Lokalsport

Tradition allein reicht nicht

Renn-Organisator Albert Bosler verlässt den RKV und gründet eigenen Radsportverein

Eine innige Liebe verband beide Seiten nie. Der eine vom Ehrgeiz beseelt, die anderen in alten Traditionsmustern verhaftet. Albert Bosler hat dem RKV Kirchheim den Rücken gekehrt und einen eigenen Radsportverein ins Leben gerufen. Mit dem Albtraufmarathon und dem GP Kirchheim droht dem RKV nicht nur der Verlust seiner wichtigsten Aushängeschilder, sondern gleich das Aus für die gesamte Radsport-Sparte.

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Bernd Köble

Kirchheim. Einen langen Atem und diplomatisches Geschick brauchten alle, die sich bisher daran machten, dem Radsport in Kirchheim eine große Bühne zu verschaffen. Am ehesten gelang dies Roland Geiger, dem Vater des Radrennens auf dem Kirchheimer Alleenring. Einem Mann aus den eigenen Reihen des RKV, mit den nötigen Kontakten und einem feinen Näschen für allzu Menschliches zwischen den Fronten. Mit Geigers Ausstieg aus Altersgründen entbrannte nach zwei Jahrzehnten Renngeschichte ein offener Machtkampf zwischen dem professionellen Anspruch wechselnder Organisatoren und den Traditionalisten im Verein.

Albert Bosler nahm den Machtkampf an, als er 2005 für Geiger an die Spitze der Radsportabteilung im RKV trat. Seitdem knirscht es mächtig im Gebälk. Bosler, der vor zwei Jahren den Albtraufmarathon als zweite Großveranstaltung aus der Taufe hob, fühlte sich stets unverstanden, bevormundet und ausgebremst. „Die Kommunikation stimmte einfach nicht“, nennt RKV-Boss Helmut Witsch einen gewichtigen Grund für das Zerwürfnis. „Wir wurden immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Tatsachen hat Albert Bosler nun unbestritten geschaffen: Der Berufsschullehrer aus Notzingen, der der Rennsportkommission im Württembergischen Radsportverband (WRSV) vorsteht, hat einen eigenen Verein gegründet. Der „Radsport Kirchheim unter Teck e.V.“ hat inzwischen 28 Mitglieder und ist deckungsgleich mit jenem Mitarbeiterstab, den Bosler seit jeher beim GP Kirchheim und beim Albtraufmara­thon um sich schart. Damit ist klar: Will der RKV als Platzhirsch bei beiden Veranstaltungen auch künftig das große Rad drehen, braucht er eine komplett neue Mannschaft – und das möglichst schnell.

Während Albert Bosler als Gründervater seine Hand über dem Albtraufmarathon hält, steht mit dem GP Kirchheim für den RKV ein bedeutendes Kapitel Vereinsgeschichte auf dem Spiel. Ausgerechnet die Krise im Radsport verschafft nun Zeit, sich neu zu ordnen. Mangels Geldgebern findet auf dem Alleenring erstmals kein Rennen statt. Ob der RKV als Veranstalter zurückkehren wird, ist fraglich. Den Beweis entschlossenen Handelns ist der Verein in der Vergangenheit meist schuldig geblieben. Die einst erfolgreiche Straßen-Equipe ist längst Geschichte, den Trend zum Mountainbike hat man gar völlig verschlafen. Gäbe es die Monkeycrosser nicht, blieb nur die Erinnerung an bessere Zeiten. „Wir werden uns die nächsten Wochen zusammensetzen und nach Wegen suchen, damit der RKV als Veranstalter im Boot bleibt“, bekräftigt Helmut Witsch.

In Sachen Albtraufmarathon haben Witsch und die Seinen das Feld bereits kampflos geräumt. Der Albtraufmarathon ist Boslers Kind, daran will niemand zweifeln. Gut möglich aber, dass um den GP Kirchheim im kommenden Jahr ein neuerlicher Machtkampf entbrennt. Albert Bosler wirkt gelassen, hat nach eigener Aussage bereits neue Geldgeber an der Hand und spricht von einem Rennen, das „fast schon in trockenen Tüchern“ sei. Den Termin im Juni 2011 hat er sich beim Verband bereits vormerken lassen. Würden beide Seiten auf Biegen und Brechen um die Veranstaltung kämpfen, wäre das ein Novum, nicht nur für die Stadt. An einen ähnlichen Fall kann sich auch Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer nicht erinnern, der gleichzeitig Präsident des WRSV ist. Riemer wüsste freilich, was im Ernstfall zu tun wäre: „Wir würden beide Seiten an einen Tisch holen und eine gemeinsame Lösung finden.“ Im neuen Verein erkennt er immerhin die Chance, dass endlich gelingt, was alle bisherigen Interessensgruppen in Kirchheim schuldig blieben: Das große Potenzial an Radsportfans in der Teckstadt zu bündeln, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen. „Dafür braucht es eine breite Basis und entsprechende Angebote“, sagt Riemer. „Einer allein schafft das nicht.“

Eines hat Albert Bosler inzwischen geschafft: Nachdem die dritte Auflage des Albtraufmarathons bis zuletzt am seidenen Faden hing, trudelte gestern früh noch vor Dienstbeginn im Rathaus die Genehmigung des Regierungspräsidiums ein. Strittiger Punkt war der gemeinsame Start am Ziegelwasen. Dadurch erhalte die Veranstaltung, die im Vorjahr mehr als 500 Biker mobilisierte, Renncharakter, so die Meinung der Behörde. Obwohl es bei dem Breitensportereignis keine Zeitnahme gibt, wird jetzt erstmals in Blöcken mit maximal 30 Teilnehmern gestartet. Beim Veranstalter kann man mit dieser Einschränkung leben. „Der Abschnitt durch die Innenstadt bis hinaus zur Hahnweide ist schwer abzusichern“ räumt Wolfgang Beck ein. Der Sprecher des neuen Kirchheimer Radsportvereins ist gleichzeitig Verhandlungsführer mit den Genehmigungsbehörden. „Wir wollen dem Radsport einen Dienst erweisen“, betont er. „Dazu gehört auch, aus früheren Fehlern zu lernen.“

Seit gestern ist unter albtraufmarathon.de die Online-Anmeldung für den 3. Albtraufmarathon am 12. September freigeschaltet. Zur Wahl stehen erneut zwei Runden mit 63 Kilometer (1 200 Höhenmeter) und 96 Kilometer Länge (2 100 Höhenmeter). Start und Ziel ist am Kirchheimer Ziegelwasen.