Lokalsport

Sponsor und Paralympics auf dem Wunschzettel

Christine Wolf sucht Sponsor: Das Thema ist aktuell. Weil sich die 24-jährige Behindertensportlerin aus Gutenberg mit Leib und Seele der Teilnahme an den Paralympics 2008 in China verschrieben hat ("mein Ziel, auf das ich ab sofort hinarbeite"), sucht sie nun einen Tantiemengeber, der sie unterstützt schließlich will sie ihr Trainingspensum in den kommenden Jahren nochmals forcieren.

THOMAS PFEIFFER

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LENNINGEN Christine Wolf hat ihre Vergangenheit gut bewältigt. Sie, die bei den Paralympics in Athen im Sommer die Silbermedaille im Weitsprung gewann, hatte als junges Mädchen einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften, als die Ärzte Tumore im Kniegelenk feststellten. Es folgten zwölf Operationen und schließlich, am Ende des Leidensweges, die Amputation des linken Oberschenkels. Das war mit 15. Seinerzeit war sie verzweifelt heute hat Christine Wolf den damaligen Schadensfall längst verarbeitet. Selbstbewusst kommt sie daher, spricht offen über alles, schäkert mit ihrem zwei Jahre jüngeren Freund. Der ist Australier aus Newcastle, armamputiert und bei den Paralympics 2004 zum echten Star avanciert: Drei Silber- und zwei Bronzemedaillen räumte Heath Francis in verschiedensten Leichtathletik-Disziplinen ab. "In Athen haben wir uns kennen gelernt", sagt Christine Wolf. Jetzt sind sie zusammen, weil er gerade Urlaub in Deutschland macht.

Ihr junges Glück ist nicht das Thema beim Pressetermin. Christine Wolf geboren 1980 in Kirchheim/Teck, aufgewachsen in Gutenberg und, nach Zwischenstationen in München und Berlin inzwischen wieder zurück in ihrer Heimat formuliert eine andere Mission: Die, bei den Paralympics 2008 in China unbedingt dabei zu sein. "Es ist mein Traum, bei diesen Spielen nochmals mitzumischen", sagt sie, "im Weitsprung und vielleicht noch in einer zweiten Disziplin." 100-Meter-Sprint hieße die Alternative, jene Disziplin also, in der sie bei den Paralympics Revival 1999 in Duderstadt nach 19,23 Sekunden Platz drei gelang. "Das war mein erster großer Wettkampf", erinnert sie sich an das Jahr, als sie auch ihr Abitur machte ("in Urspring").

Damals in Duderstadt gelang ihr ein neuer Weltrekord: Als erste oberschenkelamputierte Frau sprang Christine Wolf 2,93 Meter weit. Lächerlich kurz, wie sie heute meint: Im Sommer, kurz vor Ende der paralympischen Vorbereitungszeit in Berlin-Kienbaum, setzte sie vor den Augen ihres Trainers Matthias Pollich stolze 4,25 Meter in den Sand. Anlauf, Absprung, Flug, alles hatte bei diesem Satz optimal gepasst. Und Christine Wolf ihr Leistungspotenzial voll ausgeschöpft.

Dass im sportlichen Ernstfall gut eine Woche später lediglich 3,53 Meter und Platz zwei hinter der Chinesin Zhang (3,67 Meter) zu Buche standen, ärgert Christine Wolf noch immer. "Die Silbermedaille in Athen finde ich toll", sagt sie, "die Weite nicht." Überhaupt seien die Para-lympics 2004 im Gegensatz zu jenen in Sidney 2000 ("da herrschte eine Bombenstimmung") wenig nach ihrem Geschmack gewesen: Neben eigener Normalform vermisste sie in Athen auch ein objektive(re)s Publikum. "Die Leute im Stadion haben fast immer nur die griechischen Sportler interessiert." Ins triste Bild passte da, dass auch der Diskuswurf-Wettbewerb mit einer Enttäuschung für die Gutenbergerin endete: Aus Gründen des begrenzten Starter-Kontingents durfte Christine Wolf erst gar nicht antreten.

Aller guten Dinge sind drei nach den zwei vorangegangenen Paralympics-Teilnahmen plant die 24-Jährige für 2008 in China nun eine dritte. Vier Jahre lang will sie sich nun ganz der Vorbereitung für die Spiele im Reich der Mitte widmen. Mehr Training muss es sein, ein Sponsor darf es sein: Rund zwei Monate nach ihrem Silber-Triumph von Athen hat Christine Wolf das Werben um einen passenden Gönner eröffnet.

Sie kennt die Problematik: Behindertensport und Sponsoring ist eine Symbiose, die nicht jedem gefällt. Sie räumt "Vorbehalte" in den Marketing- und PR-Zentralen der (Groß-) Industrie hier zu Lande ein. Gleichwohl ist sie weit davon entfernt, die Flinte vorschnell ins Korn zu werfen. "Warum denn nicht einen neuen Weg beschreiten", wirft sie ein und zeigt der potenziellen Klientel einen Weg: "Autos, Nahrungsmittel, Technik oder Medizin sind Bereiche, mit denen man für den Behindertensport ganz gut werben könnte. Oder man macht mal eine Kampagne, die die Leute richtig provoziert." So wie einstens Benetton.

Wenn ein Sponsor anklopfen sollte, will Christine Wolf nicht in die Vollen langen. "Mit relativ wenig Euros im Jahr wäre mir schon geholfen", sagt sie. Sie, elterlich unterstützt, nebenbei Model sowie angehende Goldschmiedin, verspürt keinen existenziellen Druck. Wenn keiner anklopft? "Dann jobbe ich eben. Mal hier, mal da." Aber auch nur so oft, wie es das Training erlaubt: Für Christine Wolf, die erfolgreichste Behindertensportlerin der Region, hat der Paralympic-Start in vier Jahren erste Priorität.

INFOBeruflich steht Christine Wolf am Anfang ihrer Laufbahn: Im Frühjahr 2005 will sie die Prüfung zur Goldschmiedin absolvieren. Die sportliche Vita der Gutenbergerin mit Vereinszugehörigkeit beim PSC Berlin weist Teilnahmen an den Para-lympics Revival (1999) sowie den Paralympics 2000 (Sidney/keine Starts) und Athen 2004 (Silbermedaille im Weitsprung) aus.