Lokalsport

Um die Wurst

LENNINGEN/OWEN Im Tälesderby heute Abend geht es um die Wurst. Da werden das richtige Timing, die richtige Taktik und wohl auch ein Mindestmaß an Körpereinsatz über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Ist die Mitte erst einmal

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BERND KÖBLE

dicht, heißt es, alles auf eine Karte setzen und auf die Außenbahnen ausweichen. Ein riskanter Schachzug, denn wer über die Flügel kommt, läuft Gefahr, sich eine Verwarnung einzuhandeln. Da kennen

Hans Kronester

,

Manfred Gabler

und

Alfred Schmid

keine Verwandten. Die drei Herren vom Grill erleben morgen vermutlich ihr zweites Wirtschaftswunder, denn wer ein echter Handballfan ist im Täle, bei dem bleibt die Küche morgen Abend kalt. Die SG-Rote ist legendär, weil heiß und knackig. Eigenschaften, die man den SG-Handballern in dieser Saison auch mit einigem Wohlwollen nicht leichten Herzens zugestehen kann. Von wenigen Leckerbissen abgesehen, war es meist schwer verdauliche Kost, die das Lenninger Ballwurf-Ensemble ihrer kulinarisch anspruchsvollen Kundschaft auftischte manches Mal gar richtig gehend Senf.

Da kommt das ewig frische Duell mit dem Nachbarn aus der Teckstadt wie der Getränkelaster in der Wüste um die Ecke. Ein Sieg im morgigen Derby und alle Sünden sind vergeben. Der Ablasshandel wäre eine solche abermals wert, gäbe es da nicht die Regel, dass zu einem Handballspiel zwei Mannschaften gehören. Anders als beim Gastgeber, ist bei den Owenern die Wurst nämlich längst noch nicht vom Teller. Auf pappsatte Spielkameraden braucht man unterm Wielandstein vor dem morgigen Festbankett folglich erst gar nicht zu hoffen. "Uns fehlen noch drei Punkte, um auf der sicheren Seite zu sein", rechnet Owens Co-Trainer Reiner Kerzinger vor. "Zwei davon werden wir uns morgen holen."

Das hat gesessen. Die Zweiklassen-Gesellschaft Verbandsliga nimmt wenig Rücksicht auf soziale Härten. Immerhin: Während die Owener sich derzeit den Kopf zermartern, ob man nun ein Spitzenteam ist oder nicht, herrscht in Lenningen Gewissheit. Das befreit und gibt Planungssicherheit für vielleicht bessere Zeiten. Schade freilich, dass bei der SG bisher nur bekannt ist, wer nicht im Zug Richtung Landesliga sitzen wird: Stammtorhüter Sven Lamparter, der vor allem in der vergangenen Saison den Scharfschützen in gegnerischen Reihen den Weg dorthin wies, wo der Bartl üblicherweise den Moscht holt, wird sich aufs sportliche Altenteil zurück ziehen. Für die Lenninger sicherlich ein Verlust. Wenn's deren oberstem Handball-Lehrer Holger Kiedaisch derzeit unterm Pony schwurbelt, dann allerdings aus anderem Grund: Der heißt Marc Segeritz, war lange verletzt, ist gerade eben wieder da und will schon wieder weg. Die Württembergliga lockt und mit ihr der TSV Wolfschlugen. Warum eins runter, wenn's auch rauf geht?

Rauf wollen natürlich auch die Owener, und wer schon weit oben steht, hat es erfahrungsgemäß leichter, dort auch zu bleiben. Was am Nordportal des Lenninger Tales so alles an der Klinke rüttelt, um sein Scherflein beizutragen, dass die schwarzgelbe Mannschaft auch in der neuen Saison nicht untergeht wie es im Refrain der Vereinshymne beschwörend heißt das kann sich durchaus sehen lassen. Alles freilich streng geheim, wie zu dieser Jahreszeit üblich. Doch der eine oder andere Bewerber soll schon auf dem Feld gestanden haben, wo es Kraft Ligazugehörigkeit richtig guten Handball zu bewundern gibt. Ein Anderer spielt da längst wohltuend mit offenen Karten und leidet still und heimlich und in bester Stoiberscher Manier wie ein Hund. Weil sein Pass beim HVW noch bis 26. März auf Eis liegt, bleibt Owens Oberliga-Heimkehrer Steffen Klett wenig Anderes, als die heftigen Symptome des kalten Entzugs mittels Marathonsitzungen in der Muckibude zu lindern. Im morgigen Derby ritzt er wohl die letzten Minuten seiner unfreiwilligen Abstinenz in die Bank, auf der er neben seinen Kumpels parken wird.

Fragile Schöngeister und notorische Handball-Ästheten sollten die paar Euro fuffzig fürs Eintrittsgeld im übrigen besser in anfangs erwähnte SG-Wurst investieren. Das lohnt. Filligrane Ballkunst gab es beim Kräftemessen der beiden Lokalrivalen in der Vergangenheit jedenfalls selten zu bestaunen. Wenn im Prestigeduell die Brechstange zum Einsatz kommt, bleibt kein Auge trocken und selbst die dümmste Phrase in der Schublade: Über den Kampf hat schließlich noch keiner der Kontrahenten ins Spiel gefunden. Doch keine Bange: Nach dem Abpfiff ist alles vergessen. Man kennt sich, und deshalb ist die Halbwertszeit selbst heftigster Erregungszustände im Tälesderby erfreulich kurz.