Lokalsport

Schopfloch-Ost gegen Schopfloch-West

Der Kalte Krieg ist Geschichte, der Mauerfall inzwischen mehr als 25 Jahre her. Für spezielle Ost-West-Beziehungen braucht es nicht immer die große Politik. In Schopfloch reichen dafür zwei Mannschaften, ein Fußballplatz und ausreichend Bier.

Blockbildung ist im Schopflocher Ortschaftsrat ein Fremdwort. Wo demokratisch gestritten wird, geht es ums neue Mobiliar für den Kindergarten oder die jüngste Technik fürs Spritzenhaus. Ideologische Gräben? Fehlanzeige. In der Lenninger Teilgemeinde, die droben auf der Alb wie ein Adlerhorst über den Kesselwänden thront, ist man sich in den meisten Fällen einig.

Und trotzdem: Einmal im Jahr spaltet der Fußball die verschworene Dorfgemeinschaft, verläuft die Demarkationslinie im 700-Seelen-Ort als breites Band entlang der Hauptstraße, die sich S-förmig ums schmucke Rathaus windet. Auf dem Sportplatz draußen im „Kämmerle“ heißt es dann: Schopfloch-Ost gegen Schopfloch-West. Ein Ereignis, das elektrisiert. Mehr Publikum hatte seinerzeit nur der innerörtliche Wettstreit der iberischen Pfannen-Schrubber. Die Jungs aus „Villa arriba“ und „Villa bajo“ schafften es mit professioneller Werbehilfe bekanntlich bis ins Fernsehen.

In Schopfloch ist dies nicht zu erwarten. Trotzdem stellt sich die Frage, wer auf so etwas kommt? Die Winternächte auf der Alb sind lang. Im Vereinsheim des TSV ganz besonders. „Da entstehen die seltsamsten Geschichten“, sagt Wolfgang Mall. Er muss es wissen. „Jackie“, der Torhüter, kennt noch die guten Zeiten. Als es im „Kämmerle“ elf Freunde gab und man die Gegner gleich reihenweise mit blutiger Nase wieder hinab ins Tal schickte. Die Fußballschuhe hat der 65-Jährige längst an den Nagel gehängt und mit ihm die ganze Abteilung des TSV. Vier aktive Jugendfußballer gibt es noch im Ort. Die kicken alle in der Spielgemeinschaft im Lenninger Tal. Seit 2003 schon hat Schopfloch keine eigene Mannschaft mehr.

Umso wichtiger, dass es am morgigen Samstag gleich zwei gibt: Schopfloch-Ost gegen Schopfloch-West, Rot gegen Blau. Oder: Das Land der aufgehenden Sonne gegen die schönste Aussichtsterrasse der Westalb. Seit den Siebzigerjahren gibt es das schon, und alle machen mit. Mann und Frau, Jung und Alt, ehemalige Kicker und solche, die es nie werden wollten. Wer am Ende gewinnt, ist zweitrangig. „Eine Riesen-Gaudi“, weiß Hans Gerber, „bei der nur der Spaß zählt.“ Gerber ist Spieler-Scout im Westen. Er sucht die fußballerischen Perlen zwischen Ortsdurchfahrt und Talkante. „Wenn eine Seite mal nicht genügend Spieler hat“, meint der „Ossi“ Frieder Schlatter sportsmännisch, „dann hilft man sich auch mal aus.“

Die Erfolgs-Bilanz ist ausgeglichen. Zumindest gefühlt. „Buch führt sowieso keiner,“ sagt Wolfgang Mall. Auch die Nachwuchssorgen sind paritätisch verteilt. Frisches Blut ist diesseits und jenseits der Hauptstraße gleichermaßen rar. Der demografische Wandel, so die traurige Gewissheit, macht an keiner Bordsteinkante halt. Kein Wunder also, dass der Altersschnitt in beiden Mannschaften von Jahr zu Jahr steigt. Früher war Luft für die volle Distanz. Heute wird kurz vor Anstoß prüfend in die Runde geblickt, um zu entscheiden, ob nach 60 Minuten vielleicht nicht besser schon Schluss wäre. Karlheinz Larson ist der Mann, der seit Jahren das letzte Wort hat. Ein Unparteiischer im besten Sinne. Einer mit Schopflocher Wurzeln. Was wichtiger ist: einer, der schon lange auf neutralem Territorium drunten in Neidlingen lebt. Einen wie ihn – darüber ist man sich in Schopfloch einig – bräuchte die FIFA: durchsetzungsstark, bodenständig, unbestechlich.

Nach dem Abpfiff geht es morgen in die Verlängerung. Soviel steht jetzt schon fest. Fast genauso alt wie der Ost-West-Vergleich ist das Faustballturnier, bei dem im Anschluss bis zu acht Mannschaften im Wortsinn um die Wurst kämpfen. Wurstwaren aus Schopfloch sind schließlich seit mehr als 60 Jahren ein Begriff. Firmengründer Adolf Dietz war es, der vor Jahrzehnten auf die Idee kam,die Siegprämie in Form einer zwei Meter langen Schinkenwurst zu stiften. Einzige Bedingung: Das Prachtstück musste danach restlos und in trauter Eintracht verputzt werden. Der Seniorchef ist zwar schon lange tot, das Unternehmen in fremder Hand, doch sein Geist lebt fort. Trotz oder gerade weil die Zeiten sich geändert haben. Viele Junge ziehen weg, die Sportlandschaft leidet. „Es ist nicht einfach, in einem kleinen Flecken wie bei uns“, sagt Wolfgang Mall. Die Schopflocher – das lässt sich mit Fug und Recht sagen –machen das Beste aus ihrer Not.BERND KÖBLE

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