Lokalsport

"Oft trauen sich die Leute nicht, einen anzusprechen"

In den vergangenen zwölf Monaten hat er bewiesen, dass sein siebter Platz über 200 m bei der Olympiade 2004 keine Eintagsfliege war: Tobias Unger ist spätestens seit seinem Titel bei der Hallen-EM endgültig in der erweiterten Sprint-Weltspitze angekommen. Doch auch abseits der Tartanbahn hat sich bei dem 26-Jährigen Neu-Kirchheimer einiges getan.

PETER EIDEMÜLLER

KIRCHHEIM Tobias, für Dich geht ein ebenso ereignisreiches wie erfolgreiches Jahr 2005 zu Ende. Was fällt Dir spontan als Erstes ein, wenn Du an die vergangenen zwölf Monate denkst?Die Goldmedaille bei den Halleneuropameisterschaften in Madrid über die 200 m war etwas ganz Besonderes für mich. Wenn man da oben auf dem Treppchen steht und die Nationalhymne hört, das ist schon toll. So wie's aussieht, bin ich ja auch der letzte Halleneuropameister über diese Distanz.Findest Du es gut, dass die 200 m bei Welt- und Europameisterschaften in der Halle nicht mehr gelaufen werden?Inzwischen wird ja diskutiert, ob man das nicht wieder rückgängig machen soll. Ich finde, es ist auch für die Halle ein attraktiver Wettbewerb. Aber wenn's dabei bleibt auch gut. Den Titel kann mir keiner nehmen.Aufgrund Deiner Erfolge ist das mediale Interesse an Deiner Person enorm gestiegen. Fernsehauftritte, Radiointerviews, Spiegel-Reportage wie geht man damit um?In erster Linie freut mich das. Ich sehe es als Anerkennung und Bestätigung meiner Leistung. Natürlich kann ich nicht jeden Termin wahrnehmen, da muss man schon aussieben. Aber gerade auf regionaler Ebene versuche ich, allen Anfragen nachzukommen. Seit kurzem habe ich mit Alain Blondel (1994 Europameister im Zehnkampf und Ehemann von Heike Drechsler, Anm.d.Red.) einen neuen Manager, der die größeren Dinge für mich abwickelt.Erhöht diese Präsenz in den Medien nicht auch den Leistungsdruck?Doch, schon. Diejenigen, die dich in den Himmel loben, sind wahrscheinlich die ersten, die dich runter machen, wenn's mal schlechter läuft. Aber nachdem es bei mir seit knapp zwei Jahren ja nicht mehr schlecht läuft ...(lacht).Kritische Stimmen sagen, Du kämest vor allem im Fernsehen immer ein bisschen steif und reserviert rüber und Du solltest ein bisschen mehr aus Dir raus gehen . . .Ich bin nunmal so, wie ich bin. Dass man im persönlichen Umfeld lockerer ist, versteht sich ja von selbst. Der Grat zur Überheblichkeit ist bei solchen Dingen immer sehr schmal.Werner Köster, erfolgreicher Vermarkter zahlreicher deutscher Athleten, bemängelt, dass die Leichtathletik an Boden verloren hat, was den Stellenwert in der Öffentlichkeit angeht. Teilst Du diese Ansicht?In Deutschland läuft's eigentlich ganz gut, das Interesse des Fernsehens ist da. Natürlich hängt das auch viel mit Erfolgen zusammen. Darum drückt man sich disziplinübergreifend auch die Daumen, weil alle wollen, dass die Leichtathletik in einem guten Licht steht und angemessen darüber berichtet wird.Wie kann man denn abgesehen von sportlichem Erfolg für mehr Publicity sorgen?Viele meinen ja, dass man mehr Show-Einlagen in die Meetings einbauen soll. So etwas kann ich mir im Sprintbereich durchaus vorstellen. Wenn aber so Aktionen wie die Wok-WM von Stefan Raab im Bobsport kommen, zieht's das Ganze ins Lächerliche. Das muss nicht sein.Nun hat sich Deine Sprintkollegin Sina Schielke unlängst im "Playboy" entblättert. Was ist von solchen Aktionen zu halten?Ich sehe das zwiespältig. Eigentlich sollte man so etwas erst dann machen, wenn man auch internationale Erfolge vorzuweisen hat und nicht umgekehrt.Themenwechsel: Du bist ja nun von Wendlingen nach Kirchheim gezogen nach etlichen Verzögerungen. Woran lag's?Durch den langen Winter Anfang des Jahres hat sich das alles ein bisschen nach hinten geschoben. Aber seit 30. November bin ich jetzt auch offiziell Kirchheimer.Und wie lebt's sich in den eigenen vier Wänden?Ist toll, ich genieße die Selbstständigkeit, vor allem beim Essenmachen. Und seit dem Umzug weiß ich auch, wie man wäscht (lacht). Mit den Nachbarn komm' ich ebenfalls bestens aus und demnächst steigt dann auch die Einweihungsparty.Erkennen Dich die Leute eigentlich auf der Straße und sprechen Dich an?Also in Kirchheim und Wendlingen vereinzelt schon, ja. Als ich in Stuttgart mal ins Kino gegangen bin, hat mich der Kassierer erkannt. Oft trauen sich die Leute aber gar nicht, einen anzusprechen.Hast Du immer Autogrammkarten parat in der Jackentasche?Nein, das finde ich irgendwie blöd. Das sieht so nach Vorsatz aus. Ich hab' ein paar in meinem Auto, aber wenn einer ein Autogramm will, dann schreib' ich ihm das so irgendwo hin.Seit kurzem bist Du mit einer eigenen Homepage (www.tobiasunger.de) im Internet vertreten. Wieso erst jetzt?Ich bin schon öfters angesprochen worden, warum ich denn keine Homepage hätte. Es war halt einfach mal Zeit. Also hab' ich mich an meinen Kumpel Marc Kochan gewandt, der hat das mit seiner PR-Firma dann aufgebaut ist eine schöne Sache und soll Anfang nächsten Jahres noch weiter ausgebaut werden.Die besinnliche Weihnachtszeit ist vorbei. Wie hast Du die Feiertage verbracht?An Weihnachten selbst gehe ich jedes Jahr mit der Familie zum Brunch ins Mövenpick am Flughafen, das ist Tradition. Groß wegfahren reizt mich nicht, entspannen kann ich auch in Kirchheim, zumal ich ja auch nur drei, vier Tage trainingsfrei habe. Schwierig war es über die Feiertage allerdings mit dem Essen, da musste ich mich schon etwas zurückhalten.Und an Silvester? Wie sieht's bei einem Spitzensportler mit Alkohol aus?Also ein Gläschen Sekt ist schon drin. Ansonsten ist das aber kein Problem, ich trinke sowieso nur alkoholfreies Bier und selbst das nur ein-, zweimal im Monat. Lange feiern kommt an Silvester auch nicht infrage. Am 1. Januar wird um 11 Uhr trainiert.Dein Trainer, Micky Corucle, scheint Dir nicht viel zu gönnen?(lacht) Ja ja, manchmal ist er wie ein kleiner Diktator. Aber im Ernst: Er leistet wirklich tolle Arbeit, nicht nur bei mir. Er investiert so viel Zeit in den Sport und seine Familie muss oft zurückstecken das rechne ich ihm wirklich hoch an. In den elf Jahren, die wir nun zusammen arbeiten, ist er auch ein wirklicher Freund geworden.Immer wieder gelingt es ihm, vielversprechende Talente nach Kirchheim zu locken. Was macht er anders als andere Trainer?Der größte Unterschied liegt wohl im technischen Bereich. Außerdem hat er ein gutes Feeling, was die Intensität des Trainings angeht. Und er interessiert sich auch für den Athleten abseits der Bahn, gibt viele Ratschläge, die auch über das Sportliche hinausgehen. Andererseits ist er auch als jemand bekannt, der gerne mal aneckt. So fordert er seit längerem, sämtliche Rekorde aus DDR-Zeiten zu annulieren. Wie schwer ist es, mit einem solchen Trainer zu arbeiten?Man sollte schon wissen, wie man ihn nehmen muss. Er ist halt ein temperamentvoller Mensch, der sagt, was er denkt. Manchmal glaube ich, er bringt sich mit Absicht in die Schusslinie, damit ich in Ruhe arbeiten kann. Aber Stichwort DDR-Rekorde: Ich hätte es auch besser gefunden, wenn die vor Einführung der NADA (Nationale Anti Doping Agentur, Anm. d. Red.) gelöscht worden wären.Nachdem Du den deutschen Rekord über 200 m gebrochen hattest, den der Ostdeutsche Frank Emmelmann 1985 aufgestellt hat, gab es Stimmen, die meinten, das wäre bei Dir nicht mit rechten Dingen zugegangen . . .Ja, da hatte ein Grieche in einem Forum im Internet behauptet, ich würde dopen. Das haben wir mit Hilfe meines Anwalts aber schnell aus der Welt schaffen können. Inzwischen hat sich der auch bei mir entschuldigt. Bei den vielen Kontrollen, die ich habe, wäre das auch gar nicht möglich. Mal abgesehen davon, dass ich niemals dopen würde.Nun ist das kommende Jahr gespickt mit leichtathletischen Leckerbissen: Hallen-WM in Moskau, Europameisterschaft in Göteborg. Welche Ziele verfolgst Du 2006?In der Hallensaison will ich vermehrt die 60 m laufen, um schnell die Quali für die WM in Moskau im März zu packen. Bei der Europameisterschaft im August in Göteborg ist eine Medaille drin. Nach zwei siebten Plätzen bei Großveranstaltungen muss ich meine Ziele auch mal etwas höher hängen.Erstmals wird auch das "World Athletics Final", die Saisonabschlussveranstaltung in Deutschland, nämlich in Stuttgart stattfinden. Schönes Heimspiel, oder?Klar, da freue ich mich drauf. Obwohl es schwer werden wird, sich zu qualifizieren. Die jeweils besten Acht einer Disziplin sind dabei.Letzte Frage: Bemühst Du Dich um Karten für die Fußball-WM?Ja, wir sind da gerade am Organisieren. Wenn's nicht klappt, schaue ich die Spiele halt im Fernsehen an. Auf jeden Fall freue ich mich auf die WM. Ich bin auch einer, der im Autokorso über den Alleenring fahren würde, wenn's was zu feiern gibt.

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