Lokalsport

Schwäbischer Erfindergeist hilft "Ulle" über den Berg

Wenn der Berg die Krallen ausfährt und Sekunden über Ruhm oder Niederlage entscheiden, zählt im Radsport jedes Gramm. Beim Thema Gewichtstuning werden beinharte Profis zu besonders feinfühligen Wesen. T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich setzt auf das leichteste Laufrad der Welt und dabei auch schon einmal auf die Hilfe zweier Tüftler aus Jesingen.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Markus Braun und Andreas Miller sind Radsportfans aus Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die verbindet: Im normalen Arbeitsleben sitzen sie sich als Schreibtischnachbarn gegenüber, nach Feierabend feilen sie im eigenen kleinen Radshop an der Jesinger Ortsdurchfahrt an technischen Problemlösungen und wann immer es geht, steigen sie zum gemeinsamen Training in den Sattel. Adrenalinschübe sind die beiden ambitionierten Hobbybiker auf dem Rad gewohnt, am 18. August dieses Jahres schießt jedoch besonders viel der körpereigenen Droge durch die Blutbahnen der beiden Jesinger. Bei der Königsetappe der Deutschlandtour übers 2509 Meter hoch gelegene Timmelsjoch warten sie mit tausenden Anderen an diesem Tag geduldig aufs Defilee der Kletterkünstler, die sich unter dem tosenden Applaus der Menge den Steilanstieg hinauf zum Rettenbachferner quälen. Die Augen der deutschen Fans sind wie immer bei großen Rundfahrten auf Topstar Jan Ullrich gerichtet, und während der sich mit letzten Kräften den dritten Platz an diesem Tag erkämpft, kostet das Jesinger Duo sein kleines Geheimnis aus. Was keiner weiß: Die nur 950 Gramm schweren Ultraleicht-Laufräder, mit denen der T-Mobile-Kapitän das Dach der Deutschlandtour erklimmt, wurden in der kleinen Jesinger Werkstatt nächtens und in präziser Handarbeit auf Wettkampftauglichkeit getrimmt. "Das machte uns schon stolz", beschreibt Markus Braun den Lohn der Mühe. Auf einer Hausparty der exklusiven Laufradschmiede in Friedrichshafen am Bodensee, wo wenige Monate später sich die Stars der deutschen Radsportszene tummeln, dürfen Markus Braun und Andreas Miller dann den Dank ihres Idols persönlich entgegen nehmen.

Die Geschichte des leichtesten Laufrads der Welt verströmt jenen Pioniergeist, den kritische Wirtschaftsexperten heute vielerorts so schmerzlich vermissen. Das erste aus einer einzigen Form gefertigte Carbonlaufrad, dessen Speichen aus 60 000 mikrofeinen Fasern bestehen, wurde Mitte der Neunziger Jahre vom heute 64-jährigen Münchener Werkzeugmacher Heinz Obermayer und seinem Kollegen Rudolf Dierl erfunden. Den beiden Pionieren war es gelungen, die Gewichtsvorteile des schwer zu verarbeitenden Kohlefaser-Werkstoffes mit den hohen Anforderungen des Profisports an Steifigkeit und Bruchfestigkeit zu vereinen. Jahre später nahm das schwäbische Unternehmen Carbonsports Herstellung und Vertrieb der Räder unter seine Fittiche. Bis heute ist es niemand gelungen, das streng gehütete Geheimnis des Verfahrens zu kopieren. Primitivste Fertigungstechnik, geringe Stückzahlen, Lieferzeiten von annähernd einem Jahr und ein obendrein stolzer Preis, der die Wunderwaffe für den Durchschnittssportler nahezu unerschwinglich macht, konnten den Siegeszug in Profikreisen nicht aufhalten. Heute schwören Spitzenathleten wie Lance Armstrong, Erik Zabel oder Andreas Klöden bei schweren Bergetappen auf die Räder mit dem programmatischen Namen "Light Weight."

Ende vergangenen Jahres kamen Markus Braun und Andreas Miller erstmals mit Erhard Wissler in Kontakt. Der Carbonsports-Chef mit Wohnsitz in Ochsenwang auf der Schwäbischen Alb erkannte in den beiden Hobbyradsportlern schnell die "fasertiefen Überzeugungstäter." Beim gemeinsamen Pizzaessen in einer Kirchheimer Kneipe entstanden dann spät in der Nacht die ersten Skizzen, wie der bis dahin umständliche und zeitraubende Fertigungsprozess zu optimieren wäre. Festgehalten auf dem symbolträchtigsten Dokument prominenter Steuerreformer: dem Bierdeckel. Schon wenige Wochen später waren Braun und Miller am Ziel. Mit dem ersten selbst entwickelten Frästisch gelang es den beiden gelernten Elektronikern, die Spezialräder schneller und präziser als bisher von überschüssigen Faser- und Epoxidharzresten zu befreien. Rasch folgten zwei weitere Maschinen, die auch andere Fertigungsschritte erleichtern sollten und die heute an verschiedenen Produktionsstandorten in Süddeutschland im Einsatz sind.

Von komplizierten Verträgen oder Lizenzen wollen die beiden schwäbischen "Freizeit-Tüftler" derweil nichts wissen. "Uns hat die Produktgeschichte fasziniert", meint Andreas Miller, dessen Augen zu leuchten beginnen, wenn er ehrfürchtig mit der Hand über die mattschwarze Carbonoberfläche streicht. Ein einfacher Grund, weshalb die beiden bis heute auf bares Entgelt verzichten. "Wir fahren Laufräder, die wir uns ansonsten nie leisten könnten", sagt Markus Braun, der seine Freude, "zur Light-Weight-Familie" zu gehören, gerne kund tut. "Es gibt Dinge, die macht man eben nicht für Geld", meint er mit einem Schulterzucken. Und es gibt Geschichten, die schreibt wohl nur der Sport.