Lokalsport

"Tobias Unger war eine positive Ausnahme"

KIRCHHEIM Für Marc Kochan, lange Mitglied der deutschen Sprinter-Nationalmannschaft, danach verletzt und derzeit wieder im Aufbau, ist klar, "dass man etwas verändern muss." Kochan plädiert in seiner Bestandsaufnahme und Fehleranalyse der deutschen Leichtathletik für Neuerungen in den Bereichen Jugendarbeit und Training. Der Qualifikationsmodus müsse so sein, dass er Spitzenathleten die "volle Konzentration" auf Großveranstaltungen erlaube und ihnen nicht (zu) früh im Jahr Topleistungen abverlange.

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"Die deutsche Leichtathletik steckt in der Krise, ist am Tiefpunkt angekommen. Die Olympischen Spiele von Athen haben den Abwärtstrend gnadenlos bestätigt. Mit zwei (!) Silbermedaillen blickt die Mannschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) damit auf das schlechteste Abschneiden bei Olympischen Spielen seit 92 Jahren zurück.


Seit Samstag, dem letzten leichtathletischen Wettkampftag im Olympiastadion, sollte es auch dem letzten Optimisten in der DLV-Verbandsführung klar sein, dass man etwas verändern muss. Bereits nach der Weltmeisterschaft 2003 in Paris war die Stimmung am Boden, Konsequenzen zog man jedoch nicht. Nun sollen die Veränderungen kommen. Im Detail geht es zunächst um einen neuen Cheftrainer und um konsequente Talentförderung. Ob diese Maßnahmen letztlich den erhofften Erfolg bringen werden, ist fraglich. Trainingspläne und -philosophien sind seit Jahren nicht mehr grundlegend überdacht worden, obwohl der Blick über den nationalen Tellerrand viele Anregungen geben würde.


In Deutschland fehlt die Risikobereitschaft, neue Wege zu gehen. Was die Jugendförderung angeht, kann man bereits seit Jahren beobachten, dass nur wenige Nachwuchsathleten letztlich den Sprung in die Aktivenklasse schaffen. Mit ihnen wird häufig schon in jungen Jahren zu hart trainiert. Daher sind Steigerungen im Trainingspensum später kaum noch möglich. Zum anderen gibt es nur geringe finanzielle Perspektiven, um den Sport professionell betreiben zu können, was viele Sportler zu einer Entscheidung pro Studium, Ausbildung oder Beruf bewegt.


Wenn dieser Tage über die vielen schwachen Leistungen von Athen diskutiert wird, darf man auch das Thema Doping nicht außer Acht lassen. Das Kontrollsystem in Deutschland mit der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) ist weltweit führend, über 10 000 Trainingskontrollen werden jährlich durchgeführt. In vielen anderen Ländern ist man noch lange nicht so weit und möchte es auch gar nicht sein. Aber die Misere allein auf das Thema Doping zu schieben, wäre zu einfach. Auch von deutschen Athleten kann man erwarten, dass sie ihren Leistungshöhepunkt bei den Olympischen Spielen erreichen was leider viel zu selten der Fall war.


Eine positive Ausnahme war sicherlich Tobias Unger, der am Ende der Saison seine Bestzeit im Athener Olympiastadion gelaufen sein wird und seit 20 Jahren Deutschland wieder in einem olympischen Sprintfinale vertreten hat. Grundsätzlich sollte sich der Verband einen neuen Qualifikationsmodus überlegen, der die volle Konzentration auf das Großereignis erlaubt und nicht schon Top-leistungen im Juni abverlangt. In der Regel wird das internationale Ende des Qualifikationszeitraumes gar nicht voll ausgeschöpft, sondern bereits Wochen vor dem entscheidenden Wettkampf entschieden, wer die Bundesrepublik in den einzelnen Disziplinen vertreten wird, ohne Tendenzen der Leistungsentwicklung im Jahresverlauf zu berücksichtigen.


Sollte sich das Präsidium des DLV letztlich zu umfangreichen Veränderungen hinreißen lassen, können wir mit Blickrichtung Peking 2008 vielleicht wieder von der einen oder anderen Leichtathletik-Goldmedaille träumen, auch wenn man vermuten muss, dass die Chinesen sehr häufig ihren Heimvorteil in Edelmetall ummünzen werden.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt."