Lokalsport

Reinemachen nach dem Sturm als schönste Nebensache der Welt

Für sie kommt der Anpfiff nach dem Abpfiff. Oder, um ein altes Herberger-Zitat zu bemühen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wenn Fußballfans die Innenstadt zur Partymeile erklären, wartet auf die Mitarbeiter des städtischen Baubetriebsamts meist eine lange Nacht. Dass der WM-Spielplan den Feierabend diktiert, trägt mit Fassung, wer ein wahrer Fußballfan ist.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Vor dem Viertelfinale steht es 1:0. Im Tipp-Duell der Saubermänner liegt die Stamm-Mannschaft aus der Innenstadt gegen die "Legionäre" von der Naberner Peripherie in Führung. Es knistert vor dem mit Spannung erwarteten Duell der deutschen Elf gegen Argentinien. Schließlich steht viel auf

O:902F603.EP_ dem Spiel. Eine Siegprämie, ausbezahlt in krisensicherer Währung: Leberkäs' und Exportbier. Da wird jeder Motivationstrainer zum Arbeitslosen. Das WM-Fieber grassiert längst nicht mehr nur in Wohnzimmern und auf öffentlichen Plätzen. Es hat auch diejenigen gepackt, die von Berufs wegen allen Grund hätten, auf die Euphoriebremse zu treten. Denn, wenn an den neuralgischen Jubelstätten in der Innenstadt die Begeisterungswelle abebbt, heißt es für die Reinigungskräfte, Überstunden schieben. Da versteht es sich von selbst, dass sich der Einsatz- nach dem Spielplan richtet.

"Wenn Deutsche oder Italiener spielen, gibt es richtig Arbeit", sagt Christian Maiwald, der Leiter des Baubetriebsamtes der Stadt. Ob am neuen Kreisel beim Schwarzen Adler, vor dem Wachthaus oder im "italienischen Wohnzimmer" am Postplatz, wenn die Fans das Feld räumen, bleibt jede Menge Müll zurück. Doch wer als Meister Proper ein echter Fußball-Anhänger ist, der trägt es mit Fassung. Rund 40 Mitarbeiter aus acht Nationen schwärmen allmorgendlich vom Betriebshof in der Boschstraße aus, um den Kirchheimern das Stadtleben so angenehm wie möglich zu machen. Da versteht es sich von selbst, dass nicht jeder den Klinsmännern die Daumen drückt. Leonardo Tricarico zum Beispiel ist ein echter Tifoso und träumt als solcher bereits vom Halbfinale Italien gegen Deutschland. "Das wäre ein echter Knaller", sagt er. Für ihn gibt es keinen Zweifel, dass Totti, Cannavaro und Co. ins Endspiel einziehen werden. Marc Boenle kommt aus Frankreich, genauer gesagt aus der Elsass-Metropole Colmar. Auch er träumt vom Finale, am besten natürlich gegen die Deutschen. Doch davor haben die Fußballgötter den amtierenden Weltmeister Brasilien gesetzt, gegen den die Equipe Tricolore am Samstag im Viertelfinale ran muss. "Ein ganz harter Brocken", meint Boenle, der vor der Neuauflage des Finales von 98 nicht frei von Bedenken ist. Obwohl die Brasilianer bisher wenig Glanz verbreitet haben, sieht er die Selecao leicht im Vorteil. Kaum bange ist es ihm hingegen vor der heutigen Partie der Klinsmann-Elf gegen Argentinien. "Deutschland hat bisher super gespielt. Ein Weiterkommen wäre absolut verdient."

Eine Erzfeindschaft verbindet Terry Mahir mit den Kickern von der Insel. Weil das eigene Team an der WM-Qualifikation scheiterte, fiebert der Ire nun mit dem Gastgeberland und drückt den Portugiesen gegen die Engländer die Daumen. Die Nachbarn aus dem Fußball-Mutterland haben bei ihm alle Sympathien verspielt: "Die haben um ihren einzigen WM-Erfolg 1966 so viel Lärm gemacht", meint er. "Jetzt fürchten sie sich vor einem weiteren Titel." Für Antun Ivanovic aus Kroatien ist das Duell Deutschland gegen Argentinien das vorweg genommene Endspiel. "Wer hier gewinnt, steht im Finale", ist er sich seiner Sache sicher. Der eigenen Mannschaft weint er nach dem Vorrunden-Aus hingegen keine Träne nach. Schwach gespielt verdient ausgeschieden, so sein nüchternes Fazit.

Im Team der WM-Experten hat es der Fußball-Muffel naturgemäß schwer. "Wenn jemand nach Ergebnissen fragt und ich keine Antwort weiß", beschreibt Rainer Pyttlik, was ihn am meisten nervt. Rat könnte er bei der "guten Seele" im Betriebshof finden: Alexandra Steinle ist nicht nur die einzige, sondern auch die kompetenteste Frau im Männerteam, wenn es ums runde Leder geht. Sie hat bisher noch kein einziges Spiel versäumt. Ihr klarer Tipp fürs heutige Viertelfinale: Deutschland schlägt Argentinien 3:1 "Weil unsere Jungs bisher den absolut schönsten Fußball gezeigt haben." Dem kann Reinhold Appel nur beipflichten. Er sieht Deutschland gegen Brasilien im Endspiel. "Diesmal gewinnen wir 2:1", beschreibt er seinen Traum. Für den würde er am Abend des 9. Juli sogar eine Sonderschicht einlegen.