Lokalsport

Pelziges Erwachen bleibt folgenlos

Kurzzeitige Verwirrung um Tobias Ungers DM-Start – Wackershauser erstmals Mit-Favoritin

Tobias Unger auf Napoleons Spuren: An gleicher Stelle wie der französische Kaiser vor 196 Jahren in der Völkerschlacht muss sich der Kirchheimer Sprinter seinen Gegnern stellen: In Leipzig steigen an diesem Wochenende die 56. Deutschen Meisterschaften der Leichtathleten, bei denen Unger seinen Titel über 60 Meter aus dem Vorjahr verteidigen will. Auch Anja Wackershauser hat realistische Medaillenchancen, zumal sie als derzeit schnellste deutsche 200-Meter-Sprinterin gen Osten reist.

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PEter Eidemüller

Kirchheim. Pelziges Erwachen für Tobias Unger: Nach dem Aufstehen gestern Morgen klagte der 29-Jährige über ein taub-pelziges Gefühl im Fuß, ähnlich wie bei einem „eingeschlafenen“ Arm. Nach aufgeregten Telefonaten mit Trainer Micky Corucle und seinen Ärzten schien der Start bei den Deutschen Meisterschaften am Samstag plötzlich in großer Gefahr, von einem schnellen Besuch beim ehemaligen DLV-Chefarzt Dr. Schreiber in Freiburg war schon die Rede gewesen – dann jedoch die Entwarnung, Unger konnte sich nach Besuch bei einem hiesigen Doc den Weg in den Breisgau sparen. „Tobias hat eine leichte Entzündung im Knie, die wohl ein bisschen auf den Nerv gedrückt hat“, erklärte Corucle gestern Nachmittag. Eine entzündungshemmende Spritze brachte rasch Linderung, sodass Corucle grünes Licht für den DM-Start geben konnte. „Wenn der Startschuss fällt, wird er das schon wieder vergessen haben.“

Grund des Wehwechens seien laut Trainer die vielen Wettkampfeinsätze und Trainingseinheiten in letzter Zeit gewesen. In der Tat war Unger in den vergangenen Wochen oft im Einsatz, zuletzt in Düsseldorf und Karlsruhe sogar innerhalb von drei Tagen. Neben der Jagd nach Bestzeiten und Normen hatte dies jedoch auch einen ganz pragmatischen Grund: Geld. „Ich habe ihm zugestanden, diese Saison auch mal ein bisschen was bei den Meetings zu verdienen“, so Corucle, der damit indirekt die fehlende finanzielle Unterstützung des DLV für seine Topathleten moniert.

So oder so: Dem Unternehmen Titelverteidigung über 60 Meter (Finale heute um 16.15 Uhr) steht nach dem kleinen Verletzungsschock nichts mehr im Wege. Zumal der große Konkurrent Ungers in Leipzig gar nicht am Start sein wird: Christian Blum, mit 6,56 Sekunden in dieser Saison bislang schnellster Deutscher und Topfavorit auf den DM-Titel, kann aufgrund einer Blockade im Becken und der Lendenwirbelsäule nicht antreten – von Schadenfreude kann im Unger-Lager jedoch keine Rede sein, im Gegenteil. „Wenn einem Konkurrenten, der so gut drauf war, so etwas passiert, freut man sich nicht. Das ist einfach nur schade“, zollt Corucle der Leistungsfähigkeit des 21-jährigen Münchners Respekt. Dass Tobias Unger, der nach Blum mit 6,64 Sekunden aktuell zweitbester Deutscher ist, deshalb automatisch zum Goldkandidaten wird, sieht der Trainer jedoch eher skeptisch: „Konkurrenz gibt es genug, um den Titel können viele mitlaufen“. Allen voran Stefan Schwab (TSV Schwar­zenbeck), der mit 6,65 Sekunden der dritte DLV-Sprinter ist, der bislang die Norm für die Hallen-EM in Turin (6,66) unterbieten konnte. Aber auch Altmeister Alexander Kosenkow (31) ist mit 6,68 Sekunden ein ernst zu nehmender Gegner.

Wie ernst die Konkurrenz Anja Wackershauser nehmen wird, ist offen. Die 20-jährige 200-Meter-Sprinterin reist als schnellste Deutsche zur DM, ist mit ihren 23,83 Sekunden, die sie beim Sparkassen-Cup in Stuttgart gelaufen war, momentan sogar auf Rang 20 der europäischen Hallenrangliste. Wer, wenn nicht sie, hat in Leipzig als Topfavoritin auf Gold zu gelten? „Mein Ziel ist der Endlauf“, gibt sich die Kirchheimerin bescheiden-zurückhaltend. Grund: Mit dem Kopf war sie in den letzten Tagen eher beim Studium („Ich musste mein Graecum schreiben“), zudem war an ein geregeltes Training im vereisten Kirchheimer Stadion kaum zu denken. „Natürlich wäre es klasse, wenn ich die Zeit von Stuttgart bestätigen könnte“, sagt sie, „aber bei der langsamen Bahn in Leipzig dürfte das schwer werden.“ Ihr größter Wunsch ist nicht nur deshalb, eine gute Bahn zu erwischen. „Bloß nicht auf der Innenbahn“, hofft sie. Mit der für sie eher ungewohnten Rolle der Favoritin hat Wackershauser ein wenig Probleme: „Es ist schon spaßiger, wenn keiner mit einem rechnet. Die Lockerheit fehlt schon ein bisschen.“ Vielleicht kommt diese ja beim Sightseeing zurück: Nachdem Wackershau­sers Einsatz erst am Sonntag ist (Finale: 14.40 Uhr), will sie sich morgen in aller Ruhe Leipzig anschauen. „Zu sehen gibt‘s da ja genug“, freut sie sich.

Neben Unger und Wackershauser sind aus der Corucle-Trainingsgruppe noch Hürden-Ass Stephanie Lichtl (Bempflingen) sowie Ann-Kathrin Fischer (Heilbronn) und Klaus Neuendorf (Köngen) am Start. Während Lichtl nach überstandender Verletzungspause laut Corucle durchaus aufs Treppchen über 60 Meter Hürden sprinten kann („Platz drei ist auf jeden Fall drin“), wären Endlaufteilnahmen von Fischer und Neuendorf über 60 Meter jeweils schon als Erfolg zu bewerten.

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichtet in seiner Sendung „Sport im Osten“ am Samstag (16 bis 18 Uhr) und Sonntag (16.30 bis 17.15 Uhr) jeweils von der DM.