Lokalsport

"Schumi III" auf dem Weg an die Spitze

Vor zwei Jahren noch beim Team Telekom geschasst, zählt Stefan Schumacher heute zu den stärksten Fahrern im deutschen Feld. Viele sehen den 23-jährigen Nürtinger gar erst am Anfang einer steilen Karriere. Wenn er am Sonntag auf dem Alleenring an den Start geht, zählt für ihn nur eines: ein Sieg.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Er trägt einen großen Namen, auch wenn er sich lieber auf die eigene Stärke verlässt, als auf die Kraft, die aus dem Hubraum kommt. Anders als sein Namensvetter im roten Cockpit braucht er auch keine Leibgarde, die ihm wild gewordene Fanhorden vom Halse hält. Vermutlich selbst dann nicht, sollte er eines Tages in die Fußstapfen eines Jan Ullrich treten. Ein Vergleich, den er bisher scheut wie der Teufel das Weihwasser zu groß ist die Ehrfurcht vor dem großen Vorbild. Für nicht wenige in der Radsportszene ist der sympathische 23-Jährige dennoch einer, der das Zeug hat, in der Weltspitze mitzufahren.

Der Kurs stimmt. Seit zwei Jahren bewegt sich die Formkurve konstant nach oben. Seit seinem unfreiwilligen Abschied vom Team Telekom im Sommer 2003 hat Stefan Schumacher eine entscheidende Entwicklung durchlaufen: Er ist stärker geworden, er ist reifer geworden und er ist vor allem selbstbewusster geworden. Das war nicht immer so. "Wenn du mit 21 Jahren bei einem großen Team aussortiert wirst, steckst du das nicht einfach weg", bekennt er heute, dass er die Trennung vom Magenta-Rennstall vor allem als persönliche Niederlage empfand. Heute weiß er, dass der vermeintliche Abstieg zum GS-III-Team Lamonta ein Schritt nach vorn war. "Der Druck war weg, ich konnte mich plötzlich wieder auf meine Stärken konzentrieren", sagt er. Die passende Antwort gab er bald darauf mit dem deutschen Vizetitel hinter dem späteren Tour-Zweiten Andreas Klöden. "Mir war klar, dass diese Saison entscheidend sein würde", erinnert er sich an ein schwieriges Jahr. "Als Radprofi mit Anfang 20 kannst du nicht lange auf der Stelle treten, wenn du ganz nach oben willst."

Bei Lamonta war Schumacher der unumstrittene Alleinherrscher im Team. Das ist er bis heute geblieben. Bei seinem neuen Arbeitgeber Shimano, wo er 2004 einen Einjahresvertrag unterzeichnete, mischt er als Kapitän im Konzert der ganz Großen mit: Der Einstieg in das Continental-Pro-Team, wie sich die GS-I-Klasse seit der Reform des Weltverbandes UCI nennt, soll erst der Anfang sein. Spätestens seit seinen Siegen bei der Niedersachsen-Rundfahrt im April und der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt Mitte Mai sind auch Pro-Tour-Teams auf ihn aufmerksam geworden. Es gibt bereits Kontakte, doch mehr will er nicht verraten. Das Ziel ist klar: In der kommenden Saison will er dabei sein, wenn in Italien oder Frankreich Radsportgeschichte geschrieben wird. Für einen Start beim Giro oder der Tour de France würde sich der 23-Jährige auch klaglos in die Kolonne der Wasserträger einreihen.

Nicht nur kämpferisch, auch taktisch hat er sein Profil geschärft. Heute weiß er, wann er zurück stecken muss, um am Ende ganz oben zu stehen. "In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich ein Rennen dominieren kann", sagt er. Dafür hat er zwei Jahre konzentriert gearbeitet. Die Statistik gibt ihm recht: Mit sechs Saisonsiegen bereits im Frühjahr zählt er zu den erfolgreichsten deutschen Fahrern in dieser Saison. Den jüngsten Beweis seiner derzeitigen Stärke lieferte er am vergangenen Samstag bei der dritten Etappe der Luxemburg-Rundfahrt: Beim Einzelzeitfahren über 10,8 Kilometer musste er nur dem späteren Gesamtsieger Laszlo Bodrogi (Credit Agricole) und dem Zweiten im Gesamtklassement, Fabian Cancellara (Fassa Bortolo), den Vortritt lassen. Klar, dass er sich inzwischen selbst auf Augenhöhe sieht mit Altersgenossen wie den Gerolsteiner-Profis Fabian Wegmann und Markus Fothen, die in diesem Jahr beide für positive Schlagzeilen sorgen.

Bei den deutschen Meisterschaften am 26. Juni in Mannheim kämpft Schumacher erneut um einen Platz auf dem Podium. Als Einzelkämpfer gegen starke Teams keine leichte Aufgabe, zumal die Entscheidung in der Kurpfalz vermutlich im Sprint fallen wird. Auch bei der Deutschlandtour, die am 15. August im thüringischen Altenburg startet, will der Nürtinger dabei sein. Zuvor freilich stellt sich am kommenden Wochenende eine ganz andere Herausforderung: Beim Großen Preis der Kreissparkasse auf dem Kirchheimer Alleenring hat Stefan Schumacher etwas gutzumachen, denn vor zwei Jahren war er hier schon einmal am Start. Damals fuhr er im direkten Anschluss an die Friedensfahrt der Spitze ausgepowert hinterher. Noch einmal wird ihm das nicht passieren: "Diesmal werde ich ausgeruht und gut vorbereitet antreten", meint er. "Das bin ich dem Publikum schuldig." Ein Rennen vor heimischer Kulisse ist auch für einen Top-Fahrer etwas Besonderes.

Wie er mit dem relativ kurzen, verwinkelten Stadtkurs zurecht kommt, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt. Für einen, der eher die Berge liebt und sich zuletzt auf 200-Kilometer-Etappen abstrampelte, bedeutet der flache Altstadtring ungewohntes Terrain. Trotz seiner 23 Jahre ist Stefan Schumacher erfahren genug, um zu wissen, dass Routiniers wie Kappes oder Beikirch mit allen Wassern gewaschen sind. "Das sind erfahrene Leute, die einem auf so einer Strecke richtig weh tun können", ist er überzeugt. Doch Ausreden gibt es am Sonntag keine: "Ich komme hierher, um zu gewinnen," sagt er.