Lokalsport

"Tradbogner" Spaß und Toleranz im Sinne von Robin Hood

Zurück zu den Wurzeln dieser Allgemeinplatz ist auch im Bogenschießen nicht unbekannt. Warum also nicht zum traditionellen Bogenschießen, wie einst Robin Hood, zurückkehren? Der TSV Ötlingen trägt diesem in den letzten beiden Jahren zu beobachtenden Trend mit einer eigenen Abteilung Rechnung.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM "Das Schießen mit dem Pfeil ist ein Urerlebnis des Menschen und wer sich dieser Erfahrung wieder nähert, wird ihre Zweckfreiheit entdecken" so der Versuch des Schriftstellers Thomas Marcotty, das traditionelle Bogenschießen romantisierend zu beschreiben.

Diese Worte würde Wolfgang Lemm ohne zu zögern unterstreichen. Der 54-Jährige gehört jener illustren Gruppe an, die sich im Oktober dieses Jahres zur Abteilung "Traditionelles Bogenschießen" beim TSV Ötlingen zusammen geschlossen hat. Die Aussage Marcottys teilt er vollauf: "Diese Sportart hat eine sehr beruhigende Wirkung." Lemm muss es wissen. Als Einkaufsleiter eines internationalen Großkonzerns geht er einem stressbeladenen Beruf nach, für den es einen adäquaten Ausgleich braucht. Nur einer der Gründe, warum das traditionelle Bogenschießen in den letzten zwei Jahren einen, laut Lemm, "wahren Boom" erlebt. So waren bei einem Bogenschießfest in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber im Spätsommer alle 250 ausgeschriebenen Startplätze innerhalb von 24 Stunden vergeben, weitere 260 Bogenschützen ließen sich auf eine Warteliste setzen.

Die "Tradbogner", wie sie sich selbst gerne nennen, sehen in ihrem Sport eine Art Gegenbewegung zur zunehmenden Technisierung im Bogenschießen. Die bei Wettkämpfen eingesetzten FITA-Bögen sind hochtechnisierte Sportgeräte. "Das traditionelle Bogenschießen orientiert sich an der Urform dieses Sports", beschreibt Lemm den Grundgedanken. Die dabei verwendeten Langbögen sind dem Laien bestens aus dem Fernsehen bekannt. Schließlich war der berühmteste Langbogner, wenn er auch real nie existiert hat, Robin Hood. Das Zubehör, bestehend aus Pfeilköcher, Armschutz und Fingerschutz, ist zudem aus Leder gefertigt ganz im Sinne des "Königs der Diebe".

Im Unterschied zu den FITA-Bogenschützen zielen die Vertreter der traditionellen Art ohne Vorrichtung, nur nach Gefühl. Lemm und seine Ötlinger Kollegen nennen es "instinktives Schießen", wenn sie sich nur auf ihre im Laufe der Zeit gewonnenen Erfahrungswerte verlassen, um ein Ziel mit dem Pfeil zu durchbohren. Diese Erfahrungswerte stellen sich recht schnell ein: "Bei mir hat das knapp ein Jahr gedauert", berichtet Lemm stolz.

Die Idee, dem traditionellen Bogenschießen eine eigene Abteilung zu widmen, wurde eher zufällig geboren. Eine bei der Kirchheimer Familienbildungsstätte aktive "Mittelalterliche Gruppe" wurde letztes Jahr von den Bogenschützen Nürtingen (BSN) eingeladen, das gemeinsame Interesse zu verfolgen. Mitglieder dieser mittelalterlichen Gruppe waren unter anderem Ralf und Susanne Härtle. Mit ihrem Faible für das Mittelalter steckten sie auch die damals für die BS Nürtingen aktiven Wolfgang Lemm, Michael Petto, Monika Dippong und Klaus Schneider an. Ralf Härtle war damals der erste, der eigene Bögen baute und gewann das von der zunehmend technisierten Art des Bogenschießens gelangweilte Quartett für die traditionelle Art und Weise. Seine beim TSV Ötlingen in der Gymnastikabteilung aktive Frau Susanne gewährte der Kombo Unterschlupf im Rübholz, ehe sich dort im Oktober dieses Jahres eine eigene Abteilung bildete. "Damals waren wir knapp 12 Leute", erinnert sich Lemm.

Inzwischen zählt die Abteilung rund 50 Mitglieder Tendenz steigend. Den klassischen "Tradbogner" ("Vom Kind bis zum Senior ist bei uns alles vertreten") kann Lemm zwar nicht skizzieren, sehr wohl aber das gemeinsame Anliegen: den Spaß und die Toleranz. "Wir setzen uns keinem Wettbewerbsdruck aus und legen auf den Spaßfaktor den größten Wert." Ferner sei es laut Lemm absolut unwichtig, ob man in mittelalterlichen Gewändern oder im Trainingsanzug an den Treffen teilnehmen würde: "Wir freuen uns über jeden, der bei uns mitmachen will und akzeptieren ihn so, wie er ist."

Dass sich der Spaß durch Eigeninitiative noch steigern lässt, ist auch den Protagonisten in Ötlingen bekannt. Deshalb wollen sie 2005 Workshops anbieten, in denen die Mitglieder den eigenständigen Bau ihrer Sportgeräte erlernen sollen. "Einen bis zwei Tage Bauzeit" rechnet Lemm, der zwei selbst gefertigte Bögen besitzt. Neben den Workshops träumen er und seine Kameraden von einem geeigneteren Trainings-Terrain. Momentan fliegen die Pfeile über eine knapp 30 Ar große Streuobstwiese. "Ideal wäre ein Acker von etwa 200 Ar Größe", wünscht sich Lemm damit sich die von Marcotty beschriebene Zweckfreiheit noch besser entdecken lässt.

INFODie beim traditionellen Bogenschießen verwendeten Langbögen messen 62 bis 70 Zoll. Das entspricht einer Größe von 1,57 bis 1,77 Meter. Diese sind mit Glas- oder Kohlefasern belegt. Die Schussweite beträgt bis zu 200 Meter, die Zielgenauigkeit liegt bei rund 60 Metern.