Nicht erst seit dem Hoyzer-Skandal (Holder: "Das war auch für uns Amteurschiris frustrierend") gerät die pfeifende Zunft quer durch sämtliche Ligen fast wöchentlich in die Schlagzeilen und steht während und nach Fußballspielen im Zentrum hitziger Debatten. "Oft fragt man sich, warum man sich das eigentlich jeden Sonntag antut", räumt auch Evelyn Holder ein. Besonderes Unverständnis hat sie für solche Spieler, die sie nach einem Foul regelrecht anschreien, obwohl gepfiffen wurde. "Als ob ich das Foul begangen hätte", schüttelt sie den Kopf.

Das Verhältnis zwischen Fußballer und Schiedsrichter eine Hassliebe, die allsonntäglich auf eine harte Probe gestellt wird. Wobei der Schiedsrichter das größere Risiko trage, wie Evelyn Holder meint: "Als Referee kannst du so ein Spiel 89 Minuten lang gut leiten, aber innerhalb von einer Minute komplett verlieren." Ein Spieler könne, auch wenn es der Trainer nicht gerne sieht, zwischendurch kurz abschalten ein Schiedsrichter muss 90 Minuten hoch konzentriert bei der Sache sein. Sich dieser psychologischen Herausforderung zu stellen, daraus beziehe sie jeden Sonntag trotz aller Zweifel den Reiz, ein Fußballspiel zu leiten.