Lokalsport

Teststrecke für Lastwagen mitten im Biosphärengebiet?

Wandern zwischen Bomben und Granaten: Nach mehr als hundert Jahren soll ein ehemaliger Truppenübungsplatz auf der Schwäbischen Alb Biosphärengebiet werden. Die Natur will man schützen und Touristen anlocken. "Schützen durch nützen" heißt das Motto. Doch ist eine naturnahe Erholung möglich, zwischen Millionen von Geschossen und dröhnenden Nutzfahrzeugen?

SANDRA LANGENFELD

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MÜNSINGEN Vorsichtig lenkt Berni Diether seinen Geländewagen über das Terrain. Er blickt konzentriert auf den kargen, staubigen Boden vor sich und fährt zwischen Wacholderheiden und Gestrüpp durch. Ein Spaziergänger war zum Pinkeln in die Büsche getreten und hatte etwas Metallisches entdeckt. "Eine 20 Millimeter ist es mal wieder", sagt der 53-jährige Munitionsspezialist. "Eines der gefährlichsten Geschosse überhaupt". Die Blindgänger können schon bei der geringsten Berührung oder Erschütterung explodieren.

Diether, ehemals Stabsfeldwebel des Truppenübungsplatzes Münsingen, kennt fast alle Kampfmittel, die in den letzten 100 Jahren hier verschossen wurden. Wurfminen aus dem Ersten, Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Handgranaten, Geschosse aller Arten und Größen aus der Zeit danach. Bei einem Teil sind die Zünder noch scharf. Rund vier Millionen Kampfmittel liegen auf dem Platz und im Boden verteilt, schätzt Diether. Seit Bundeswehr und französische Armee den Truppenübungsplatz vor einem knappen Jahr aufgaben, ist Diether bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) angestellt. Er untersucht die gefundenen Kampfmittel und sorgt dafür, dass sie beseitigt werden.

Seit Ostern dürfen Wanderer und Radfahrer markierte Wege auf dem 6700 Hektar großen ehemaligen Militärgelände betreten und befahren. Der alte Truppenübungsplatz soll Teil eines noch viel größeren Biosphärengebiets der Schwäbischen Alb werden, mit dem man die Kulturlandschaft der Schwäbischen Alb unter UNESCO-Schutz stellen will. "Die Spaziergänger finden fleißig alle Arten von Geschossen", berichtet Diether: "Jedes Wochenende bin ich im Einsatz. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert." Insgesamt 35 Kilometer Wander- und Radwege sind bislang freigegeben worden. Warnschilder verbieten, die markierten Wege "bei Lebensgefahr" zu verlassen. Bei Verstößen drohen hohe Geldstrafen. Dem Chef des Platzes, Dieter Götze von der BIMA, schwant schon Schlimmes, wenn Trophäensammler ihre Funde mit nach Hause schleppten: "Da kracht's dann plötzlich in der Garage, wenn sie an den Mitbringseln herumbasteln." Doch das ganze Gelände nach Kampfmitteln abzusuchen kostet laut Götze rund zwei Milliarden Euro. Geld, das der Bund nicht hat.

Besonders fündig wird der fröhliche Wandersmann auf der "Schießbahn 12", einem etwa 400 Hektar großen Gelände rund um das ehemalige Dorf Gruorn. Heute stehen nur noch die kleine Kirche und das ehemalige Schulhaus. In den 30er-Jahren mussten die 650 Einwohner des Dorfes auf Befehl der Reichswehr ihren Heimatort verlassen. Der Schießplatz wurde vergrößert und die 50 Bauernhäuser dienten als Übungsplätze für den Häuserkampf. Auf dem geschotterten Weg rauf zum Friedhof glitzern Patronenhülsen von Maschinengewehren in der Sonne. Nahe der efeu- und dornenbewachsenen Friedhofsmauer liegen die Reste einer Granate. An jedem Pfingstsonntag treffen sich die Nachfahren der Gruorner in dem Kirchlein zum Gedenken.

Der Gelbbauchunke ist die Sorge der Munitionsexperten egal. Sie und andere bedrohte Tier- und Pflanzenarten haben sich auf dem militärischen Sperrgebiet in den vergangenen Jahrzehnten erhalten. "Es hat sich hier eine Naturvielfalt wie vor 150 Jahren erhalten", weiß Ingo Ammermann vom Naturschutzbund Baden-Württemberg (NABU). "Steinschmätzer, Heidelerche und andere sehr seltene Vogelarten können Sie hier noch antreffen." Durch die fehlende Bewirtschaftung über viele Jahre hinweg haben sich zudem auch bedrohte Pflanzen wie Enziane, Sommerwurz und verschiedene Orchideen erhalten, die mit den Panzern in einer wohl einzigartigen Symbiose zusammenlebten: "Die Panzer haben tiefe Spurrillen in den Boden gedrückt, in denen sich Regenwasser ansammelt", erklärt Ammermann. So sind etwa 1800 kleine Tümpel entstanden, die für seltene Insekten und Amphibien einen idealen Lebensraum darstellen.

Das Albstädtchen Münsingen liegt gleich am Rande des Truppenübungsplatzes. Bürgermeister Mike Münzing hofft, dass das Biosphärengebiet mit einer Ausdehnung von bis zu 700 Quadratkilometern vor allem Touristen in die Gegend locken wird. 14 solcher Biosphärenreservate gibt es bereits in Deutschland. "Mit diesem UNESCO-Prädikat werden wir als attraktive Gegend wahrgenommen," glaubt Münzing. Bislang waren die Touristenströme an der als rau und abweisend geltenden Alb vorbei zum Bodensee oder in den Schwarzwald geflossen.

Plötzlich kräuselt sich die Wasseroberfläche eines Tümpels. Der Boden unter Diethers Geländewagen beginnt zu zittern. Am Horizont taucht eine große Staubwolke auf und kommt mit einem dunklen bedrohlichen Grollen immer näher. Kehren die Panzer womöglich zurück? Beim Näherkommen entpuppt sich der riesige Koloss als 96 Tonnen schwerer Kranwagen der Firma Liebherr. Der nagelneue Kran dröhnt auf der ehemaligen Panzerringstraße vorbei. Der Bund hat als Eigentümer des ehemaligen Truppenübungsplatzes die stabile Panzerringstraße an verschiedene Nutzfahrzeughersteller, darunter Daimler-Chrysler,

Iveco, Liebherr und Kässbohrer vermietet. Sie alle nutzen die Militärbrache für Testfahrten und Präsentationen von Neufahrzeugen. Pistenraupen von Kässbohrer fahren sogar mit dem Segen von Naturschützern durchs Gelände, um Spurrillen für Kleinbiotope zu ziehen, was früher die Panzer erledigten. "Schützen durch nützen", nennt der Reutlinger Landrat Thomas Reumann das ungewöhnliche Zusammenspiel von Naturschutzgebiet und Teststrecke.

Ein älteres Ehepaar kommt angeradelt. "Halt! Hier können Sie nicht durchfahren", werden sie von einem schwarz gekleideten Mann aufgehalten. Bedrohlich stellt sich der Wachposten den Radlern in den Weg. Der Mann ist vom Daimler-Chrysler-Werkschutz, wie auf seiner Uniform steht. "Ja, aber warum denn nicht?", fragt der Rentner erstaunt und klettert vom Fahrrad. "Was geschieht denn hier?" "Geheime Lkw-Tests", sagt der Wachmann. Und lässt keine Widerrede zu. "Sie müssen umdrehen." Die Radler wenden und auch Munitionsspezialist Berni Diether macht für heute Schluss. Die gefundene 20 Millimeter hat er entschärft, sie kann jedenfalls keinen Schaden mehr anrichten.