Lokalsport

Träumen verboten

Knights-Coach Ignjatovic fordert Rückkehr zur Realität

Es ist der Fluch des Erfolgs, den keiner auf der Rechnung hatte. Morgen in Karlsruhe (19 Uhr, Europahalle) kämpft Knights-Coach Frenkie Ignjatovic gegen den Schlendrian in der Mannschaft und gegen zu hohe Erwartungen.

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Bernd Köble

Kirchheim. Zugegeben, Spiele gegen den Tabellenletzten liefern selten das Holz, aus dem man Helden schnitzt. Doch der glanzlose Pflichtsieg der Knights gegen das Schlusslicht aus Lich offenbarte gleich mehrere Symp­tome, die auf einen schleichenden Virus hindeuten. Mehr jedenfalls als dem Mann an der Seitenlinie lieb war. Frenkie Ignjatovic hatte am Samstag seine sensiblen Antennen ausgefahren und ein paar alarmierende Signale empfangen. Dass das Tollhaus an der Jahnstraße eher einem Gebetssaal glich, obwohl man den Gegner in der Startphase förmlich an die Wand spielte, war nur eines davon. Da konnte sich Kirchheims neuer Hallensprecher Daniel Zirn noch so ins Zeug legen, um aus den versteckten Glutnestern auf den Rängen das erhoffte Feuer zu entfachen. Ebensowenig entgangen war dem Trainer die Nervosität seiner Spieler auf dem Feld. Die verflog auch dann nicht, als das erste Viertel mit 27:10 verbucht war. Stattdessen reihten sich Fehler an Fehler, und am Ende war es die letzte von zahllosen Disziplinlosigkeiten, die den Trainer zum äußersten Mittel greifen ließ: Nach einem Frustfoul von Gordon Scott, das sich an der Grenze zur Tätlichkeit bewegte, nahm Ignjatovic den Amerikaner erst vom Platz und winkte ihn anschließend gleich durch in die Kabine.

Die Nerven sind angespannt, trotz oder gerade wegen der komfortablen Lage, in der sich die Knights in der Liga zurzeit befinden. „Wir sind auf einem gefährlichen Weg“, warnt der Trainer, der solche Phasen aus seinem reichen Erfahrungsschatz kennt. Zu schnell hat man sich in Kirchheim an den Erfolg gewöhnt. Die Chance, mit einem Sieg in Karlsruhe morgen den vierten Tabellenplatz zu zementieren, täuscht über vieles hinweg. Das zumindest glaubt der Coach, der jedem, der nachfragt, ins Stammbuch schreibt, wie wichtig es sei, den Blick für die Realität wieder zu schärfen. Die Realität klingt bei ihm so: „Das wir Vierter sind hinter dem Spitzentrio aus Weißenfels, Hagen und Bayreuth ist eine kleine Sensation.“ Dabei sieht Ignjatovic vieles, was andere nicht sehen. „Wir kommen seit Wochen auf dem Zahnfleisch daher“, klagt der Coach, der kaum einem seiner Stammkräfte die Verschnaufpause gönnen kann, die er bräuchte. Der vermeintlich ausgewogene Kader, zu Saisonbeginn noch als das große Plus der Kirchheimer bewertet, wird plötzlich zum Problem. „Uns fehlt die nötige Breite innerhalb der Mannschaft“, macht der Serbe kein Hehl daraus, dass er vom zweiten Anzug mehr erwartet, als zuletzt gezeigt. Auf der Bank scheint sich so mancher mit

„Uns fehlt die nötige Breite innerhalb der Mannschaft“

dem Reservistendasein zu begnügen, statt sich für eine Hauptrolle auf dem Feld zu empfehlen. Das geht nicht nur an die Substanz, das macht auch die Foulbelastung im Spiel zu einem wachsenden Risiko. Für Ausreden zeigt der Teamchef wenig Verständnis: „Nach 13 Saisonsiegen sollte jeder genügend Selbstvertrauen haben.“

Personellen Handlungsbedarf sehen Trainer und Management angesichts der am Samstag endenden Wechselfrist nicht: „Wir haben unser Saisonziel längst erreicht, da wäre es unklug, weiter den Etat zu strapazieren“, meint Ignjatovic und auch Kirchheims sportlicher Leiter Michael Schmauder spricht von einer „funktionierenden Mannschaft.“ Eben eine, die gelegentlich daran erinnert werden muss, nach welchen Zutaten der Erfolg verlangt. Als sich im letzten Viertel gegen Lich die Diskussionen mit den Schiedsrichtern auf dem Spielfeld häuften, wurde es anschließend zum ersten Mal richtig laut in der Kabine.

Gegen Karlsruhe, den schärfsten Verfolger im Rennen um Platz vier, wagt jedenfalls keiner von der Favoritenrolle zu sprechen. Die Badener befinden sich im Aufwind, spielten zuletzt gegen Bayreuth wie auch vier Wochen zuvor gegen Hagen lange Zeit auf Augenhöhe mit den großen Favoriten. Ivan Vojtko, der vor Weihnachten für den erfolglosen Peter Krautwald auf die Bank wechselte, scheint der Mannschaft die nötigen Impulse verschafft zu haben. Mit reboundstarken Leuten wie Center Justin Howard und den pfeilschnellen Al Elliott und Rouven Roessler ist die BG ein unangenehm zu spielender Gegner. Vor allem auf den Ex-Giessener Roessler hält Ignjatovic große Stücke. „Er ist ein Spieler, der an guten Tagen kaum zu stoppen ist.“ Bei der 73:95-Niederlage im Hinspiel Anfang November erledigte dieses Trio die Auswärtsaufgabe quasi im Alleingang. Roessler war nicht nur tonangebender Mann auf dem Spielfeld, sondern mit 21 Punkten auch der treffsicherste an diesem Tag.

„Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir hinten kompakt stehen und vorne unsere Schussquote aus dem Training auch aufs Spiel übertragen“, meint Frenkie Ignjatovic. Im Training trifft die Mannschaft derzeit traumwandlerisch sicher aus allen Lagen. Das war auch vor dem Lich-Spiel so. Das Resultat dann am Samstag: ganze acht Punkte im gesamten zweiten Viertel. Eine plausible Erklärung dafür hat auch der Trainer nicht. „Der eine oder andere tut sich wohl schwer, mit dem Erwartungsdruck umzugehen.“ Phillipp Heyden scheint dies hingegen immer besser zu gelingen. Von seiner und der Tagesform Adam Baumanns wird in Karlsruhe viel abhängen. Es fehlen die Alternativen unterm Korb: Der zuletzt grippegeschwächte Tom Klemm läuft seiner Normalform weiterhin hinterher und Andi Hornig fehlt in Karlsruhe letztmals wegen seiner Foulsperre. Michael Schmauder spricht vom „Endspiel um Platz vier“ und bringt damit den Trainer gegen sich auf. „In dieser Saison wird es keine leichten Spiele mehr geben“, bekräftigt Ignjatovic mit Blick auf die Konkurrenz. Während die Kirchheimer erstmals seit zwei Jahren unverändert ins letzte Saisondrittel gehen, hat der Rest der Liga in den Wintermonaten aufgerüstet. Schon die Woche darauf gegen den Drittletzten aus Schalke wird man wissen, was dran ist. Ignjatovic: „Die reisen inzwischen mit sechs Amerikanern durch die Lande.“

VfL Kirchheim Knights: Scott, Crawford, Baumann, Heyden, Tomasevic, Chennoufi, T. Klemm, P. Klemm, Howard.