Lokalsport

Rendezvous mit dem inneren Schweinehund

Die einen starten mit guten Vorsätzen ins neue Jahr, die anderen im alten noch einmal so richtig durch. Gelegenheit, 2004 sportlich ausklingen zu lassen, bietet traditionsgemäß der Kirchheimer Silvesterlauf. Wenn morgen Schlag 15 Uhr der Startschuss vor dem Rathaus fällt, heißt es zum 23. Mal: Dabeisein ist alles.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Erfahrene Teckläufer wissen es: Das richtige Schuhwerk macht den Unterschied. Nicht immer, doch immer dann, wenn zum Jahresausklang der Winter sich von seiner launischen Seite zeigt. Braune Äcker und trockener Asphalt im Tal, Blankeis oder Schneematsch in der Höhe. Wechselnder und kraftraubender Untergrund gehören zum Kirchheimer Silvesterlauf wie Glühwein und "Gutsle" nach der Rückkehr. Der Wintereinbruch zu Wochenbeginn und das anschließende Tauwetter sorgen wohl auch in diesem Jahr dafür, dass die Läuferschar dem Hausberg morgen mit dem nötigen Respekt zu Leibe rückt. Schließlich sind die Erinnerungen ans Vorjahr noch wach, als es auf dem völlig vereisten Fahrweg zwischen Hörnle und Teck für Läufer und Zuschauer kein Halten gab.

Sportliche Höchstleistungen ja Zeiten und Platzierungen nein, so lautet auch im 23. Jahr das Motto der Veranstalter, die an den olympischen Geist der Teilnehmer appellieren. "Wir veranstalten einen Freundschaftslauf, kein Wettrennen", betont Reinhard Köster vom Kirchheimer Lauftreff. Doch auch wenn der Silvesterlauf keine Gegner kennt, den inneren Schweinehund gilt es allemal zu bezwingen und ohne ein Fünkchen Ehrgeiz dürfte kaum einer der Starter das rettende Burgtor erreichen. Immerhin trennen neun Kilometer und 450 Höhenmeter das Etappenziel vom Ausgangspunkt.

Als wolle sie in eigener Sache werben, thront die Teck dieser Tage im leuchtenden Winterkleid überm tristen Talgrund. Ein Lockruf, dem es kaum bedarf, denn Kirchheims sportlicher Jahresausklang ist längst zum Selbstläufer geworden: Von acht Lauftreff-Freunden 1981 ins Leben gerufen, hat sich der Silvesterlauf inzwischen zu einer der meist frequentierten Breitensportveranstaltungen des Jahres entwickelt. Rund 480 Teilnehmer registrierten die Veranstalter im vergangenen Jahr, und bliebe es bei diesem Trend, müsste heuer vor den Nullen wohl eine Fünf stehen.

Doch auch die rasanteste Entwicklung hat ihre Konstanten. Deshalb wird morgen wie all die Jahre zuvor pünktlich um 15 Uhr mit dem Glockenschlag der Rathausuhr der Startschuss fallen. Ihr Silvesterlauf-Debüt wird dabei Kirchheims OB Angelika Matt-Heidecker feiern. Deren sportliche Qualitäten sind zwar hinlänglich bekannt, doch am letzten Tag des Jahres macht die Verwaltungschefin noch allenfalls den Finger am Abzug krumm.Durch die Marktstraße und die Dettinger Straße wälzt sich der Läuferpulk anschließend stadtauswärts. Am Schienenübergang beim Bauhof findet die Eintracht dann meist ein Ende. "Wir wollen bis dorthin gemeinsam ein gemächliches Tempo anschlagen, um Wartezeiten an der Schranke zu vermeiden", versucht Lauftreff-Leiterin Jutta Krehl das alljährliche Nadelöhr zu entschärfen. Doch allen Appellen der Organisatoren zum Trotz: Die Schnellsten der Schnellen lösen dieses Problem seit Jahren auf ihre Weise und queren die Schlüsselstelle noch bevor sich die Bahnschranke senkt.

Vorbei am Dettinger Hallenbad zieht sich der Lindwurm dann jenseits des Guckenrains unaufhaltsam in die Länge. Spätestens beim Abzweig auf den so genannten "Ho-Tschi-Minh-Pfad" hat das Asphaltband ein Ende. Der Teckberg fährt nun erstmals seine Krallen aus und so mancher Läufer dürfte sich im Kampf gegen die Schwerkraft wünschen, er könnte selbiges tun. Bis zum Parkplatz Hörnle, wo nach der Schranke der steilste Streckenabschitt auf die Meute wartet, hat sich dann längst die Spreu vom Weizen getrennt. Bis zur erlösenden Schlusskehre sind noch einmal drei steile Rampen zu überwinden, die je nach Bodenbeschaffenheit die letzten Kraftreserven fordern.

Doch der Einzug in den Burghof unter dem Beifall der Zuschauer ist erst die halbe Miete. Auf wen dort oben kein trockenes Leibchen wartet, der wird sich rasch wieder an den Abstieg machen. Bis zum Parkplatz Hörnle bieten die Helfer des Lauftreffs einen Gepäcktransport an. Dort bleibt also Zeit für einen Kleiderwechsel oder einen Schluck heißen Tees bevor sich die Gruppe um 16.15 Uhr geschlossen auf den Rückweg nach Kirchheim macht. Spätestens um 16.50 Uhr steht das große Finale im Programm, wenn auf dem Parkplatz des Minimal-Marktes am Gaiserplatz die 18 Fackelträger des Lauftreffs zum letzten Sammeln blasen. Im lodernden Fackelschein und durchs Spalier der zahllosen Zuschauer findet der Triumphzug schließlich vor dem Rathaus sein Ziel. Bei einem Becher heißen Punschs und den Klängen der Turmbläser hat dann schon manch Ermatteter die Englein singen hören und dabei einen folgenschweren Schwur geleistet: Silvesterlauf auf die Teck im nächsten Jahr wieder.

INFOMehr als 60 freiwillige Helferinnen und Helfer sind für Organisation, Streckensicherung, Gepäcktransport oder Verpflegung der Teilnehmer im Einsatz. Zur Deckung eines Teils der Unkosten hält der Lauftreff beim Rathaus ein Spendenkässchen bereit.