Lokalsport

Optimismus trotz akutem Mangel an Jungs

Wenn das Herz im Viervierteltakt schlägt, sollte man statt eines Kardiologen lieber einen Rock-and-Roll-Tanzverein aufsuchen. Im TSV Notzingen wird die Mischung aus temporeichem Tanz und spektakulärer Akrobatik seit fast sieben Jahren angeboten mit großem Erfolg, was die hohe Anzahl Kinder und Jugendlicher im Verein beweist.

PETER EIDEMÜLLER

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NOTZINGEN Dancing with myself? Von wegen: Sobald der Achtzigerjahre-Hit von Billy Idol ertönt, kennt der Rock-and-Roll-Nachwuchs in der Notzinger Sporthalle kein Halten mehr. In den sieben Jahren, in denen es den akrobatischen Schau- und Turniertanz in der Bodenbachgemeinde mittlerweile gibt, hat sich die Zahl der jugendlichen Mitglieder stets am oberen Limit bewegt sehr zur Freude der Frau, die die TSVN-Abteilung im Jahr 2001 mitgründete und seitdem prägt(e) wie keine Zweite: Conny Schulz-Hatzilazarou. "Ohne die Zusage, in die Jugendarbeit zu investieren, hätte ich nicht als Trainerin in Notzingen angefangen", sagt die 41-Jährige, die zusammen mit Ehemann Kosta (49) und der Formation "Wilder Süden" mehrfach Titel bei deutschen, Europa- und Weltmeisterschaften holte.

Nachdem die Zusage kam und dem quirligen Blondschopf die Rückendeckung des Vereins sicher war, bauten sie und ihre Mitsteiter nach und nach die Abteilung auf, die sich bei den "Funny Dancers", wie sich der Nachwuchs nennt, mittlerweile in vier Gruppen unterteilt: Die Vier- und Fünfjährigen sind als Anfänger mit momentan sechs Kindern (noch) die Minderheit. Im fortgeschrittenen Stadium tanzen zwölf Kids im Alter zwischen sechs und acht Jahren, gefolgt von der zahlenmäßig stärksten Gruppe der 8- bis 13-Jährigen, die von Schulz-Hatzilazarou auf ihre Zukunft als Turniertänzer vorbereitet wird.

Ist bis zu dieser Altersgrenze der Anteil an Jungen und Mädchen noch einigermaßen ausgeglichen, wird spätestens bei der Gruppe der 14- bis 16-Jährigen das große Problem des Rock-and-Roll-Nachwuchses in und außerhalb von Notzingen offenbar: fehlende Jungs. "Rock and Roll ist für Mädchen in dem Alter deutlich interessanter", klagt Schulz-Hatzilazarou das Leid ihrer Mädchenformation, die aus gegebenem Anlass dringend auf männliche Tanzpartner angewiesen ist. "Mädchenpaare dürfen alleine keine Akrobatikteile tanzen", erklärt sie, "das ist von Verbandsseite her verboten."

Auf die Akrobatikteile mit so spektakulären Namen wie Bombe, Schocksalto oder Todessturz müssen die TSVN-Mädels zwar notgedrungen noch verzichten, doch mindert das die Begeisterung und den Spaß keineswegs. Conny Schulz-Hatzilazarou hat dem Nachwuchs jüngst eine brandneue Choreographie zur Queen-Hymne "We will rock you" zusammengebastelt. "Das hat die Jugend richtig zusammengeschweißt", sagt die Privatlehrerin für Englisch und Französisch, die weiß, wie sie die Kids bei Laune hält. "Man muss immer wieder was Neues bieten", glaubt sie, "immer wieder neue Anreize schaffen."

In diesem Zusammenhang kamen der Ex-Weltmeisterin ihre guten Kontakte zugute. Über Drähte zum Südwestfernsehen konnte sie im Dezember 2006 den TSV-Nachwuchs im "Tigerentenprogramm" des SWR unterbringen. "Da haben dann zehn Paare live im Fernsehen getanzt", erinnert sie sich. Auch als der baden-württembergische Rock-and-Roll-Verband Anfang September vergangenen Jahres im Europapark mit über 1000 Paaren einen neuen Weltrekord in der Partnerformation aufstellte, war der TSVN mit den "Funny Dancers" dabei.

"Solche Aktionen fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt Schulz-Hatzilazarou bei einer Jugendabteilung, die sich zu rund einem Drittel aus Deizisauer Kindern speist, ist dieses Gefühl auch nötig. Schulz-Hatzilazarou hatte in ihrem Wohnort im Neckartal eine Schul-AG angeboten, konnte dies aus zeitlichen Gründen aber nicht mehr fortführen. Kurzerhand lotste sie, die ihre Liebe zum Rock-and-Roll-Tanzen als Schülerin des Ludwig-Uhland-Gymnasiums dort selbst in einer AG entdeckte, die Deizisauer Kinder nach Notzingen. Kein Wunder also, dass sie wie keine Zweite auf die Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen ist. "Das klappt aber prima", sagt sie, "ich nehme die Kids in meinem Auto mit und die Eltern holen sie nach dem Training wieder ab."

Teamgeist wird in Notzingen ohnehin großgeschrieben. Da Conny Schulz-Hatzilazarou zusammen mit Ehemann Kosta auch noch die aktiven Tänzer coacht, ist sie im Jugendbereich auf Trainingshelfer angewiesen. Mit Stefan Schneider, Manuela Riepert und Björn Blossey stehen der Inhaberin der Trainer-C-Lizenz abteilungseigene Tänzer zur Verfügung, die den Nachwuchs nach ihren Vorgaben betreuen gegenseitiges Helfen ist eben Ehrensache. "In jedem steckt ein kleiner Trainer", glaubt Schulz-Hatzilazarou, die jedes Jahr einen Trainingsplan aufstellt, der festlegt, wer was wie macht. So kann jede Gruppe an der eigenen Choreografie feilen und sich auf die begehrten Tanzsportabzeichen vorbereiten, die neben den Schau- und Turnierauftritten den Kalender des Nachwuchses prägen.

Rund zwei Jahre Training sind jeweils nötig, um sich Bronze, Silber und Gold ans Revers heften zu dürfen. Dass die Kinder dabei lernen, mit Prüfungssituationen umzugehen, ist für Schulz-Hatzilazarou ein willkommener Nebeneffekt. "So lernen sie, sich ohne Angst zu präsentieren." Wer vor Kampfrichtern und bis zu 300 Zuschauern unbedarft auftritt, dürfte auch kein Problem damit haben, in der Schule ein Referat zu halten. Darüber hinaus fördert Rock-and-Roll-Tanzen durch das präzise Zusammenspiel von Kraft und Schnelligkeit neben der Konzentration auch die Beweglichkeit. "Kinder mit motorischen Schwierigkeiten lernen bei uns unheimlich viel", sagt Conny Schulz-Hatzilazarou, die fest davon überzeugt ist, dass die Abteilung innerhalb des TSVN Zukunft hat. "Wenn wir die Struktur weiter so aufbauen und immer wieder neue Leute dazukommen, habe ich da keine Bedenken."

INFO

Rock and Roll TSV NotzingenZahl der Mitglieder unter 18 Jahren:

60Mitgliedsbeitrag:

Kinder bis 14 Jahre: 65 Euro im Jahr; Kinder ab 14 Jahre: 85 Euro im JahrTrainingsstätte:

Neue Sporthalle NotzingenAnsprechpartner:

Conny Schulz-HatzilazarouInternet:

www.rnr-notzingen.de