Lokalsport

. . . und am Sonntag ist der Kühlschrank leer

318 Punkte, 165 Rebounds und die Saison ist gerade mal zur Hälfte um. Knights-Topscorer Adam Baumann lässt am liebsten Zahlen für sich sprechen. Privat ist der 27-jährige US-Amerikaner ein eher zurückhaltender Typ.

Bernd Köble

Kirchheim. Freundlich, höflich, immer ein Lächeln auf den Lippen. Adam Baumann verkörpert das Idealbild des netten Jungen von nebenan. Für Kirchheims Basketballer ist die Verpflichtung des Mannes aus Arizona der Glücksgriff schlechthin in dieser Saison. Wer immer im Sport an deutsche Tugenden glauben mag, sieht sie im Amerikaner erfolgreich weiterentwickelt. Baumann ist ein knochenharter Arbeiter, ein Musterbeispiel an Effizienz und vor allem eines: ein ungemein lockerer Typ. Wer ihn beim Aufwärmen vor dem Spiel beobachtet, gewinnt den Eindruck, hier gehe es eher um ein Spielchen unter Freunden statt um entscheidende Punkte im bezahlten Profigeschäft. Das ist seine Art der Konzentration. „Wenn ich vor dem Spiel zu sehr fokussiert bin“, so seine simple Erklärung für sein lockeres Auftreten, „dann werde ich nervös.“

Der Erfolg gibt ihm recht: Beachtliche 1 927 Punkte in 113 Zweitligaspielen erzielte Baumann innerhalb von vier Spielzeiten in Hagen. In Kirchheim, wo er zu Beginn der Rückrunde mit einer Bilanz von 318 Punkten und 165 Rebounds glänzt, steht der 27-Jährige vor der vielleicht erfolgreichsten Saison seiner bisherigen Karriere. Dass er im November zum Spieler des Monats in der Pro A gekürt wurde, halten viele gar für untertrieben. Für nicht wenige Experten ist Baumann der beste Spieler der gesamten Liga. Was an guten Tagen in ihm steckt, bewies der Hüne, der seine Freizeit am liebsten im Fitnessstudio verbringt, beim Heimsieg der Knights gegen die Niners aus Chemnitz Anfang Dezember. Seine 38 Punkte und 19 Rebounds sind bis heute Saisonrekord. Sein Erfolgsrezept: das Team und der Trainer. Ersteres funktioniert als Einheit immer besser, Letzterer schenkt ihm das Vertrauen und die nötige Spielzeit. Baumann wiederum dankt es seinem Lehrmeister Frenkie Ignjatovic durch beständig gute Leistung und der Arbeitseinstellung eines Profis.

Seine Allrounderqualitäten verdankt der in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene jüngste Spross einer sportbegeisterten Familie seiner breiten Ausbildung. Tennis, Golf, Baseball – kaum eine Sportart, von der Baumann nicht zumindest Grundkenntnisse besäße. Im Alter von vier Jahren begann er, Fußball zu spielen. Bis ins Teenageralter stand er im Highschool-Team seiner Heimatstadt Phoenix. Eine typische Grundausbildung wie sie viele US-Kids durchlaufen. „Soccer ist im Kindesalter in USA weit verbreitet“, sagt Baumann. Die meisten entscheiden sich erst später für die klassischen US-Sportarten. Ein Blick in den Spiegel sollte genügen, um seine Entscheidung zu verstehen: 110 Kilo Muskelmasse verteilt auf 2,04 Meter Körpergröße – Das sind hilfreiche Eigenschaften unterm Korb. Seiner alten Liebe Fußball ist er trotzdem treu geblieben. Wann immer es geht verfolgt er die deutsche Bundesliga und freut sich auf die seltenen Momente, wenn im Training der Ball rollt. In dieser Saison war dies erst einmal der Fall, doch das breite Grinsen auf seinem Gesicht verrät: Im teaminternen Nationenkampf haben die US-Boys dem Mutterkontinent des Fußballs gezeigt, wie man mit der Pille erfolgreich umgeht. Um in Europa richtig Geld zu verdienen, meint Baumann, habe er sich wohl für die falsche Sportart entschieden.

Ungeliebtes Terrain? Das gibt es auch. Nichts hasst der ballverliebte Riese mehr, als jene Tage, an denen Lauftraining im Kalender steht. ­„Boring“ – langweilig – und mental zermürbend sei das Laufen und auch auf Skier wagt er sich nicht mehr, seitdem er sich bei einem kapitalen Sturz einmal beinahe umgebracht hätte, wie er sich lachend erinnert. Schnee und Kälte sind ohnehin nicht sein Ding. Als einer, der in der Wüste Arizonas aufgewachsen ist, sehnt er den Frühling herbei und die Zeit, wenn die ersten Sonnenstrahlen in die Straßencafés locken. Dann will er sich endlich auch um einen geeigneten Platz zum Golfspielen kümmern. Dafür war bislang keine Zeit oder das Wetter zu schlecht.

Baumann hat wenig gemein mit den zahlreichen Egozentrikern und Paradiesvögeln unter seinen Landsleuten im Basketballgeschäft. Ein ausgeflippter Typ? Mitnichten. Ein „Homebuddy“ sagt er von sich selbst, der die Ruhe seiner kleinen Wohnung genießt, abends US-Fernsehen schaut oder ein Buch zur Hand nimmt. Die Kleinstadtatmosphäre in Kirchheim kommt ihm da entgegen. „Es gefällt mir hier“, sagt er. „Hier ist alles überschaubar und nah beisammen.“ Fragt man ihn, was ihn an Deutschland stört, dann muss er lange überlegen, bis ihm am Ende doch noch eine Antwort einfällt. Seine Einkaufsgewohnheiten an die deutschen Ladenöffnungszeiten anzupassen, ist ihm noch immer nicht gelungen. Kneipe oder hungern - vor dieser Wahl steht er fast immer, wenn die Woche sich dem Ende neigt. Am Sonntag nach dem Spiel, meint er lachend, „sind die Läden dicht und bei mir der Kühlschrank leer.“

In Hagen, wo Baumann im Sommer seine Zelte abschlug, blieb er vier Jahre. Für einen US-Basketballer eine ungewöhnlich lange Zeit. „Die vier Jahre waren eigentlich nicht geplant“, gesteht er offen ein. Er habe sich dort einfach wohlgefühlt und die Fans haben ihm den Abschied nicht leicht gemacht. In Kirchheim läuft sein Vertrag bis Saisonende. Was danach kommt, ist völlig offen. Ob ein Baumann in derzeitiger Form für die Knights zu halten sein wird, erscheint fraglich. Er selbst hält sich bedeckt, will im Laufe seiner Karriere noch die eine oder andere Erfahrung sammeln, bevor er in die USA zurückkehrt, um eine Familie zu gründen und sesshaft zu werden. Was nach dem Basketball kommt, weiß er nicht. Nur so viel: Er will zurück nach Phoenix, sich dort vielleicht seinen Jugendtraum erfüllen und Feuerwehrmann werden. Ein angesehener Job, in dem er in seiner Heimat einige Freunde hat. „Das ist wie im Sport“, sagt er. „Du hast ein Team, und du bist körperlich gefordert.“ Bis es so weit ist, sind andere mit Löscharbeiten beschäftigt, denn wo Baumann unterm Korb auftaucht, da brennt‘s.

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