Lokalsport

Rot-weißer Leberkäse, ein Wunder und zwei Buchstaben

Berlin als Ziel aller Träume? Von wegen: VfB-Fans landauf, landab sehnen sich heute nach dem ganz großen Stuttgarter Coup im DFB-Pokalfinale gegen Bayern. Der hiesige Fanclub Rot-Weiß Leberkäs ist gleich mit 36 Schlachtenbummlern im Olympiastadion vertreten. Fünf davon sprachen vor der Abfahrt Richtung Hauptstadt über die Chancen des VfB, die Erwartungen an die Roten und ihre Final-Tipps.

Kampfeslustig nach Berlin: Freddy Appel, Ede Weyrauch, Steven Stehlik, Dominik Bäurle und David Lempp (von links) vom VfB-Fanclu
Kampfeslustig nach Berlin: Freddy Appel, Ede Weyrauch, Steven Stehlik, Dominik Bäurle und David Lempp (von links) vom VfB-Fanclub Rot-Weiß Leberkäs drücken den Stuttgartern heute im Olympiastadion die Daumen.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Wer sagt, dass Realismus nicht auch Platz zum Träumen lässt? Wie jeder normale Fußballinteressierte wissen auch die VfB-Fans von Rot-Weiß Leberkäs, dass der FC Bayern heute Abend haushoher Favorit im DFB-Pokalfinale ist. Dennoch hoffen Steven Stehlik (24), Freddy Appel (38), David Lempp (32), Dominik Bäurle (19) und Ede Weyrauch (46), dass dem VfB der Coup schlechthin gelingt. Das Quintett zählt zu den rund 75 000 Glücklichen, die das Spiel heute Abend live im Berliner Olympiastadion verfolgen dürfen.

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Nicht nur das. Die fünf VfB-Anhänger sind zusammen mit 31 ihrer Kollegen vom hiesigen Fanclub Rot-Weiß Leberkäs vor Ort, um die Stuttgarter zur Sensation zu brüllen. „Dass wir so viele Karten bekommen haben, liegt auch am internen VfB-Fanclubranking“, weiß Steven Stehlik, der bei RWL für das Ticketing verantwortlich ist. Nach einem ausgeklügelten System, bei dem auch die Zahl der besuchten Auswärtsspiele wichtig ist, verteilte der VfB die Finaleintrittskarten an seine organisierten Fans. So gesehen haben die Leberkäsler das Ticketkontingent auch ihrer Reiselust zu verdanken.

Zum regelrechten Meilensammler wurde dabei in der abgelaufenen Saison Freddy Appel. „In der Europa-League war ich bis auf Moskau bei jedem Auswärtsspiel“, sagt er stolz. Gleichzeitig hat er fürs Finale heute Abend den mutigsten Tipp parat. „Wir gewinnen 2:0 durch ein Münchner Eigentor und einen Treffer von Maxim“, schmunzelt er. Und wa­rum? „Die Arroganz der Bayern gehört einfach mal bestraft.“ Nicht zuletzt die Bemerkungen von FCB-Boss Rummenigge, der den Bayern auch mit 1,8 Promille im Blut Siegchancen eingeräumt hatte, bringen die VfB-Seele zum Kochen.

Als Ventil dient Kreatives: So wird der RWL heute mit einer in liebevoller Handarbeit gebastelten Fahne im Stadion stehen. Dominik Bäurle („Ich hoffe auf ein Elfmeterschießen, das wir dann 7:6 gewinnen“) hat rund zwei Wochen gebraucht, ehe er das Logo des VfB und des RWL mittels Beamer und Bleistift auf zwölf Quadratmeter Stoff gefriemelt und farbig gestaltet hatte. Was ein echter Fan ist, der scheut keine Mühen.

Auch nicht bei der Anreise. Machten sich viele Leberkäsler bereits gestern oder heute früh mit dem Auto Richtung Berlin auf, kommt Steven Stehlik mit dem Zug den weiten Weg aus Prag, wo er mit seinen Fußballkameraden des TSV Owen auf Mannschaftsausflug weilt. „Wird schon klappen“, schmunzelt er.

Und klappt‘s auch mit einem VfB-Sieg? Ede Weyrauch sieht‘s bei aller gelebten VfB-Sympathie, vor der auch sein mit rot-weißem-Sticker versehenes Fahrrad nicht haltmacht, eher nüchtern. „4:0 für Bayern“, tippt er schweren Herzens, obwohl selbiges seit Babytagen für den VfB schlägt. „Meine Mutter ist aus Cannstatt, ich bin in Stuttgart-Ostheim geboren. Gut möglich, dass bei meiner Geburt gerade ein Spiel im Neckarstadion lief“, lacht er.

Für seinen Tipp erntet Weyrauch von den Kollegen neben Kopschütteln auch Kopfnicken. „Klar, wenn‘s normal läuft, gewinnen die Bayern. Aber wenn nicht, waren wir live dabei und können noch unseren Enkeln erzählen, wie der VfB den Bayern das Triple versaut hat“, lacht David Lempp, der auf ein Elfmeterschießen mit Glanztat von Sven Ulreich spekuliert. Seinen Optimismus erklärt er mit beinahe schon fußballphilosophischer Leichtigkeit. „Was ist der Unterschied zwischen dem Wunder von Bern und dem Wunder von Berlin? Nur zwei Buchstaben.“