Lokalsport

Rennen gegen die biologische Uhr

Altersklassenathleten bescheren den klassischen Ausdauersportarten einen wahren Boom

Sie sind körperlich topfit, sie sind ehrgeizig und sie verfolgen ständig neue Ziele. Männer im reiferen Alter sind die Endorphin-Junkies unter den Ausdauersportlern. Keine Sparte wächst rasanter als die Senioren- oder Masterklassen im Wettkampfkalender. Die Generation 30 plus und ihr ganz eigener Umgang mit der biologischen Uhr.

Bernd Köble

Kirchheim. Wechseljahre oder Midlife Crisis ist per Definition eine Frage des Geschlechts. Das gilt auch für den Umgang mit dem Älterwerden. So manche Frau jenseits der Lebensmitte hat es schon erlebt. Es kommt plötzlich, trifft einen meist völlig überraschend und mit ganzer Wucht: Plötzlich türmen sich Berge stinkender Sportlerwäsche im Badezimmer, im Kühlschrank stapeln sich Kohlenhydrat-Drinks über Powerriegeln und am Abend liegt vis-a`- vis ein restlos erschöpfter Mann im Bett. Der spätreife Sportskamerad ist ein Typus, der sich rasend vermehrt. Das zeigt ein Blick in den Wettkampfkalender der gängigsten Ausdauersportarten. Vorbei die Zeiten als sich ausgeleierte Trikots über stattliche Bäuche spannten und der Seniorentreff im Sportverein noch als AH firmierte. Heute versuchen Kohorten 50-jähriger Modellathleten beim Start zum Marathon ihren Adrenalinpegel im Zaum zu halten.

Dass sich der Kräfteverschleiß mit zunehmendem Alter am wenigsten im Ausdauersport bemerkbar macht, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist jedoch, dass es dort für jede Entwicklungsstufe inzwischen das passende Wettkampfangebot gibt. Im Lauf-, Rad- oder Triathlonsport schießen die Altersklassen wie Pilze aus dem Boden und stempeln den Aktivenbereich fast schon zur Randerscheinung. Beim Black Forest Ultra Bike Marathon, dem größten Mountainbike-Rennen dieser Art in Deutschland ist man in diesem Jahr erstmals gezwungen, dem Bewegungsdrang der reiferen Herren einen Riegel vorzuschieben. Es droht ein Meldestopp. „Mehr als 5 000 Starter sind beim besten Willen nicht möglich“, sagt Organisationschef Erhard Eckmann. 36 Prozent mehr Teilnehmer als im Vorjahr lassen den Schwarzwälder Veranstalter bei der Jagd rund um Kirchzarten an Grenzen stoßen. 553 Meldungen lagen Anfang Mai allein für die Ultra-Distanz über 116 Kilometer in den vier männlichen Seniorenklassen vor. Bei den Herren waren es gerade mal 48. „Die alles dominierenden Jahrgänge sind die von 1960 bis 70“, sagt Pressesprecher Walter Hasper. „Die fahren Jahr für Jahr gegen ihre alten Zeiten an.“

Der Mann, der das Phänomen erklären kann, weil er der Urheber des Senioren-Rennsports im Bund Deutscher Radfahrer ist, heißt Wolfgang Schoppe. Der einstige Ziehvater des DDR-Radsports hat nach der Wende im Westen eine Marktlücke entdeckt: Während es im DRSV des Ostens schon 1953 Seniorenmeisterschaften gab, fanden die alten Kämpen im Westen kein adäquates Betätigungsfeld. Sie tauchten allenfalls als die Grüß-Gott-Onkels im Beiprogramm der Sechstage-Rennen auf.

Der Osten als Vorbild

Schoppe, der heute Vizepräsident des BDR ist, wollte der radelnden Ü30-Party nach der Wende auch im Westen einen würdigen Platz im Wettkampfkalender verschaffen. Zunächst scheiterte er noch am Widerstand der Landesverbände, der allerdings schnell bröckelte: Schon 1994 gab es im vereinten Deutschland die ersten offiziellen Seniorenmeisterschaften auf der Straße. „Von da an explodierten die Zahlen regelrecht“, erinnert sich der 68-Jährige, der heute selbst noch fest im Rennradsattel sitzt, dabei pro Jahr bis zu 40 Rennen bestreitet und auf eine Jahresleistung von 12 000 Kilometer kommt.

Die Einführung der Jedermann-Rennen ließ 1996 die erfolgshungrigen Senioren dann vollends von der Leine und trat eine Lawine los. Das größte Rennen dieser Art findet alljährlich in Hamburg statt. Bei den dortigen Cyclassics waren vergangenen August mehr als 20 000 Jedermänner am Start. Sechs der insgesamt neun angebotenen Startklassen waren für Seniorensportler zwischen 31 und 81 Jahren reserviert. Die sind nicht nur zahlenmäßig eine Macht: Bis Platz 15 muss sich gedulden, wer im Gesamtklassement aller Teilnehmer den Sieger in der Herrenklasse finden will. Der ist mit 23 Jahren zwar im besten Mannesalter, doch die schnellsten Beine haben andere. Das Durchschnittsalter der 14 vor ihm Platzierten liegt bei 43 Jahren. Wolfgang Schoppe weiß, warum solche Veranstaltungen das Testosteron derart in Wallung bringen: „Weil dort eine gemeinsame Wertung stattfindet und jede Zeit und Platzierung im direkten Vergleich mit anderen Klassen dokumentiert ist.“ Das motiviert und signalisiert: Schaut her, ich gehör‘ noch nicht zum alten Eisen.

Bei der Zahl der einzelnen Seniorenklassen scheint es nach oben keine Grenze zu geben. Die Mountainbiker ziehen inzwischen nach. Dort heißen die Oldies heute Master I, II oder III, je nach Veranstalter auch gerne Senior Master oder Grand Master. Allmählich gehen die Begriffe aus. Es gibt eigene Europa- und auch Weltmeisterschaften, Sponsorenverträge und inzwischen sogar reine Seniorenteams mit einer Infrastruktur, die den Profis in wenig nachsteht.

Was treibt Männer im reiferen Alter dazu, knüppelharten Leistungssport zu betreiben? „Vielleicht ist es die Angst, die Kontrolle über den Körper zu verlieren“, meint Ralf Böhm. „Ich bin kein Kostverächter und weiß nicht, was wäre, wenn ich kein Ziel mehr hätte.“ Der 46-Jährige aus Weilheim hat mit 29 Jahren sein erstes Mountainbike-Rennen bestritten. In einem Alter, da manche Sportler schon mal einen Gedanken ans Aufhören verschwenden. Bei ihm ging es von da an steil bergauf: 1998 wird er deutscher Crosscountry-Seniorenmeister in der Hobbyklasse, 2000 im Marathon, drei Jahre später folgt Platz drei bei der WM, 2007 wird er Dritter bei der Trans Germany in der Masterklasse. 2008 wechselt er vom Gelände auf die Straße, wird Vierter der Masters bei der Tour Transalp und legt ein Jahr später mit Platz drei noch eine Schippe drauf.

Sein Partner, mit dem er beim Alpen-Etappenrennen über 780 Kilometer und 20 000 Höhenmeter auch dieses Jahr am Start sein wird, ist acht Jahre jünger und hat das gleiche Ziel: Alles andere als ein erneuter Platz auf dem Podium wäre eine Enttäuschung. Dass die Gegner längst keine Freizeitfahrer mehr sind, sondern gestandene Profis im Unruhestand, kümmert beide nicht. Böhm hält nicht nur mit, er fühlt sich Jahr für Jahr stärker. Deshalb reiht sich beim zweifachen Familienvater seit langem schon eine Abschiedssaison an die andere. Locker zu lassen fällt schwer. „Wenn ich merke, dass die Leistung nachlässt, wäre das ein Grund, aufzuhören“, sagt er. Doch davon ist er dreieinhalb Jahre vor seinem 50. Geburtstag anscheinend noch ein Stück weit entfernt. Seit dem Leistungscheck im Frühjahr an der Uni Tübingen hat er es Schwarz auf Weiß: Der Gipfel ist noch immer nicht erreicht.

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