Lokalsport

Sammeln statt rechnen

Vom VfL-Klassenerhalt mag (noch) keiner reden

Zwölf Punkte Vorsprung bei fünf noch ausstehenden Spielen. Der Klassenerhalt des VfL in der Oberliga scheint in trockenen Tüchern – oder etwa nicht?

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Peter Eidemüller

Kirchheim. Was die Stunde geschlagen hatte, wussten die Kirchheimer Kicker wohl, als Ferdi Er gegen Crails­heim das entscheidende zweite Tor erzielte. Exemplarisch ließ sich Verteidiger Nico Kauffmann abseits der um Er gebildeten Jubeltraube auf den Boden fallen und ballte die Fäuste triumphierend gen Himmel – war‘s das in Sachen Klassenerhalt für den VfL?

Hinterher waren alle bemüht, verbal auf die Bremse zu treten. „Wir feiern erst dann, wenn‘s sicher ist“, sagte Abteilungsleiter Jörg Mosolf. „Ich rechne nicht, ich sammle lieber weiter Punkte“, ergänzte Trainer Rolf Baumann. „Solange die Kirchenglocken läuten, ist die Kirche noch nicht aus“, stellte Defensivroutinier Oliver Otto fest. Lediglich dem Kirchheimer Kapitän ließ sich etwas Griffiges entlocken. „Noch ein Sieg und wir haben es geschafft. Die Ausgangslage ist super“, freute sich Christopher Eisenhardt.

Treffender kann man es wohl nicht ausdrücken: Mit 36 Punkten liegt der VfL fünf Spieltage vor Saisonende zwölf Zähler vor Rang 15, der aller Voraussicht nach erster von vier Abstiegsplätzen sein wird. Sollte jedoch kein baden-württembergischer Regionalligist absteigen, müssten aus der Oberliga nur drei runter. In dem Fall wären es aktuell sogar 15 Punkte Vorsprung für den VfL. Für Rolf Baumann kein Grund zur (Vor)Freude. „Was, wenn die SG Großaspach als Meister und Aufsteiger nicht regionalligatauglich ist?“, fragte er süffisant nach dem Crailsheimspiel. In der Tat müsste das Großaspacher Sportgelände Fautenhau bei einem SG-Aufstieg den Viertligaansprüchen des DFB entsprechend umgebaut wer­den: Sitzplatztribüne, abtrennbarer Block für Gästefans, moderne Flutlichtanlage – all das fehlt momentan, weswegen der Verein über einen vorübergehenden Umzug ins Heilbronner Frankenstadion nachdenkt.

So weit ist es beim samstäglichen VfL-Gegner aus Crailsheim noch nicht. Das Schönebürgstadion erfüllt nach Umbauarbeiten seit 2008 zumindest die Oberligaanforderungen in vollem Umfang – zum Leidwesen der Fans gilt das momentan nur bedingt für die Mannschaft, die sich nach vier fetten Jahren mit Vorderplätzen und dem verpassten Regionalligaaufstieg 2004 erstmals im Ligamittelmaß wiederfindet. Seit Beginn der aktuellen Saison setzt der Verein aus finanziellen Gründen vermehrt auf Jungtalente aus Stadt und Region. „In Crailsheim spielten lange Zeit nur Legionäre, das hat sich geändert“, erklärt TSV-Coach Tobias Flitsch, der das Team nach dem Rücktritt von Ex-VfL-Kicker Uwe Igler im November übernommen hatte. Flitsch wohnt übrigens in Jebenhausen, weswegen ihm die Niederlage in Kirchheim kaum sauer aufstieß. „Hier tut‘s mir am wenigsten weh zu verlieren. Das ist Heimat für mich“, sagte der 29-Jährige nach dem 0:2 seines Teams, das mit 41 Punkten auf Rang zehn jenseits von Gut und Böse liegt.

Anders sieht das beim Tabellenletzten Spvgg Au aus. Dort hatten die Verantwortlichen unter der Woche erklärt, dass kein Geld mehr für Spieler und Trainer der ersten Mannschaft ausgegeben werden soll. Folge: Au wird in der kommenden Saison nur noch mit seiner Kreisliga-Mannschaft am Spielbetrieb teilnehmen. Leistungsträger wie Stürmer Bastian Heidecker, der zwischenzeitlich auch in Kirchheim im Gespräch war, und Mittelfeldstratege Antonio Sacotelli, haben bereits neue Vereine, beide wechseln zu Verbandsligist Olympia Laupheim. Auch Trainer Markus Pleuler, einst unter VfL-Coach Baumann beim SSV Ulm aktiv, wird dem Illertal den Rücken kehren.

Wer beim VfL im Sommer seinen Abschied nehmen wird, ist derweil noch offen. Zahlreiche Verträge laufen Ende Juni aus, die Abteilungsoberen bereiten derzeit Gespräche vor. „Wir haben Zwei-Jahres-Verträge aus­gearbeitet, werden uns bald mit den Betreffenden zusammensetzen“, so Geschäftsführer Walter Rau. Einer der Wackelkandidaten ist Abwehrcrack Mathias Koch. Der einstige Zweitligaprofi des VfL Osnabrück saß gegen Crailsheim nach abgebrummter Rotsperre nicht mal auf der Bank. Sein Hund hatte ihn derart stark am Hals gekratzt, dass der Muskel anschwoll und Koch den Kopf nicht mehr bewegen konnte. Allerdings hät­te es der 27-Jährige momentan auch schwer, sich gegen Hans-Alex Thies oder Nico Kauffmann einen Stammplatz zu erkämpfen. Neues gibt es auch vom wechselwilligen Kagan Söy­lemezgiller: Nach seinem Probetraining bei Bayer Leverkusen II (wir berichteten) wird der 21-Jährige diese Woche testweise bei Drittligist Wuppertaler SV mittrainieren.

Zeit dafür hat er: Rolf Baumann hat der Mannschaft bis Donnerstag frei gegeben, er selbst wird allerdings nicht untätig bleiben. Heute und mor­gen werden potenzielle Neuzugänge im Stadion vorstellig. Namen wollten die VfL-Macher keine verraten, nur so viel: „Es sind Nachwuchsspieler aus größeren Vereinen in der Umgebung“, so Walter Rau. Soll heißen: SSV Reutlingen, VfB Stuttgart oder Stuttgarter Kickers – man darf gespannt sein, wer im Kirchheimer Netz hängen bleibt.