Lokalsport

Tiger von der US-Armee

In bewegten Zeiten geriet Bob Pipkin 1970 zum Kirchheimer Basketball-Star

Genau 40 Jahre ist‘s her: Im Sommer 1970 verpflichtete die VfL-Basketballabteilung mit Robert „Bob“ Pipkin einen 24-jährigen US-Amerikaner, der sportlich einschlug wie eine Bombe. Einmal gelangen ihm in einem Oberliga-Auswärtsspiel 61 Korbpunkte – eine Sensation für die damalige Zeit. Bei Heimspielen platzte die

Thomas Pfeiffer

Konrad-Widerholt-Halle meist aus allen Nähten – die Kirchheimer Basketballfans wollten Pipkin sehen. Der US-Soldat aus Kornwestheims „Wilkin Baracks“ blieb zwar nur eine Spielzeit lang. Doch Jahrzehnte danach galt er noch immer als der mit Abstand beste farbige VfL-Spieler aller Zeiten.

Es war der Sommer 1970 – eine hoch politische und aufgeladene Zeit. In Moskau rang der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin inmitten des Kalten Krieges einen Gewaltsverzichtsvertrag ab, auf Berliner Straßen demonstrierten linke Studenten gegen Staatsmacht und Springer-Konzern, und in Los Angelos stand der US-amerikanische Schwerverbrecher Charles Manson wegen bestialischer Morde vor Gericht. Manson, Kopf einer mit Rauschmitteln vollgepumpten Hippie-Kommune in Südkalifornien, hatte die populäre US-Schauspielerin Sharon Tate ermorden lassen – und wurde nach einem aufwendigen Verfahren am 29. März 1971 zum Tode in der Gaskammer verurteilt. Heute ist Manson 65 und lebt.

Es war die Zeit der fetten Schlagzeilen: Drogenopfer, Vietnamkrieg, Atomkrieg, Waldsterben, Mauertote, Brandts Kniefall in Warschau. Dazu Minirock, Hippies und Rote Armee Fraktion (RAF) – die Reizthemenpalette war groß. Und die Fernsehabende oft lang. Denn neben den Fußball-Erzrivalen Borussia Mönchengladbach und FC Bayern goutierte der intellektuell angehauchte Sportsfreund damals auch noch die Polit-Schwergewichte Strauß (CSU) und Wehner (SPD). Wegen ihres hohen Unterhaltungswerts. Nicht nur einmal wünschten sich beide vor laufender Kamera zum Teufel.

Nur im Lokalen, da tickten die Uhren seinerzeit anders: langsamer. Es war Saure-Gurken-Zeit im August 1970, und unter der Teck passierte nicht wirklich viel, sieht man von kleineren Begebenheiten mal ab. Kirchheimer Bürger mokierten sich mal wieder über die Dauerparker in der Innenstadt, was im Lokalteil der Seitenaufmacher war, und Weilheim begrüßte seinen 40 000. Badegast: eine 27-Jährige namens Eva Lamparter. Im größten Sportverein der Region machte ebenfalls einer von sich reden. Der 17-jährige VfL-Basketballer Volker Oesterle, 192 Zentimeter groß und hoch talentiert, war zu einem Lehrgang der Kadettennationalmannschaft berufen worden. Heute ist Oesterle Manager der Knights – damals war er im Lokalsport das wichtigste August-Thema überhaupt.

Bis zu 600 Fans drängen sich in der KW-Halle

Bis der US-Soldat und Basketballer Robert „Bob“ Pipkin in Kirchheim anheuerte. Der junge, kraushaarige Bewegungskünstler von den Kornwestheimer „Wilkin Barracks“ kam den VfL-Verantwortlichen gerade recht: Pipkin, vom bundesliga-erprobten VfL-Routinier Jörg Ockert entdeckt, kostete keine Leihgebühr und nur ein paar Groschen Taschengeld – er wollte in Kirchheim just for fun spielen. Mit seltenen Dribblings, verblüffenden Zuspielen und genau getimten Distanzwürfen avancierte der Mann aus Idaho rasch zum neuen Liebling der Kirchheimer Fans. Einen besseren VfL-Basketballer als ihn hatte es seit Abteilungsgründung 1957 noch nicht gegeben.

Bis zu 600 Zuschauer drängten sich regelmäßig bei den VfL-Heimspielen in der Konrad-Widerholt-Halle, wo Pipkin fast immer der Topscorer war. „Er erzielte oft über 30 Korbpunkte“, erinnert sich Manfred Sienz, damals Spieler und Abteilungsleiter.

Auch Ulrich Tangl, seinerzeit 14, war ein fleißiger Augenzeuge bei den VfL-Heimspielen 1970/71. „Ohne Übertreibung: Pipkin war der alles überragende Spieler dieser Mannschaft“, sagt der heutige VfL-III-Trainer, der einer jener Anfeuerer war, die dem farbigen US-Boy schon mal schwäbische Mundart entgegenschmetterten. „Hebat‘s, hebat‘s“, skandierte der verzückte VfL-Chor immer dann, wenn die Blauen im Spiel mal wieder in Führung gegangen waren.

Für eine äußerst erfolgreiche Kirchheimer Oberliga-Spielzeit sorgte eine Mischung aus jungen Tausendsassas und ausgebufften Haudegen: Hans-Jürgen Bräutigam, Peter Kudzius, Wolfgang Rückert, Walter Pfeiffer, Hans Pfleiderer, Jörg Ockert, Volker Oesterle, Manfred Sienz, Hans-Wolfgang Schink und Bob Pipkin hießen die Protagonisten eines eingeschworenen Teams. Lauter Deutsche, dazu ein amerikanischer „Superstar“, wie der Teckbote in einem Rückblick Jahre danach notierte, das war sie, die Erfolgs-Mixtur der Basketballer. Am Ende fehlten den Wurfkünstlern von der Teck zum historischen Triple-Triumph nur wenig Körbe. Nach einer langen Siegesserie mit dem Gewinn der württembergischen und der süddeutschen Pokalmeisterschaft reichte es in der Oberliga-Runde schließlich zu Platz zwei.

Als Pipkin im letzten VfL-Spiel standesgemäß verabschiedet wurde, kam auch Oberbürgermeister Franz Kröning in die KW-Halle. Dessen Abschiedsgeschenk war eine Kuckucksuhr und hatte ebenso symbolischen Wert: Am liebsten hätten die Kirchheimer Basketballfreunde die Zeit zurückgedreht, so viel Spaß machte beim Zugucken jener, den alle nur Bob nannten.

Pipkin war nur etwa 1,93 Meter groß, doch mental die absolute Größe. An guten Oberliga-Tagen raffte er sich zu 30, 35 oder 40 Punkten auf. An brillanten Tagen lag seine Trefferquote sogar

drüber. Beim 102:92-Auswärtssieg in Bayreuth am 27. Februar 1971 steuerte der Ballvirtuose aus den Staaten nicht weniger als 61 (!) Korbpunkte für den VfL bei. Über diese Energieleistung, die lange Jahre Oberliga-Rekord war, staunt Uli Tangl noch heute: „Eine sensationelle Leistung. Damals gab es ja noch keine Drei-Punkte-Regel.“

Pipkin – einer, der den Applaus anzog. Das lag auch an seiner vorbildlichen Außendarstellung. „Bob war mit 24 eine ausgeprägte Persönlichkeit, die den Respekt aller Mitspieler und Funktionäre hatte“, wie Manfred Sienz über den Mann mit dem hellwachen Auge für den Mitspieler und die Wurflücke erzählt. „Doch den VfL-Star hat er in seiner Kirchheimer Zeit nie rausgehängt“, sagt Heinz Hutter, der gewählter Abteilungskassier war und damals jedem Spieler fünf Mark Essenszuschuss bei Auswärtsspielen in die Hand drückte. Ansonsten bekamen die Spieler vom Verein nichts, außer Trikot, Kilometergeld und Schulterklopfen nach erfolgreichen Spielen. „Das war noch echter Amateursport“, berichtet Manne Sienz über die guten alten Zeiten, und seine Augen leuchten.

Rein zahlenmäßig hatte der Amateursport von damals allerdings erstaunliches Niveau: Manche VfL-Partie, wie jene gegen Schlusslicht TV Würzburg, mündete in eine wahre Korb-Orgie. 143:93 gewann der VfL schließlich in der KW-Halle, und Pipkin war wieder einmal der überragende Regisseur gewesen. Er war der Mann für die lokalen Sportschlagzeilen in jenen Tagen – Schlagzeilen, die jeder gerne las.

Viel lieber, als so manche aus der großen weiten Welt.

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