Lokalsport

Terrorwaffe made in Jesingen

Wer hat‘s verbrochen? Die Schweizer diesmal jedenfalls nicht. Nach der Vuvuzela-Hysterie der ersten WM-Woche formiert sich der Aufstand der Entnervten. Was hierzulande die Wenigsten wissen: Jede zweite deutsche Tröte stammt aus Jesingen.

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Bernd Köble

Kirchheim. Eine schnöde Plastiktröte schießt das größte Sportereignis der Welt zurück ins mediale Steinzeitalter. Statt per aufwendiger Technik fußballerische O-Töne in alle Welt zu senden, regiert auf dem Platz und am Spielfeldrand in Südafrika die Gebärdensprache. Ratlose Kommentatoren, hilflos dreinblickende Interviewpartner, entnervte Spieler. Es gilt das handgedeutete Wort, weil alles andere im ohrenbetäubenden Gesumms der Stadien unterginge. Dass dem Zuschauer auf diese Weise manch klägliche Expertise erspart bleibt, mag ja noch als Geschenk durchgehen. Erosionsschäden am Nervengerüst von Fernsehzuschauern und Innenstadtbewohnern wiegt dies jedoch kaum auf. Die Gepeinigten rüsten, zum Äußersten bereit, an Stammtischen und in Internetforen zum Gegenangriff, und Großstädte wie Stuttgart, Bremen oder Köln haben inzwischen ihre Zentren per Erlass befriedet.

Bei Dima in der Jesinger Brunnenstraße verfolgt man die Hysterie mit angemessener Gelassenheit. Dort fürchtet man weder Volkes Zorn noch Wirtschaftskrise und ein Vuvuzela-Verbot schon gar nicht. Rund eine Million der Plastik-Trompeten hat das Unternehmen seit Februar in den Handel gebracht – Tendenz steigend. „Seit die ersten Städte Verbote verhängt haben, haben sich die Verkaufszahlen vervierfacht“, freut sich Firmenchef Oliver Sigel. Dima ist einer von nur zwei deutschen Herstellern des Kassenschlagers, der als grausamste Terrorwaffe seit Erfindung des Bobbycars in die Geschichte einzugehen droht. Aus Markenschutzgründen darf die Kirchheimer Version nur Zuluu heißen, was den Kern der Sache ohnehin besser trifft: Zuluu heißt frei aus Stammessprache übersetzt Krachmacher, während Vuvuzela ein Musikinstrument meint.

Der akustische Sündenfall – ein Glücksfall für das Jesinger Unternehmen, das seine Brötchen eigentlich mit dem Verkauf von Fräsmaschinen verdient. Weil der zuletzt schleppend lief, geriet der Schachzug mit der Tröte zur goldenen Brücke übers krisenbedingte Jammertal. Derzeit produziert man in der Brunnenstraße sieben Tage die Woche rund um die Uhr. Dima gilt als Vorreiter auf dem europäischen Markt und griff die Idee zu einem Zeitpunkt auf, als noch niemand ahnen konnte, was im Frühsommer 2010 über den fußballbegeisterten Teil dieser Welt hereinbrechen würde. Die WM 2006 im eigenen Land sollte als Testlauf dienen. „Wir sind damals zu spät in die Produktion eingestiegen“, bedauert Sigel. Drei Monate vor dem Anpfiff reichten für eine Vollversorgung nicht aus.

Diesmal ist alles anders. Die dreiteilige Tröte gibt es im Nationen-Look fast aller WM-Teilnehmer. Sogar die Österreicher blasen – obwohl in Südafrika gar nicht dabei – ihrem Nachbarn einen in den Landesfarben. Made in Jesingen steht dabei für Qualität auf ganzer Linie. Die Zuluu ist praktisch unzerbrechlich, und damit sich nicht zu sorgen braucht, wem beim Krakeelen noch Reste von Stadionwurst zwischen den Zähnen kleben, aus garantiert lebensmittelechtem Polypropylen. Dima-Chef Oliver Sigel aber weiß um den entscheidenden Unterschied zum Konkurrenzprodukt aus Düsseldorf: Es ist der unverwechselbare Sound, der mehrfach optimiert wurde und angeblich dem einer Blechtrompete gleicht. Was klingt wie Hohn in halbtauben Ohren ist Ergebnis von Untersuchungen des Instituts für Musikinstrumentenbau an der Technischen Universität in Dresden. Dort wurde die Zuluu in einem Schallschutzraum unter wissenschaftlichen Bedingungen getestet und nach DIN für WM-tauglich befunden. Hauseigene Messungen in Jesingen ergaben bei maximaler Lungenkraft einen Schallpegel von 125 Dezibel. Das liegt knapp unterhalb der Schmerzgrenze und entspricht dem Krach eines tieffliegenden Düsenjets. Fast beängstigend die Vorstellung, welch himmlische Stille am 12. Juli, dem Tag nach dem Finale, über das Land hereinbrechen könnte. Zum Glück ist das Jahr reich an euphorisierenden Momenten. So ließe sich der neue Bundespräsident mit Fanfarenstößen gebührend feiern oder Germanys next Topmodel auf dem Weg in den Mode-Olymp. Denkbar auch: Der Berliner Regierung mal gehörig den Marsch blasen. Eigentlich ist das Ding doch gar nicht so schlecht.