Lokalsport

Sprinter-WG in Athen tappt im Dunkeln


THOMAS PFEIFFER

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KIRCHHEIM/ATHEN Kurz vor seinem Olympia-Debüt mit dem Start über 200 Meter

(O:27070409.JP_ am kommenden Dienstag fühlt sich DLV-Sprinter Tobias Unger nach einer aus Deutschland eingeschleppten Erkältung inzwischen wieder völlig fit. "Der Schleim ist weg. Ich bin verletzungsfrei und gut vorbereitet", erklärte der Hallenweltmeisterschafts-Dritte von Budapest gestern in einem Telefonat mit der Teckboten-Sportredaktion. Unger, der nach dem Abflug vom DLV-Trainingslager in Kienbaum und der Landung in Athen heute bereits den vierten Tag im Olympischen Dorf verbringt, klingt optimistisch. "Es passt alles hier", sagte er.

Die Akklimatisierung sei gut gelungen, die Unterbringung im Olympischen Dorf super. "Wir haben Balkon, Wohnzimmer und Fernseher", berichtete der Wendlinger. Den Flimmerkasten schaltet er in seiner Zeit vor und nach dem Training nur allzugerne ein: "Hier wird live alles übertragen, was bei Olympia gerade läuft. Die Athleten können zwischen sämtlichen Sportarten wählen." Gestern schaute Unger, der Allround-Interessierte in Sachen Sport ("ich bin Bayern-Fan"), den Beachvolleyballerinnen zu.

Ansonsten geht's im Appartement von Tobias Unger recht gesellig zu: Der Wendlinger mit VfL-Vergangenheit wohnt während der Spiele nicht allein. Zur Männer-WG im Olympischen Dorf zählen noch Alexander Kosenkow, Ronny Ostwald, Sebastian Ernst, Till Helmke und der schwäbische Landsmann Marius Broening (LAV asics Tübingen), ein Überraschungs-Olympionike. Sechs Mann auf engem Raum unproblematisch? Ja, glaubt Unger. Zumindest in den ersten drei Tagen gab's innerhalb des Läufer-Sextetts aus Deutschlands wenig Konfliktpotenzial: "Die Stimmung
ist bestens", sagte Unger.

Thema unter den Sprintern naturgemäß: das angestrebte 4 x 100-Meter-Staffelfinale. Unger und Co. wollen unbedingt dabeisein, wenn die besten acht Quartetts der Welt am kommenden Samstag (28.8.) ab 20.45 Uhr um olympisches Gold, Silber und Bronze laufen. Noch mehr als die Frage, welche Platzierung für die in 2004 hinter den USA (37,92 Sekunden) zweitschnellste Staffel der Welt (38,30) am Ende herausspringen könnte, beschäftigt die sechs DLV-Auserwählten allerdings die Personalie, welche zwei von ihnen durchs Sieb fallen müssen. Sechs Kandidaten für die vier Staffel-Planstellen, das ist die Crux. "Keine Ahnung, in welcher Formation wir letztlich laufen werden. Wir tappen hier diesbezüglich alle im Dunkeln, eindeutige Signale vom Bundestrainer gibt's bisher noch keine", sagte Tobias Unger. Er und Kosenkow gelten nach starken Leistungen zuletzt allerdings als "gesetzt".

Unger fühlt sich gewappnet auch für den 200-Meter-Einzelstart. "Dort möchte ich ebenfalls in den Endlauf kommen", erneuerte er gestern sein Ziel. 20,41 Sekunden ist er in diesem Jahr schon gelaufen, erzielte DLV-Jahresbestzeit. Wie viel das wert ist, bleibt abzuwarten. "In der Weltspitze geht alles sehr eng zu", sagte Unger und meint: Wohl oder Wehe in Athen hängt für ihn auch entscheidend davon ab, welche Protagonisten er im 200-Meter-Vorlauf am Dienstag (ab 9.20 Uhr) und im Halbfinale tags später (21.50 Uhr) tatsächlich aus dem Weg räumen muss. Das Finale ist auf nächsten Donnerstag terminiert (21.50 Uhr).

Wie viele Athleten in Athen sind gedopt? Zur öffentlich fast tagtäglich gestellten olympischen Gretchenfrage gibt Tobias Unger diese Antwort: "Ich schätze, dass rund zehn Prozent aller Athleten schwarze Schafe sind, doch bei den Sprintern sind es wahrscheinlich noch mehr." Der Wendlinger, durch Mitarbeiter der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) hierzulande schon mehrfach negativ getestet, gibt sich keinen Illusionen hin: Sportliche Chancengleichheit besteht bei den 28. Olympischen Sommerspielen wohl keine.

Doch die Olympia-Premiere will sich Unger nicht vermiesen lassen. "Ich gehe selbstbewusst an den Start", sagte er.