Lokalsport

Tristesse am Abendhimmel Radkrimis am Boden

Trotz der Regenschauer, die Tausende von Zuschauern mitten im Qualifying überfiel: Der Kirchheimer Citysprint der Mountainbiker, erstmals im zweitägigen Kirchheimer Rennprogramm, traf voll den Geschmack des Publikums. Die Premiere passte.

THOMAS PFEIFFERChaos am frühen Nachmittag Wohlgefallen am Abend: Veranstaltungsorganisator Lado Fumic durchlief beim Mountainbike-Tag am Samstag ein Wechselbad der Gefühle. Kaum hatten die Obst- und Gemüsehändler den Marktplatz geräumt, traten verspätet die Angestellten der lokalen Gastronomie auf den Plan: Im Eiltempo zogen sie die vorgesehenen Pizza-, Bier und Crêpestände an der Gourmetmeile hoch. "Da ging's chaotisch zu", resümierte Fumic die hektischen Aufbauarbeiten. Am Abend durfte er sich trotz des eine halbe Stunde verspätet gestarteten Rennens dennoch über einen guten Job der insgesamt 200 Helfer freuen: "Hat ja doch noch alles geklappt. Die Organisation heute war bestens." Im Blick der meisten Zuschauer: Der acht Meter hohe VIP-Turm. Hoch droben, vis-a-vis zum malerischen Rathausturm, fand sich neben Dietmar Ederle (KSK) und anderen Sponsoren auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ein. Befragt zum neuen Rennformat beim traditionellen Radrennen, antwortete die Hobby-Mountainbikerin ("am Pfingstmontag fahre ich selber") so: "Für Kirchheim/Teck öffnet sich damit ein ganz neues Fenster. Mountainbike inmitten der Stadt, das ist ziemlich einmalig. Ich hoffe, dass sich mit dieser Veranstaltung künftig noch mehr Aufmerksamkeit auf unsere Stadt richten wird."Tristesse am Abendhimmel: Just als die Hälfte des 20 Fahrer starken Mountainbike-Feldes das Qualifying um die besten Startplätze hinter sich hatte, öffnete Petrus so richtig die Schleusen der Regen hielt bis nach der offiziellen Siegerehrung zwei Stunden später an. Der erwartungs-frohen Stimmung der Tausendschaften Neugieriger entlang der kurventrächtigen, 650 Meter langen Strecke mitten durch die Altstadt tat die Dauerberieselung von oben wenig Abbruch, auch wenn so mancher Schirm den Blick versperrte. Das Sprintspektakel gefiel auch Lothar-Gilbert Matt-Heidecker. In einen Smalltalk verwickelt, überraschte der OB-Gatte mit dieser sportlichen Vergangenheit: "Vor über 20 Jahren war ich mal Torhüter des Zweitamateurligisten SV Stuttgart-Rot, und VfL-Keeper Werner Hund war damals mein Gegenspieler." Keine Veranstaltung ohne das Thema Fußball klar: Die Weltmeisterschaft naht.Youngsters zwischen 14 und 20 das war die Zielgruppe, auf die Lado Fumic beim akribischen Austüfteln des Mountainbiker-Renntagprogramms explizid geschielt hatte. Laute House-Musik aus dem Hummer-Geländewagen vor, während und nach dem Rennen, der jeweilige Qualifikations-Führende symbolisch platziert auf dem eigens aufgestellten Hochgerüst, die bestellten Rennconferenciers Stephan Salscheider ("Kirchheim, jetzt klatschen wir den Regen weg") und Ex-Leichtathletikstar Marc Kochan als witzig-informatives Sprecherduo Fumics Rezeptur zum verstärkten Anlocken jüngerer Generationen. Die Acts zeitigten den gewünschten Erfolg: Junge, teilweise blutjunge Renngucker zählte der Veranstalter am Samstag zuhauf.Spannung pur: Lado Fumic hatte die Niete gezogen. Ein glimpflich verlaufener Sturz mit Bodenberührung im Qualifying ("mich hat's auf den Popo geschlagen") bescherte ihm im mit 20 Fahrern besetzten Eliminator-Rennen den letzten Startplatz. Als nach Runde 10 der Ausscheider-Modus griff, blies er zur Attacke und überspurtete auf rutschiger, nicht ganz ungefährlicher Piste nacheinander alle bis auf Carsten Bresser, den Olympia-20. von Athen. Rundenlang fuhren der 35-Jährige und Fumic an der Spitze einsam Kopf an Kopf. Bis der Kirchheimer auf den letzten 20 Metern schließlich zum entscheidenden Schlussspurt anzog und unter dem donnernden Applaus des Publikums um Haaresbreite gewann. Gefeiert bei der Siegerehrung wurden beide Fumic als bester Taktierer und erster Gewinner des Großen Mountainbike-Preises, Bresser als fairer Verlierer: "Lado hat verdient gewonnen. Das Rennen hat viel Spaß gemacht." Paukenschlag: Wie gewonnen, so zerronnen hieß es für Alexander Speisekorn (21/MTB Teck). Erst durfte er auf dem Hochgerüst über eine halbe Stunde lang das Triumphgefühl des Qualifying-Schnellsten (1.05,58 Minuten) auskosten, dann stürzte er im Rennen in den ersten beiden Ausscheidungsrunden gleich zwei Mal hintereinander. Unliebsame Folgen: ein zerrissenes Trikot, Schürfwunde am linken Oberschenkel, geplatzte Rennhoffnungen ("ich wollte unter die ersten Zehn"). Besser schnitt erwartungsgemäß der local hero Marc Gölz ab: Platz drei. "Vier Runden vor Schluss war für mich klar, dass ich Lado Fumic und Carsten Bresser nicht mehr einholen kann", bilanzierte der Weilheimer.Rarität: Nein, solch ein Rennformat wie in Kirchheim habe er noch nicht erlebt, bekundete Carsten Bresser. "Lediglich ein Eliminator-Rennen für Straßenradrennfahrer bin ich vor Jahren mal mitgefahren, aber ohne Erfolg." Ohnehin hat das Rennformat mit permanenten K.o.-Runden bis zum ultimativen Zwei-Mann-Showdown im Mountainbike hier zu Lande noch kaum Verbreitung und Kirchheim/Teck deshalb eine Art Monopolstellung. "Deutschlandweit kenne ich kein anderes Rennen in dieser Form", sagte Mountainbike-Journalist Erhard Goller.

Inoffiziell: Noch hätten derlei Rennen, weiß Goller, inoffiziellen Status: "Der Verband toleriert die Eliminatorrennen, offiziell gibt es sie eigentlich aber gar nicht." Doch auch Goller, der für Fachblätter schreibt, findet am Showcharakter der K.o.-Rennen zunehmend Gefallen. "Solche Rennen sind für jede Radsportveranstaltung ein schmückendes Beiwerk." Nächstes Jahr? Die Frage, in welcher Gestalt das Kirchheimer Radrennen 2007 daher kommen wird, bleibt offen. "Wir werden über das diesjährige Rennen in Ruhe Bilanz ziehen und erst dann die Richtung festlegen", erklärte Lado Fumic. Die Möglichkeit, Radrennen und Mountainbikerennen weiter gleichberechtigt durchzuführen bestehe ebenso wie es denkbar sei, den Mountainbike-Sprintrenntag qualitativ aufzuwerten. Tabula rasa: Bei der abschließenden Manöverkritik gab's für Lado Fumic keine Zweifel, dass die Veranstaltung "super" gewesen sei. Publikum, Fahrerfeld und Stimmung hätten die Erwartungen erfüllt "und für das schlechte Wetter konnten wir ja nichts", erklärte der Geschäftsführer der organisierenden Racing Team GmbH.

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