Lokalsport

Schlichter und Co. auf dem Abstellgleis

Schöne Bescherung kurz vor den Weihnachtsfeiertagen: Der Deutsche Meister TTC Frickenhausen hat seine zweite Mannschaft am vergangenen Donnerstag, nur sechs Tage nach dem ersten Saisonsieg, völlig überraschend aus der Zweiten Tischtennis-Bundesliga zurückgezogen. Es ist das Ende einer unheilvollen Entwicklung, die viele Tischtennisfans sprachlos gemacht hat.

UWE BAUER

Anzeige

NÜRTINGEN Beim Blick auf die Ergebnisliste des vergangenen Wochenendes fiel auf, dass ein Resultat fehlte: das des TTC II bei Fortuna Passau. In der Tabelle wurde der TTC Frickenhausen zwar noch geführt, allerdings mit dem lapidaren Vermerk "zurückgezogen." Bezirkspressewart Eberhard Einselen war total perplex, als er davon erfuhr. Wie um alles in der Welt konnte es dazu kommen? "Wir haben keine Leute mehr für die zweite Mannschaft", klärt TTC-Präsident Rolf Wohlhaupter-Hermann auf. Wie bitte? Im Saisonmagazin des TTC sind acht Spieler aufgelistet: Jian Xin Qiu, Hidetoshi Oya, Fabian Akerström, Mannschaftsführer Markus Schlichter, Heiko Zapf, Manuel Bauer, Benjamin Gerold und Altmeister Peter Stellwag.

Für den Präsidenten des Tälesclubs liegt der Grund des Übels schon etwas länger zurück. Genauer gesagt fing alles Ende August an. Manuel Bauer, der 2005 zusammen mit Heiko Zapf Deutscher Schülermeister im Doppel war und als eines der hoffnungsvollsten Talente beim TTC galt, hatte zu Saisonbeginn von heute auf morgen keine Lust mehr und hörte auf. "Sehr zum Leidwesen seiner Eltern", sagt RWH, "und auch für uns, denn er hat Riesenfortschritte gemacht." Die Nummer sechs war weggebrochen, doch damit nicht genug. Trainer Qiu konnte nur mitwirken, wenn die Erste nicht im Einsatz war, Stellwag wollte aus (nachvollziehbaren) familiären Gründen nur noch bei Heimspielen aushelfen, Gerold büffelt von Freitag bis Sonntag bei einem Wochenendstudium (in der Zweiten Liga wird aber Wochentags nicht gespielt), der Japaner Oya musste nach Ablauf seines Touristenvisums wieder für sechs Wochen ausreisen, ehe er ein neues erhielt, und obendrein verletzten sich noch Zapf (Bänderriss) und Schlichter (Fuß übertreten). Aufrüsten während der Saison wie beim Fußball geht im Tischtennis nicht (nur bis zum 30. November) und mit den Nachrückern aus der eigenen Bezirksligamannschaft wäre das Team nur Kanonenfutter gewesen.

Das Debakel war perfekt und so musste der TTC II am 1. Dezember beim ITTC Sachsen Döbeln erstmals ein Spiel kampflos abgeben. Ein teures Vergnügen, denn der Verzicht kostete den Verein 1 500 Euro Bußgeld. Ein gewaltiger Batzen, den der Klub aus dem Amateurbereich zu finanzieren hat. Der Profi-Bereich ist finanziell ausgegliedert. Obwohl die Mannschaft am 7. Dezember beim 9:6 gegen die TSG Steinheim den ersten Saisonsieg gefeiert hatte, spitzte sich die Personalsituation derart zu, dass die Vorstandschaft heute vor einer Woche keine andere Möglichkeit mehr sah, als das Team zurückzuziehen. "So schade es für die jungen Spieler ist, aber wir mussten handeln, weil das finanzielle Risiko für den Verein zu groß geworden wäre, verteidigt Wohlhaupter-Hermann diesen Schritt."

Die Perspektivmannschaft des TTC, in der junge Talente an die Deutsche Tischtennis-Liga herangeführt und für höhere Aufgaben fit gemacht werden sollten, gibt es nun nicht mehr. Vor allem für die Jungen ist nun ganz unverhofft eine völlig neue Situation entstanden. Beim TTC bleiben oder den Verein zum nächstmöglichen Zeitpunkt wechseln? Wettkämpfe im Liga-Alltag können sie nicht mehr bestreiten. Das bittere Los bis zur nächsten Saison: trainieren und Ranglistenturniere spielen. In der Leistungsgruppe des TTC trainieren die jungen Spieler nach wie vor, um sich fit zu halten.

Markus Schlichter und seine Mannschaftskameraden haben bis zuletzt gekämpft. Bester Beweis ist der erste Saisonsieg. "Wir sind davon ausgegangen, dass wir die Saison vollends zu Ende spielen", sagt der Wendlinger. Deshalb sei der schnelle Rückzug für die Spieler doch überraschend gekommen. In der Mannschaft selbst sind die Meinungen gespalten. Die einen sind froh, dass man jetzt nicht mehr mit einer Rumpftruppe 400 Kilometer weit fahren muss, die anderen hätten gerne weiter gemacht. Der TTC Frickenhausen II steht mit dem Rückzug als erster Absteiger aus der Zweiten Bundesliga Süd fest. Bis spätestens Juni muss sich der Verein äußern, in welcher Spielklasse er in der Saison 2008/2009 mit seiner zweiten Mannschaft spielen wird. In der Regionalliga, in der Oberliga oder gar noch weiter unten? Je nachdem werden sich die Spieler der TTC-Zweiten entscheiden, ob sie bleiben oder nicht.

"Dass eine Mannschaft in der Zweiten Bundesliga wegen Personalmangels abgemeldet wird, das habe ich noch nie gehört", ist Schlichter enttäuscht. Gleichzeitig ist der 19-Jährige froh, auch weiterhin viermal die Woche mit Trainer Qiu arbeiten zu können. Grundsätzlich tendiert er dazu, beim TTC zu bleiben und in der Regionalliga oder in der Oberliga zu spielen. Ein Abschied käme nur dann in Frage, falls die Verantwortlichen an einen kompletten Rückzug denken und die zweite Mannschaft in der Bezirksliga spielen würde. Die Wechselfrist endet am 31. Mai. "Ich gehe davon aus, dass eine Entscheidung schon im Januar oder Februar fallen wird", ist er zuversichtlich.